CoronaDiaryPt5

Donnerstag. Eigentlich gehts mir gerade ganz gut. Die Lage ist stabil. Das bleibt jetzt alles erstmal so, vorausgesetzt, es bleibt erstmal so. 

Ja, tuts ja auch, hier passiert ja nichts. Es gibt ja nur noch uns, meine Kinder und mich. 

Ich mache, was ich will, ich mache, was die Kinder wollen, ich habe zu tun, ich habe frei, ich kümmer mich, ich ruh mich aus, ich mach mein Ding, ich hab Deadlines, ich mach alles, ich mach nichts. 

Keine Paras, keine Depression, kein Stress.

Aber wer weiß, was morgen ist. Auf meine Stimmung trifft haargenau dasselbe zu, wie auf die Corona- Pandemie- Ausnahmezustands- Gesamtsituation: 

Man weiß nicht, wie lange es dauert, aber es geht vorbei. 

Aber ich wette, morgen geht es mir noch besser als heute. Ich finde gerade alles super.

Ich liebe zum Beispiel das Spielplatzverbot. Endlich muss man da nicht mehr hin! 

Wir gehen stattdessen spazieren, die Straßen sind leer, alle lächeln einen dankbar an, wenn man einen Bogen um sie macht. 

Die Menschen bekommen endlich ein Gefühl für Abstand. Man will einander nicht mehr infizieren. Man spricht leiser und weniger, damit sich keine virushaltigen Spucketröpfchen in der Luft verteilen können. 

Ich mag diese Berührungsvermeidung, ich mag die Stille, ich mag die Leere. 

Ja, man kann sagen: Aus Leben wurde Schweben.  

Von mir aus kann es so bleiben. 

Sie werden ja um Himmels Willen, nicht wirklich nach den Ostern die Schulen wieder aufmachen. Aber was rede ich. Natürlich nicht. 

Ich habe die illegalen Legosiedlungen im Wohnzimmer planiert und dann durften die Kinder sich inspirieren lassen, damit ich in Ruhe mein Nachmittagsschläfchen halten konnte. 

Ich bin so heilfroh, dass ich hier jetzt nicht mit einem Mann zusammengesperrt bin und mich mit ihm darum streiten, wer sich um die Kinder kümmern muss und wer arbeiten darf, oder umgekehrt. 

Eric Blanc würde jetzt wie immer, Tag und Nacht ketterauchend vor dem Rechner am Küchentisch sitzen, das Radio auf voller Lautstärke, die Spüle wäre voll mit dreckigem Geschirr, auf dem Herd stünden verkrustete Töpfe und im Kühlschrank würden 10 Kilo Zucchini aus dem Sonderangebot verfaulen. Es wäre mir streng verboten, sauberzumachen. 

“Ich mache das!” würde er rufen und wütend werden, wenn man ihn fragte, wann.

Ich würde irgendwie gelähmt, wütend und depressiv und von den Kindern umlagert, an meinem Rechner im Wohnzimmer sitzen und mich fragen, ob es nicht herzlos und grausam von mir wäre, ihn genau jetzt, während der Pandemie rauszuwerfen, hinein in den tödlichen Tröpfchenregen und den Kindern den Vater zu nehmen und eine Familie zu zerstören, bloß wegen solcher Kleinigkeiten, wie einer ungeputzten Küche. 

Eric Blanc machte einfach immer sein Ding, er konnte das, er hat das einfach gemacht. 

Sein Ding war eben, ketterauchend am Rechner zu sitzen, er musste ja “einen Artikel schreiben”, der nie fertig wurde und wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, hatten die Kinder immer noch ihre Pyjamas an und die ganze Bude zerlegt, meine teuren Zeichenstifte lagen kappenlos auf dem Boden, mein Skizzenbuch war bekleckst und zerrissen, meine Ausdrucke zerfleddert und kein Buch mehr im Regal. 

Ich sei zu materialistisch, sagte Eric Blanc dann, alle hätten gute Laune und ich solle mich mal entspannen und mich mit ihm aufs Bett legen 

Aber das ist lange her und mittlerweile egal.

Eric Blanc konnte ich mir noch selber vom Halse schaffen, aber für seinen Nachfolger, den Bösewicht, brauchte ich Hilfe.

Nur ein Wunder konnte mich vor ihm retten. Ich war so zerrissen, zerrissen wie die Heilige Corona. Wut und Sehnsucht, Sehnsucht und Wut. 

Ich kann mich doch so schlecht abgrenzen. 

Egal wie böse der Böse zu mir war, egal, wie weit er ging, ich konnte nicht aufhören, ihm hinterherzulaufen.

Ich habe um Rettung gebetet, zum Himmel um Hilfe gefleht.

Und siehe da, Corona erhörte mich. Nur sie konnte mich dem Bösewicht vom Leibe halten.

Sie kam, setzte mir Grenzen und schloss sie.

(morgen mehr)

Schreibe einen Kommentar