CoronaDiaryPt7

Sonntag, der 22. März 2020. Horny und haltlos wie ich bin, gerate ich immer mehr in Versuchung, dem Bösen zu schreiben. Wir haben uns auf fünf Kanälen gegenseitig blockiert, aber SMSen sollten eigentlich noch ankommen. 

Da rettet mich die Bundeskanzlerin persönlich, indem sie ein Kontaktverbot ausspricht. (Bevor sie sich selber in Quarantäne begibt.) 

Als getreue Staatsbürgerin unterbreche ich also umgehend meine, in die komplett falsche Richtung führenden, Gedankengänge. 

Der von mir hochverehrte, österreichische Schriftsteller, Heimito von Doderer führte auch Tagebuch. Am 22. März 1950, bei ihm wars damals ein Mittwoch, beginnt er seinen Eintrag , wie passend!, mit diesem Satz:

“Man sitzt zwischen den Mauer- Resten eines Lebens und gut ist`s, wenn man über diese hinaussschauen kann; aber, wie viele führen ihr Dasein bis ans Ende im dichten eigenen Hause. Viele zwischen Trümmern ihrer selbst, die aber genügen, um die Sicht zu sperren.”

Ich telefoniere mit Mutter. Sie sagt:

“Sie haben sogar die kleine Sandkiste bei uns im Hof gesperrt, da haben doch nur die Kinder aus dem Haus gespielt, absurd!”

Ich antworte:

“Nein gar nicht, wenn die kleinen Kinder da zusammen buddeln und eines von denen hat das Virus und geht damit nach Hause und steckt die Eltern an und am nächsten Tag fährt einer von denen Straßenbahn und so weiter…”

“Ach hör doch auf zu predigen.” sagt Mutter. “Das weiß ich doch alles.”

“Ja aber, wenn du es weißt, wieso sagst du dann, es wäre absurd…”

“Naja…also wirklich…ist doch übertrieben…die kleine Kiste…”

Mit Mutter zu telefonieren, ist neuerdings ein bißchen, wie mit dem Bösen Nachrichten zu schreiben: Es eskaliert immer sehr schnell. Ich reiche das Telefon lieber an die Kinder weiter, bevor es so weit ist. 

Ich habe mit “Krieg und Frieden” begonnen, als hätte Tolstoi es geahnt, ist hier gleich auf der ersten Seite die Rede von der Grippe:

“Anna Pawlowa hustete seit einigen Tagen, sie hatte, wie sie sagte, die Grippe- “Grippe” war damals ein ganz neues und nur von ganz wenigen gebrauchtes Wort.”

Als die Kinder mich schon am hellichten Nachmittag danach fragen, ob sie sich “inspirieren lassen dürfen” schleife ich uns alle hinaus in die Sonne, zum spazierengehen. 

Eigentlich erleben wir gerade eine herrliche Utopie: Wir müssen weitestgehend zu Hause bleiben, aber dafür müssen sich auch Staat und Wirtschaft, die Kraken, die uns sonst tagein tagaus versklaven, aus unseren Leben zurückziehen: Finanzämter, Jobcenter, Versandhändler. Alle können nur reduziert arbeiten und liefern, müssen die Finger von unseren Seelen und Portemonnaies lassen. 

Befreit atmen wir auf. Vielleicht werden wir die nie wieder zurück haben wollen. Vielleicht sind Merz und Merkel uns in der Quarantäne nützlicher als draußen. Die Basics für ein frohes und gesundes Leben haben wir doch: Elektrizität, Kanalisation und Internet. Jetzt müsste man den ganzen Betrieb halt nur irgendwie am Laufen halten, aber ohne Staat und Kapitalismus.

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