CoronikPt25

Momentan ist es so unordentlich zuhause. Klamotten, Papiere, Stifte, Geschirr, Stäube, verwelkte Blumen, Puzzleteile, alles ein Brei. 

Diesen Aufräumkomplex, den sollte ich auch mal bearbeiten. Klar, ist eine ordentliche Wohnung schöner, aber Aufräumen geht grad nicht. 

Man müsste mein Gehirn neu verdrahten. Diese Ordnungs/ Unordnungsneurose, die liegt tief in den Genen meiner Familie, oder überhaupt in allen Familien, wie ich das bisher so mitbekommen habe. Das muss noch so ein 50er Jahre- Nazi- Kaiserreich- Brüder Grimm- Ding sein. Goldmarie, Gretel, Schneewittchen. Sie alle haben fleißig geputzt und wurden reich belohnt.

Schon Oma zählte am Telefon immer stolz auf, was sie in Sachen Ordnung am Tage schon geleistet hatte. Gestaubsaugt! Fenster geputzt! Abgewaschen! Man kennt das ja von sich selber, dass man da stolz drauf ist. 

Aufräumen. Häusliche Ordnung als Gradmesser für den Selbstwert. 

“Igitt wie es hier mal wieder aussieht. Ich bin echt das Allerletzte, kein Wunder, dass mich niemand liebt.”

Also ich kanns grad nicht. Aufräumen. Irgendwie muss es sein, aber irgendwie ist es auch extreme Zeitverschwendung.

Wenn Besuch da ist, stört es mich gar nicht, nebenbei die Küche zu putzen. Ich setze den Gast in eine Ecke, unterhalte mich, öffne einen guten Tropfen aus dem Weinkeller, teile mir eine Cohiba und räume nebenbei die Spülmaschine ein, wische die Krümel von den Marmorplatten, poliere das Familiensilber, stapele die Messerbänkchen, biege die Austerngabeln gerade und bekomme das alles beim Plaudern gar nicht so richtig mit und wenig später glänzt die Küche wie 1818. 

Aufräumen. Extrem ätzende Tätigkeit, extrem langweiliges, extrem oft bearbeitetes Thema sowieso. 

Kann mich noch erinnern. Mutter und ihre Brüder haben sich daran versucht, haben Kunst draus gemacht, ich dann später auch. Wie alle, das war modern in den 80ern, in den 90ern:

Lebhafte Beschreibungen der Müdigkeiten, angesichts von schmutzigem Geschirr, Wäschebergen, herumliegendem Kram. 

Onkel X. schreibt Romane über unsere Familie, in denen er sich noch mit über 60 darüber beklagt, dass er als Kind den Müll runterbringen musste, bzw, welchen Ärger es gab, wenn ers vergessen hatte. 

So will ich auf keinen Fall werden. 

Ich könnte mich ZUSAMMENREISSEN. 

Mir in den Arsch treten und ENDLICH AUFRÄUMEN.  

Aber ich bin noch nicht so weit. Ich muss erst den richtigen Ansatz finden. Ich will diese Stimmen (Mutters? Großmutters? Deutschlands?)  nicht hören, wenn ich den Besen schwinge:

“Na endlich! Wurde ja auch mal Zeit! Ja siehste, jetzt musste richtig dolle schrubben, weil du das so lange nicht gemacht hast! Geschieht dir ganz recht! Hättest du mal gestern schon aufgeräumt, dann müsstest du heute nicht so viel aufräumen! Pfuipfuipfui, ist ja wirklich ekelhaft, dieser Dreck.”

Und ich will auch die andere Stimme (meine) nicht hören, die dann antwortet: 

“Hau ab, mir doch egal, wie’s hier aussieht, ich mach was ich will, lass mich in Ruh.”

Mit diesen Stimmen im Kopf bekomme ich sowieso nichts zustande. Mit diesen Stimmen im Kopf, lasse ich den Lappen fallen, werfe mich mit dem Handy aufs Bett und spiele Candy Crush bis ich kein Leben mehr habe und hasse mich.

Aber sich hassen, weil man nicht aufräumt, ist Blödsinn, ist, wie sich lieben, weil man aufgeräumt hat. Ich muss den Kreislauf durchbrechen. Ich will bedingungslos selbstgeliebt werden.

Ich will nicht brav und auch nicht trotzig sein, bloß weil ich aufräumen muss, ich bin doch kein Kind mehr.

Bis es soweit ist, tue ich einfach so, als wäre ich glücklich und zwar ganz genau jetzt in diesem Moment, drinnen, bei geschlossenen Vorhängen sitze ich am Rechner, inmitten von Staub und Spinnweben und fühle mich superwohl, obwohl draußen die Sonne scheint.

Ich räume auf oder nicht, ich gehe raus oder nicht. und zwar heute oder morgen oder nicht. 

Ich will mir nicht mehr zu viel oder zu wenig Mühe geben. 

Ich will mir gar keine Mühe mehr geben, sondern Liebe.

Vielleicht räum ich dann irgendwann mal auf, damit ichs schön gemütlich habe, Schatz.

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