Covid. Metamorphosen.

Montag.

Irgendwo.

Ovid statt Covid am Mittelmeer. Wir trinken Rosérosérosé. In der “Cave au Vin” an der Strandpromenade gibt es welchen. Bio, Cote de Provence, für 12 Euro. Das ist ein gutes Tröpfchen, Mannomann. Da muss irgendwas drin sein. Ich weiß nicht was. Der macht dermaßen gute Laune. Du trinkst ein Glas und bist nur noch am Lachen. Du gehst baden und das Wasser ist NOCH angenehmer, kühler, türkiser, tiefer, blauer. Du schwimmst und grinst und schwimmst und grinst.

Vorwärtsrolle, Rückwärtsrolle. Plansch plansch plansch. HERRLICH.

Ich spiele in den Wellen und dieser hübsche Jesus da neben mir macht das auch. Sich bäuchlings reinlegen im Flachen, Blick zum Strand und dann kommt sie an, die Welle und bricht und dann, Hui! Alles auf den Kopf. Und bei der nächsten dann aufspringen und sich so rückwärts reinwerfen. Dazwischen tauschen wir Blicke. Oh Mann, ist der hübsch. Schwarze Augen, schwarze Haare, Topfigur, drahtig und schmal, kein Gramm Fett am Körper. Und genau mein Alter. Irgendwas zwischen 16 und 23. Als ich später am Strand an ihm vorbeigehe, passiert es wieder. Wir starren uns an. Er sagt “Bonsoir”, ich auch. Mir wird ganz heiß. Am Rückweg nochmal das gleiche Spiel. Gucken, grinsen, grüßen. Es geht noch. Ich bin wieder drin, back in the game. Danke Jesus!

Philosophie: Was war eigentlich zuerst da, die Henne oder das Ei? Wie kann man eine Maske kaufen, ohne Maske? Wenn man doch ohne Maske, gar nicht erst in die Apotheke reinkommt? 

Mir egal, ich hab ja welche. Mittlerweile sogar eine aus Stoff, von Lidl.  Wo ist die eigentlich? Zusammengeknüllt irgendwo unten im Strand- Aldibeutel.   Die andere, aus Papier, klemmt  zwischen Sand, Steinchen , Tabakkrümeln und Feuerzeug in der Shortshosentasche. Muss ich vor dem Aufsetzen immer kurz ausschütteln, damit ich kein Strandgut einatme, wenn ich Rosé oder neue Masken shoppe.

Wenn man im Candy Crush ein Leben haben will, kann man jetzt Werbung von der Berliner Senatsverwaltung sehen. Die wollen, dass man Quereinsteiger wird, also Lehrer. Wie sie das machen, habe ich nicht mitbekommen, ich seh bei der Werbung ja meistens nicht hin, weil ich ja nur das Leben haben will. Hab nur den Spruch am Ende gelesen. „Werden Sie Lehrer.“ Oder sowas. Und „Berliner Senat.“ Die wollen also, dass man mit dem Candy Crush spielen aufhört und Lehrer wird. Ein Grund mehr, die Berliner Schulen skeptisch zu betrachten. Hallo Senat, wie verzweifelt muss man sein, wenn ihr euch wegen Lehrern schon an uns Candy Crush Spieler wendet? 

Will ich wirklich, dass meine Kinder von Candy Crush Spielern unterrichtet werden? 

Wenns nach mir geht, müssen die ja überhaupt nicht mehr unterrichtet werden. Bald ist es wieder so weit. Nach Hause fahren, früh aufstehen, Haare kämmen, Hausaufgaben, Läusekuren.

Ich weiß nicht, ob ich wieder in den Rhythmus komme. Was ist, wenn nicht? Weil es muss doch sein. Können wir denn nicht einfach hier bleiben, am Mittelmeer? Hier gibt’s doch auch Schulen? Aber Permanent Vacation, das geht doch auch nicht. Da verblödet man doch. Hilfe! Ich will nicht verblöden. 

Aber wie reißt man sich zusammen? Wird schon irgendwie gehen. Wenns nicht klappt, hauen wir einfach wieder ab. Zum Verblöden ist es schließlich nie zu spät. Es gibt auch noch Hoffnung. Vielleicht dürfen wir ja gar nicht mehr zurück. Jetzt soll man sich schon testen lassen müssen, falls man in einem Risikogebiet war. Wenn ich Glück habe, dann befinde ich mich gerade in einem solchen.

Erboste Steuerzahler und Nichturlauber fordern schon, dass man den Coronatest selber zahlen soll. Aber wovon denn nur? Hab doch alles schon für Rosé und Masken ausgegeben. Was kostet denn so ein Test überhaupt?

Ich will nicht gestestet werden, ich bin schon genug getestet worden. Kann ich das in Raten bezahlen? Komme ich ins Gefängnis, wird mein Konto gepfändet, wegen nicht bezahlter Coronatestraten? Was hält das Schicksal für mich bereit?

Die zweite Welle kommt, soviel ist sicher. Denkt an meine Worte. Die Zeichen stehen positiv. Ansteckungsfaktor in Deutschland ist immerhin schon bei 1,78, meint Eric Blanc und schaut mich düster an.

Aber ob Welle oder Sich- Zusammenreißen- Müssen, oder Beides. Sind noch eine Weile hin. Bis dahin kann man vielleicht noch ein bisschen baden gehen und Bötchen fahren und nach Jesuleins suchen und Coronatestgeld ausgeben auch. 

Ich bräuchte eigentlich schon wieder eine neue Sonnenbrille. Bei den anderen beiden ist ein Bügel abgebrochen. Weil ich sie nicht ins Etui getan habe, weil ich kein Etui habe. Jetzt hängen sie so schief überm Gesicht und rutschen ab und das ist so schade um die schönen Brillen.

Der Typ auf dem Hinweg,  schräg vor mir, in der Bahn, der hatte ein Etui. Und nicht nur das. Der hatte ein Säckchen fürs Etui, damit auch das geschützt wird. Er holte also das Etui- Säckchen aus dem Rucksäckchen und daraus dann das Etui und daraus dann die Brille. Die hielt er dann, ganz delikat, zwischen Daumen und Zeigefinger und putzte sie dann mit einem Brillenputztuch, dass auch sehr beschützt in einem Zellophansäckchen wohnte.

Nachdem ich das Brillenputzschauspiel mehrere Minuten betrachtet hatte, habe ich dann heimlich mitgefilmt, wie er das Brillenputztuch wieder auf Kante zusammenlegte und es nicht ganz ohne erhebliche Mühen, wieder im Plastiktütchen verstaute udn dieses dann wiederum im Brillenetui und dieses dann im Etuisäckchen und dieses dann im Rucksäckchen.

Soviel Fürsorge und Hingabe für eine Sonnenbrille. Wie fantastisch wird ein solcher Kerl dann erst mit seiner Verlobten umgehen?

Gott segne ihn. Mögen dem Guten nie die Bügel abbrechen. Also ich habs verdient, aber er doch nicht. 

Witzig, wie beflissen ich den Code zum Törchen unserer Gated Community hier eingebe, in der sich unser Apartment befindet. Irgendwie will ich GUT darin sein, den Code einzutippen. Also mache ich das immer ganz schnell und ohne Zögern. Es soll lässig und beiläufig rüberkommen, als wäre ich nicht zum ersten Mal hier, als würde ich tagein tagaus nichts anderes machen, als den Schließcode zum Portälchen einzugeben. Dabei sieht mir sowieso keiner dabei zu, also niemand außer mir selbst und natürlich GOTT. So ist der Mensch nunmal, liebe Freunde. Immer will er alles gut und richtig machen. Ob Brillen putzen oder Codes eingeben. Das ist das göttliche Gesetz.

Also, ich liebe es. Aufstehen, Badehandtuch über die Schulter werfen und dann ab zum Törchen, zackzack Code eintippen und huschhusch zum Strand, ab ins Wasser.  

Der Code ist leicht zu merken: 3645, wenn man raus will,  3645A wenn man rein will. Wie zweiter Weltkrieg, nur, dass er drei Jahre früher anfängt. 36-45. Easy.

Irgendwie jedesmal ein geiles Gefühl, wenn sich dann die Tür tatsächlich öffnet. Sinnloser Stolz darauf, den Code zu kennen und ihn sich richtig gemerkt zu haben.

Ich bin glücklich, weil ich so leicht glücklich zu machen bin. Ich brauche nur Mittelmeer, Bötchen, Klippen zum Runterspringen, Rosé, Codekenntnisse und ab und zu eine Begegnung mit Jesulein.

1 Kommentar

Kommentieren

Kommentar verfassen