CoronaDiaryPt4

Mittwoch. Oder ist heute Dienstag oder Donnerstag? 

Wir gehen die Schönhauser Allee entlang. Der Brazilian Waxing Laden nebenan hat noch auf. Ebenso das Nagelstudio.

Ich telefoniere mit meinem Exehemann Gerd, dem Vorgänger von Eric Blanc. 

Gerd sitzt auf Ibiza im Hausarrest. Macht nichts. Er hat eine Finca für sich allein. Großes Grundstück mit Pool dazu. Aber an den Strand darf man nur noch mit Hund. Im Supermarkt müssen alle Handschuhe anziehen. Montag kommt er zurück. Oder wäre es nicht besser, erstmal dort zu bleiben? Aber die werfen jetzt peu à peu alle Ausländer raus, damit es im Fall der Fälle weniger Patienten gibt, sagt Gerd. 

Ich bin froh, dass er bald wieder hier ist. Er wohnt um die Ecke und hat ein Auto. Sicher ist sicher für den Fall der Fälle. 

Oder sollte man doch noch schnell zu Freunden aufs Land? Aber da gibts kein WLAN und man kann ja auch nicht immer nur im Wald spazierengehen. Falls es nächste Woche wieder kalt wird, sitzt man dann zusammengepfercht um den Ofen in der kleinen Küche. 

Alle husten und saufen und irgendwann schlagen wir uns die Köpfe ein, weil jemandes Kind zu viel Kekse gegessen hat. 

Nein, nein, ich bleibe, wo ich bin. Wo ich bin, siehts mal wieder wüst aus, dabei habe ich doch gestern (oder vorgestern?) erst aufgeräumt. 

Ich müsste schon wieder Spülmaschine und Waschmaschine…und so weiter.

Die Kinder zerspielen alles. Sie haben jedes Zimmer mit Wohnungen besiedelt. “Schau mal, Mama, mein Haus! Hier geht man rein, das ist der Flur, da die Küche, hier schlafen die Eltern, da ist das Kinderzimmer, hier oben das Esszimmer, dort das Arbeitszimmer. Da ist die Terrasse, da der Stall, die Weide ist oben auf dem Tisch, da führt ein Weg hoch, den kann man aber nicht sehen.”

Es gibt Häuser aus Duplosteinen, Legosteinen, aus Bauklötzen, aus Playmobil- Elementen und aus Einzelteilen des großen Schleich- Reiterhofes, den sie zu Weihnachten bekommen haben. Dann sind da noch die Collagen, die wir gemacht haben und die Schnipsel und die Stifte und die Acrylfarben und die Illustrierten und die Scheren und die Wollbommeln. 

Wir arbeiten schon an der dritten. Das ist eine meine neuen Lieblingsbeschäftigungen: Bommeln machen. Das ist so meditativ, den wuscheligen Wollfaden durch die Pappringe zu ziehen. Er ist extrem flauschig und extradünn, Mohair und Acryl und türkis, wir haben das Knäuel noch auf den letzten Drücker im Fachhandel besorgt. 

Also, ich bin den ganzen Tag busy, es ist kaum zu glauben, was es alles zu tun gibt, wenn sonst alles wegfällt.  Die Schule schickt Lernpläne. Aber wir üben noch kein Mathe, dafür habe ich den Kindern heute anhand des Verhaltens eines Wassertropfens, Adhäsion und Kohäsion erklärt. Außerdem bringe ich der Kleinen Lesen bei, damit sie nicht immer den GANZEN TAG mit mir spricht. 

Alle machen jetzt Livestreams, die Theater, die Clubs, Künstler und Schriftsteller und Musiker. Aber ich bin zu busy für Livestreams. 

Während ich das Abendessen koche, also Fischstäbchen in den Ofen schiebe und Tiefkühlpommes brate, telefoniere ich mit einer Freundin. 

Sie findet es “übertrieben” dass ihr Yogakurs nicht stattfindet und auch die Chorprobe gecancelt wurde. Ich stimme ihr leichthin zu, weil ich ihre entspannte Herangehensweise mittlerweile recht wohltuend finde.

Denn auf Twitter hat sich inzwischen der Tonfall verschärft. 

Auf Twitter keifen die alten Männer herum, wettern gegen die zu lasche Merkel und den lahmen Berliner Senat und sehnen sich dringend, die dringend notwendige Ausgangssperre herbei. Wenn sie schon heroisch auf “alles” verzichten, obwohl sie doch das Gleiche machen wie immer, sich nämlich auf Twitter aufplustern und Netflix glotzen, wollen sie den anderen das Leben verbieten, bloß damit sie nicht früher sterben. 

Man empört sich darüber, dass in Berlin IMMER NOCH NICHT!!! konsequent alle Spielplätze geschlossen wurden und wettert immer aggressiver gegen alle, die noch GRUNDLOS draußen herumliefen. Arschlöcher seien das und so weiter. Und dass die Leute ihre Kinder im GRIFF haben müssten. Es ginge jetzt um ALLE und was so schlimm daran sei, sich mal auf unbestimmte Zeit zu Hause einzusperren. 

“Ihr habt leicht reden.” denke ich. 

Gediegen alternde, wohlhabende Singlemänner in geräumigen Altbauwohnungen mit Balkon und/oder Dachterrasse, die jetzt mal ganz in Ruhe ihre Plattensammlung neusortieren und ihre Bibliothek entstauben und den Biedermeiersekretär einölen und die sich insgeheim sowieso schon immer über den Kinderlärm da draußen aufgeregt haben. 

Jetzt schlägt ihre große Stunde. 

In dieser Krise sollen wir jetzt alle gemeinsam zu Blockwarten mutieren. 

Ja, ich gebs zu, ich empöre mich z.B. auch über die unbeaufsichtigten Teenager, die sich jetzt überall rudelweise im Freien zusammenfinden. 

Aber irgendwie ist man halt auch neidisch auf die und ihren jugendlichen Leichtsinn. Außerdem: 

Man selber schränkt sich ein und die kümmern sich um nichts und haben Spaß. UNVERSCHÄMTHEIT! 

Sie gefährden die Risikogruppen! Die Alten! Die Schwachen! 

Aber warum sollen die Jungen denn plötzlich auf die Alten Rücksicht nehmen? Haben die denn vor Corona Rücksicht auf sie genommen? 

Wer hat denn die Welt so runtergerockt? 

Wer uns das denn denn eingebrockt?

Die Kinder und die Jugendlichen sind jung und gesund und stark und sie werden überleben und wenn nicht, dann ist es doch besser, sie spielen und feiern, 

bevor und BIS ES ZU SPÄT IST. 

Schreibe einen Kommentar