CoronikPt48

Dienstag.

Als ich morgens an der Ampel warte, sehe ich in den Himmel. Er ist tiefblau, darin türmen sich dramatische Wolken. Scharf abgegrenzt, gewagt angeordnet: Überirdisch schön. 

Überirdisch schöner überirdischer Wolkenhimmel. 

Dies wird nicht bleiben. Die Industrien sitzen unruhig in den Startlöchern. Wollen wieder loslegen. Nachts hört man sie mit den Füßen scharren. Bald werden wieder Flugzeuge kreuz und quer fliegen und schon ab dem frühen Morgen werden zerfasernde Kondensstreifen einen milchigen Schimmer vor die Sonne legen, das Himmelblau verwaschen, die Wolken verschmieren, die Klarheit verschleiern.

Die Luft hier unten ist ja schon lange wieder voller Feinstaub. 

Alle fahren zur Arbeit: 

Die Friseusen zu den Friseusen- Salons, 

die Nageldesigner in ihre Nageldesignerappartments, 

die Brazilianer in ihre Waxing Werke, 

die Make- Up- Artisten in ihre Make- Up- Zirkuszelte, 

die Tätowierer in ihre Tattoo- Tempel, 

die Piercer in ihre Piercing- Paläste.

Alle sind unterwegs. Die Admins, die Pusher, die User.

Alle sind wieder am Start, als wäre nichts gewesen. 

Stehen im Stau, sitzen in der Bahn, drängeln sich an der Ampel und ich mittendrin. 

Sehe hoch in den Himmel und zurück zur Erde und werde von einem ultramassiv anbrandenden Gefühl tiefen Weltekels beinahe aus den Angeln gehoben.

In der Nebenstraße dann nähert sich ein Mann und schiebt einen orangefarbenen Bugaboo- Kinderwagen.

Sieht aus wie eine kleine Baby- Müllabfuhr.

Orange ist eine kalte Farbe.

Orangefarbene Häftlingskleidung in den USA, damit man bei der Flucht besser gesehen wird.

Clockwork Orange. Uhrwerk Orange. 

Soll vom malaischen Wort “Orang” Mensch kommen. Menschen- Uhrwerk. Oder Cockney- Begriff: “as queer as clockwork orange”. Bezeichnet die Absurdität einer Zwangsehe zwischen Uhrwerk und Orange, Mensch und Maschine, Bösewicht und mir.

Die Farbe Orange. 

Müllmann, Mönch und Mensch.

Orangenhaut.

Die würde sicherlich gegen den Bösen helfen. Mir ist das schon zu lange, zu anstrengend mit dem.

Es ist klar, wir passen nicht zusammen. Sexuell eventuell sicher auf jeden Fall, ja klar, jajaja und vielleicht gibts noch irgendwelche sonstigen Ebenen.

Aber ganz grundsätzlich, passen mein zukünftiger Ehemann und ich, überhaupt nicht zusammen. Nach allem, was ich bisher so über mich herausgefunden habe, bräuchte ich einen Mann, der mich ausgleicht und beruhigt und nicht einen, der mich noch irrer macht. 

Alex und seine Bande haben die Holzbänke auf dem Mittelstreifen der Allee zerdroschen. 

“Wer solche Menschen hat, der braucht kein Virus mehr.” sagt eine Stimme in meinem Kopf. Ich weiß nicht, was sie meint, aber es klingt gut.

Durchs Küchenfenster ist wieder das Gebrüll der Hofkinder zu hören. Wie jeden Tag von morgens kurz nach acht bis abends neun Uhr.

Sie haben tiefe Löcher in die Wiese gebuddelt und benutzen die Bierbänke und Tische, an denen wir in den letzten Jahren Grillparties gefeiert haben, als Rutschen, Klettergerüst und Balancierstangen. 

Dafür haben sie das richtige Balancierseil, das nette Leute zwischen zwei Bäume gespannt haben, zerschnitten, das Trampolin zerlegt, die Blumen ausgegraben, die Schaukeln massakriert. 

Auf die Wiese lege ich mich schon lange nicht mehr, weil sie einem da Fußbälle an den Kopf kicken, oder einen beim Fahrradrennen haarscharf streifen. 

Dazu das Getrappel, Geschrei, das Rattern der Bobbycars, das Rollern der Roller, das stumpfe Ballgekicke den ganzen Tag. Wir gehen nur selten auf den Hof, Spongebob, Patrick und ich. Wir stromern lieber draußen rum, als wie durchgedrehte Zootiere im Hinterhof zu marodieren.

Der Böse und ich, mein geliebter Schatz und ich, mein Liebling und ich, wir passen nicht zusammen. Ich bin ihm zu durchgeknallt und er ist mir zu abweisend, abwesend, abreisend.

Ich bin zu anhänglich, er ist zu unabhängig. Das passt nicht, das geht nicht.

Ich bin nicht die Richtige für ihn. Wenn ich an ihn denke, stelle ich mir immer vor, dass er von mir genervt ist, oder mich auslacht.

Egal, was ich tue, egal wie sehr ich mich um ihn bemühe, wie dreckig er es mit mir treiben darf, wie lieb ich ihn massieren darf.

Es geht nicht vorwärts. Er lebt sein Leben und ich meins und wir kommen nicht zusammen.

Vielleicht kann er nicht, vielleicht will er nicht, vielleicht reiche ich ihm nicht, was auch immer. Ich weiß nicht, was er von uns denkt, was er will, ob er was will, wohin er will. 

Ich trau mich nicht mehr, ihn sowas zu fragen. Am Ende heule ich und er zetert. 

Aber er sollte mittlerweile eigentlich wissen, was ich mir wünsche und was ich möchte, denn er ist schließlich ganz und gar nicht blöd und ich bin ganz und gar nicht geheimnisvoll. 

Und da ist es doch egal, ob ich seine Handlungen oder Nicht- Handlungen und Heimlichkeiten und Zurückweisungen, nicht persönlich zu nehmen brauche, bzw. ob sie überhaupt etwas mit mir zu tun haben. 

— 

Ich wäre gern mit jemandem zusammen, dessen Handlungen etwas mit mir zu tun haben, also ich hätte gern einen Mann, der mit seinen Handlungen einen Bezug zu mir herstellen möchte. Ich wäre gern mit jemandem zusammen, der mich liebt. 

Der Böse und ich, wir passen einfach nicht zusammen. Ich glaube fast, ich könnte mittlerweile damit, also ohne ihn, klarkommen. 

Also irgendwann mal. Vielleicht liebt er mich ja doch, ich muss ihm nur noch ein wenig länger Zeit geben, mich zu prüfen, zu vergleichen und zu testen, dann wird er sicherlich eines Morgens aufwachen und es schnallen.

Und dann macht er mir einen Heiratsantrag und ich sage Ja, na sichi will ick.

Ach, wie schön wird unser Leben dann werden.

Wir hatten einen schweren Anfang, werden wir sagen, aber jetzt ist endlich alles gut.

4 Kommentare

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„Sehe hoch in den Himmel und zurück zur Erde und werde von einem ultramassiv anbrandenden Gefühl tiefen Weltekels beinahe aus den Angeln gehoben.“

… immer wieder spannend, wie Sie meine Gefuehlslagen so viel exakter formulieren koennen, als ich dazu in der Lage bin….

Liebe Frau Ruth,

Jeden Tag luge ich hier vorbei und warte neugierig auf neue Einträge, auch dieser hier findet mein Wohlgefallen und spricht mir aus der Seele.
Da brauch Frau/Mann nicht erst den guten alten Albert C zu lesen um zu wissen, dass das Ultrabrutale, bisschen Horrorshow, bald wieder los geht wenn die „Fesseln“ erst gelöst sind. Mit Schrecken denk ich an den Lärm der die Stille vertreibt, an die Abgase, den Feinstaub, an das was wir Alltag nennen, Normalität. Liegt in der Natur des Menschen sich und alle anderen zu ruinieren statt lieb zu einander zu sein, sich Schnittchen zu machen, lecker Molokoplus zu süffeln und zu lächeln. Aber auch das wird vielleicht auf Dauer unerträglich?

Bitte weiterschreiben, ich mag Sie und das!

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