CoronaDiaryPt11

Mittwoch. Hab schon wieder gereimt:

„Alles ist verboten, verboten.

Wegen der Toten, der Toten.

Nimm dich in acht vor den Tröpfchen, den Tröpfchen.

Sie fliegen dir ans Köpfchen, ans Köpfchen.

Dann kriegst du den Infekt, den Infekt.

Der alle ansteckt, der alle ansteckt.“

Die Hälfte der Zeit beim Homeschooling geht damit drauf, dass die Kleine und ich versuchen, die Aufgabenstellung zu verstehen. Unterstreichen soll man, Linien ziehen, einkreisen, ausmalen und alles verschiedenfarbig!

Ein Viertel der Zeit vergeht also beim Stiftwechsel. Kappe auf, Kappe zu. Ich flehe das Kind an, die richtigen Lösungen doch einfach nur anzukreuzen.

Es weigert sich, deswegen würde ich das gern für sie machen, aber sie lässt mich nicht. Es ist jedes Mal dasselbe. Ich bin etwas im Stress, denn es handelt sich um Hausaufgaben, die sie noch vor der “Aktuellen Situation” hätte gemacht haben sollen.

Wieviel Zeit ist noch übrig, wenn man Hälfte und Viertel abzieht? 

Gar keine. Ich habe keine Lust mehr und sie auch nicht. 

Ich würde mir gern ihre Bücher und Hefte nehmen und den ganzen Mist in einer Nacht einfach Zackzack durcharbeiten. 

Nein, will ich nicht! Das Schulbuch redet mit mir im Befehlston! So kann ich nicht arbeiten. 

“Erfrage die Dativ und Akkusativ- Objekte!

Unterstreiche sie unterschiedlich!

Erfrage die Orts- und Zeitangaben!

Unterstreiche sie unterschiedlich!”

Das Schulbuch triggert mich. Ich spüre einen wohlbekannten Schmerz. Der Böse hat auch manchmal so mit mir geredet, wenn er wütend auf mich war. Ich darf nie vergessen, wie bös der Böse zu mir war. Damit ich nicht nochmal auf ihn reinfalle, falls er wieder Kontakt zu mir aufnimmt.

Natürlich habe ich ihm sofort zurückgeschrieben. SITUATION hin oder her, ich will infiziert werden, überallhin infiziert werden, hemmungslos infiziert werden und zwar so richtig und das nur von ihm, einzig und allein von ihm. 

Jajaja. 

Stopstopstop.

Ich zitiere jetzt zum Runterkommen einfach ein paar Sätze aus dem Deutschunterrichtsbuch meiner Tochter:

„Heute schenkt Luise ihrer Mutter Blumen.

Oma kocht den Kindern am Abend ihr Lieblingsessen.

Meine Tante kauft mir in der Stadt ein Buch. 

In der Schule erklärt ein Feuerwehrmann den Kindern heute seine Arbeit.

In der Pause teilt uns der Hausmeister auf dem Schulhof die Spielgeräte aus. „

Vom feministischen Standpunkt und auch von jedem anderen aus gesehen, nicht mehr wirklich modern, aber vielleicht wird man die schlichte Schönheit dieser Sätze dereinst zu schätzen wissen. 

Nach dem Abendessen spielen wir Othello. 

“Und was machen wir jetzt?” fragt die Kleine danach. “Puzzlen?”

Wir haben nämlich gestern abend mit dem großen Deutschland- Puzzle angefangen. 

500 Teile. 

Als sie das fragt, wird mir ein bißchen flau. Spazierengehen, Einkaufen, Essen, Othello spielen und jetzt noch puzzlen? Wie lange soll das noch so gehen? 

Wie lange sollen wir denn noch Beschäftigung an Beschäftigung fügen? 

Selbst, wenn ich morgen noch mehr Bücher, noch mehr Spiele, noch mehr Puzzle, noch mehr Rätselhefte anschleppe. Plus Hörspiele, Filme, Trickfilme, Dokus, Musikvideos und und und.  

Wir können immer noch mehr lesen, zeichnen, basteln, unterstreichen und einkreisen.

Das führt doch alles zu nichts. Eigentlich geht es derzeit nur darum, die Kinder und sich selbst zu beschäftigen, den Tag rumzukriegen, die Zeit totzuschlagen, bloß keine Langeweile aufkommen zu lassen, keine Leere, keine Angst, keine Erstarrung, 

 um – ENDLICH allein und in Ruhe- wenn die Kinder schlafen -NOCH mehr Zeit totschlagen zu können

Was soll das denn eigentlich ÜBERHAUPT ALLES???

Wenn die „AKTUELLE SITUATION“ (also das Corona- Ding) vorbei ist, dann beschäftigen wir uns doch auch einfach nur, nur haben wir dann eben NOCH mehr Möglichkeiten. 

Ob wir nun virushalber zu Hause eingesperrt sind, oder frei, das macht letztendlich doch überhaupt gar keinen Unterschied. 

Oh Graus:

Es kommt mir gerade so vor, als ob das menschliche Leben an sich, sofern es sich nicht um den Überlebenskampf eines Slumbewohners oder unterernährten Teppichwebers u.ä. handelt, einfach nur aus Beschäftigungen besteht, die man aneinander anfügt und gegeneinander auswechselt, wenn einem die aktuelle langweilig wird. 

Man beschäftigt sich, bis man endlich erschöpft genug ist, um einzuschlafen und dann kommt der nächste Tag und dann geht es genauso weiter bis zum Exitus.

Beschäftigungen, unterbrochen von “Arbeit” die mal mehr, mal weniger Spaß macht und/ oder einbringt

und der Befriedigung der Triebe, die mal mehr, mal weniger gelingt und mal mehr, mal weniger Raum einnimmt.

Auch das ist ja letztendlich nur Beschäftigung. Sich aneinander aufzugeilen, oder sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, auch diese Reibereien halten einen ja so pseudomäßig in Gang, sind aber ähnlich hohl, wie etwa eine Facebookdiskussion oder Bungee Jumping.

Leute, mit zu viel Geld, die nicht mehr arbeiten gehen müssen und nichts mit sich nichts anzufangen wissen, sind genauso. Die müssen sich auch permanent “beschäftigen”, um nicht durchzudrehen. Die verbringen ja eigentlich ihr ganzes Leben im Corona- Knast. 

Die machen dann Tauchkurse, gehen in die Schaubühne, sammeln Kunst, gehen zu Festivals für zeitgenössische Musik, zum Konzert der slovenischen Underground- Punkband, zum Krimi- Dinner, ins Dunkelrestaurant, in den Kletterpark, zur Dichterlesung, zur Burlesque- Tanz- Show, zum Till- Schweiger singt Brel- Abend, zum Ayurveda- Kochkurs, zum Ayahuasca- Ritual, zum Yoga- Retreat und/oder in den Puff.  

Also. Wir haben Othello gespielt und jetzt will das eine Kind mit mir puzzeln und die andere mir ihr zehntes Legohaus zeigen.

Help!

Ich komme mir vor, als wäre ich sowohl Insassin, als auch Direktorin eines Irrenhauses.

Irre puzzeln doch auch immer. Und Spaziergänge! Spaziergänge machen sie auch!

Noch machen wir uns schick, wenn wir rausgehen, aber bald schlurfen wir im Pyjama mit offenem Bademantel durch den Mauerpark, reden vor uns hin und sabbern uns voll.

Ja, die Kinder müssen beschäftigt werden. Sonst eskalieren sie, sonst brennt die Luft.  

Da sind sich alle Experten einig. 

“Strukturieren” soll man den Tag. 

Früh aufstehen, Aufgaben verteilen, regelmäßige Mahlzeiten einnehmen. 

Ich bin sicher, das machen die in den Irrenanstalten genauso. 

Arbeit und Struktur. 

Keiner schnallt, das es weder “Arbeit” noch “Struktur” gibt, dass es einfach nur darum geht, egal wie, egal womit, die Zeit bis zum Tod rumzubringen, ohne auszuflippen, wegen der Stupidität des Ganzen.

Und wenn man im Irrenhaus ausflippt, dann hat man ein Problem, weil wohin soll man sich denn aus einem Irrenhaus einliefern lassen?
Ich übertreibe mal wieder. Das mache ich ganz gern. Ist auch eine schöne Beschäftigung. Hilft gut gegen Langeweile.

Besonders, wenn das mit dem Infiziert- Werden gerade nicht möglich ist.

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