CoronaDiaryPt1

Ich fang jetzt wieder an zu bloggen. Ja, ich schreibe ab jetzt wieder jeden Tag alles ins Internet. Hab ja nur noch das. Ich stehe ja jetzt mit den Kindern alleine da. Ich schreibe hier jetzt jeden Abend rein, was mir so passiert, in der Corona- Krise, im Corona- Ausnahmezustand und demnächst Corona- Hausarrest.

Eric Blanc- das ist natürlich nicht sein echter Name- also, Eric Blanc, also Eric. Eric, mein Ex, der Vater meiner Kinder, kommt erstmal nicht nach Berlin zurück. Bis vor ein paar Wochen, bis Ende Januar, haben wir uns die Kinderbetreuung noch geteilt. Sie waren eine Woche bei mir und eine bei ihm. Dann verstarb seine Mutter und er musste nach Paris, um ihre Wohnung aufzulösen und zu renovieren und zu vermieten. 

Anfang März wollte er wieder hier sein. Anfang März hörte ich nichts von ihm. Ich rief ihn heulend an. 

“Komm bitte zurück, ich kann nicht mehr, ich brauch ne Pause, ich bin seit Wochen im Dienst, ich kann nicht mehr, die ganze Zeit die Kinder und früh aufstehen und arbeiten und Haushalt und ein Liebhaber der mich quält, anstatt mir beizustehen, ein Liebhaber, bissig und bösartig wie eine Hornisse und kälter und gleichgültiger als ein Stein, ich brauch ne Pause, ich dreh durch, ich will einfach nur schlafen, tagelang schlafen, bittebittebitte.” 

Eric sagte, er kann noch nicht kommen, weil die Wohnung noch nicht fertig renoviert sei, aber nächste Woche sei er wieder da, versprochen, wirklich, wirklich. Aber als ich ihn eine Woche später anrief, sagte er, es geht nicht, weil: Auto kaputt, Wohnung immer noch nicht fertig und dazu sei ihm der Vorderzahn abgebrochen, er müsse erst noch zum Zahnarzt. Ich hatte Mitleid mit ihm, ja gut, klar. Ende März, meinte er. Ende März sei er wieder hier. Da ging das mit Corona schon los. Da waren die Leute schon dabei, die Supermärkte leerzukaufen. Da waren bei Lidl um die Ecke schon die Haferflocken ausverkauft. Na gut, Ende März. Ich war relativ entspannnt. Mit meinem Liebhaber lief es gerade wieder. Wir hatten wieder per SMS Kontakt aufgenommen, nach dem letzten Streit.  Er ist nämlich auch nicht in der Stadt. Ich dachte, vielleicht wird alles gut, vielleicht wird er in der Corona Krise aufwachen und erkennen, dass er mich mag und wir werden einander beistehen und er wird zu mir stehen und Verantwortung übernehmen, für mich und die Kinder. Das ist natürlich kompletter Blödsinn, mein Liebhaber ist, gleich nach Eric Blanc, das bösartigste Wesen, dem ich je begegnet bin. 

Der Treulose hat mein Herz zerrissen wie Papier, ich dürfte ihn eigentlich nie wieder sehen und nie wieder mit ihm sprechen. Aber ich bin leider immer noch von ihm infiziert, deswegen schreibe ich ihm manchmal, aber ich glaube, er vergiftet gerade eine Andere, oder mehrere Andere und antwortet nur, um auch auf mich, bzw. meinen Kühlschrank, mein WLAN und mein warmes Bettchen zurückgreifen zu können, wenn er mal wieder in der Gegend ist.

Jedenfalls nach ein paar Tagen schrieb er mir nicht mehr zurück und wurde dann sehr gehässig, als ich fragte, warum denn nicht und ich bräuchte ihn und ich würde mich allein fühlen und ihn vermissen. Er hätte darauf keinen Bock sagte er und ich würde ihn nerven. Ich glaube, er hasst mich, ich glaube, noch nie hat mich jemand so gehasst, wie mein Liebhaber. Ich war so traurig, ich hätte mich gern für drei Tage mit Substanzen in andere Umlaufbahnen geschossen. Aber ich bin allein mit den Kindern, ich muss funktionieren. Und das Schlimme ist, mein Liebhaber weiß das und wenn er mich verletzt, verletzt er meine Kinder, denn ich bin nach so einer Nachricht extrem angegriffen und kaum handlungsfähig oder ansprechbar und die Kinder wundern sich: “Mama, was ist denn?” Und ich muss sagen: “Nichts, es geht gleich wieder. Lasst mich bitte kurz in Ruhe.” und das tut mir dann doppelt leid, denn was können die Kinder dafür, dass ich so ein Händchen für Schwachmaten habe?  Und eigentlich ist das so extrem frauenfeindlich und menschenfeindlich und bösartig, eine alleinerziehende Mutter zu verletzen, jemand sollte einen Haftbefehl gegen ihn ausstellen. Er kennt meine Kinder und er hat bei mir gewohnt und ich habe ihm durch schwere Zeiten geholfen und anstatt mich zu lieben, hasst er mich und hat einfach Null Mitgefühl mit mir und ich muss ihn wirklich wirklich wirklich endlich loslassen. Aber es ist ein Prozess und ein langer Weg. Wir sind schon seit über zwei Jahren nicht zusammen und machen schon seit einem Jahr miteinander Schluss. 

 Als es hieß, sie machen die Grenzen dicht, rief ich Eric an. 

“Wenn du jetzt losfährst, schaffst du es noch vor Mitternacht über die Grenze nach Deutschland.” 

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal solche Sätze sagen muss, das klingt dermaßen nach zweiter Weltkrieg 1942.

Ich dachte, er hätte ein Interesse, in diesen schweren Zeiten in der Nähe seiner Kinder zu sein. Um sie zu beschützen und zu bewachen. 

“Nein, es geht nicht, sie werden mich verhaften.” sagte er. What??? Das klang ja jetzt wirklich nach WW2. 

Ja, es gäbe wegen irgendwelcher unbezahlter Bußgelder einen offenen Haftbefehl gegen ihn, Eric Blanc.

“Die schicken jetzt niemand ins Gefängnis.” sagte ich. Denn ich hatte das gerade gelesen. In Berlin wird jetzt niemand mehr wegen Geld eingebuchtet. Die Corona Krise kann auch Vorteile haben. 

Doch Eric Blanc meinte, er wolle das Risiko nicht eingehen. Mit dem verbeulten Auto würde ihn doch jeder Bulle sofort anhalten. 

“Dann nimm den Zug oder das Flugzeug!” rief ich. Noch schlimmer. Wenn die seinen Pass kontrollierten…Er riet mir noch, wegen Corona nicht mit den Kindern zu kuscheln. Ich legte auf. 

Danach musste ich erstmal einen Wodka trinken, gegen die Angst. 

Bald ist hier Lockdown, als nächstes folgt der Hausarrest und wie lange wird es noch etwas zu essen in den Supermärkten geben, wenn die europäischen Lieferketten unterbrochen sind? Es weiß doch kein Mensch, wie lange das alles geht und ich bin hier allein mit den Kindern. Wer wird sich denn für uns einsetzen, wenn der Bürgerkrieg ausbricht und nur noch das Recht des Stärkeren gilt? Wenn das Militär und die Gangs die Macht übernehmen? 

Sie schlossen die Grenzen. Sie schlossen die Schulen. Ich erfuhr durch Zufall, dass Eric Blancs Berliner Wohnung, wo er zur Untermiete wohnte, mittlerweile an jemand anders vergeben ist.

Also er hat sowieso keine Wohnung mehr hier. Eric Blanc wird auf noch unbestimmtere Zeit in Paris bleiben. Die Kinder haben keinen Vater mehr. Die Kinder dürfen nicht merken, dass ich vor Angst durchdrehe. 

Ich gebe mein Bestes. Ich mache Listen, was wir am Tag jeweils tun wollen und wir versuchen, das Meiste davon zu schaffen und wenn nicht, auf jeden Fall eine gute Zeit zu haben. Wir spielen, wir scherzen, wir haben Spaß und gute Laune. Wenn ich panisch werde, schließe ich mich im Klo ein und rauche eine.

Ich habe die Nummer meines Liebhabers gelöscht, um ihm nicht in einer schwachen Stunde zu schreiben und ihm damit Gelegenheit zu geben, mich in den Selbstmord zu treiben. Es geht mir fast gut. Ich bin fast stabil. Heute Abend war bei Lidl fast gar keine Schlange und es gab auch wieder Haferflocken. Fast alle Regale waren voll. NOCH. 

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