blanc&bös

Ich will mal wieder Spaß haben, statt nur ständig reifer zu werden und mich immer weiterzuentwickeln.

Mittwoch.

Paris. Ich putze Eric Blancs Wohnung. Ich mache es nicht für ihn, sondern für mich, schließlich möchte ich für ein paar Wochen hierbleiben.

Spongebob und Patrick waren froh, mich zu sehen und ich wars auch.

Was haben wir gelacht und gescherzt und wie süß sie sind. Ich würde sie sogar lieben, wenn sie nicht meine Kinder wären. 

Jetzt sind sie mit ihrem Vater in den Süden gereist und Eric Blanc hat mir erlaubt, den Sommer über in seiner Wohnung zu bleiben.  

Das Chaos ist unbeschreiblich. Ich putze und denke darüber nach, wie unerträglich es deswegen war, mit Eric Blanc zusammenzuleben. Ich bin ihm egal, dachte ich. Sonst würde er unsere Wohnung nicht so verkommen lassen, sonst würde er nicht Ketterauchen, oder, oder, oder. Aber jetzt denke ich das nicht mehr.

Trotzdem. Ich will mal wieder Spaß haben, statt nur ständig reifer zu werden und mich immer weiterzuentwickeln.

Ich will mal wieder Ruhe haben.

Eric Blanc ist am Nachmittag mit den Kindern im Auto weggefahren. Ziel Marseille. 

Als ich ihn um Mitternacht anrufe, sind sie gerade kurz vor oder hinter Lyon. Die Kinder essen Eis und er meint, mit dem Auto würde was nicht stimmen, wahrscheinlich hoffentlich nur zu wenig Öl. Ich mache mir keine Sorgen, weil es nichts bringt. 

Eric Blanc und meine Kinder, sind irgendwo mitten in Frankreich. Ich aber hier, in Eric Blancs Wohnung. Ich dusche alle 20 Minuten lauwarm, wegen der Hitze. Ich gehe Zigaretten und Rotwein kaufen. Ich höre Musik. ich schrubbe auf Knien den Küchenfußboden. Ich telefoniere, ich putze, ich lese, ich trinke, ich rauche.

Gestern Abend haben wir noch alle zusammen die Trueman Show gesehen. Eric Blanc protestierte heftig, weil er der Meinung ist, es gäbe bis auf „Täglich grüßt das Murmeltier´´ keine guten amerikanischen Filmkomödien, aber ich habe ihn gezwungen, sich den Film anzusehen. 

´´Also war mein ganzes Leben Fake?´´fragt Trueman den Regisseur, als er die Wahrheit über sein Leben herausgefunden hat. ´´Nein, nicht alles. Du warst echt.´´ wird ihm geantwortet. 

Das tröstet mich so sehr, dass mir die Tränen kommen. 

Aber ich bin kein Opfer. Ich bin wie Trueman. Ich kämpfe mich durch und segle durch den Sturm mit meinem Boot. Ich erkenne die Realität nicht an, ich finde mich mit nichts ab.

Der Böse war sehr bös zu mir. Kann sein, dass ich deswegen nie mehr nach Berlin zurückkehren will. Kann sein, dass ich mich rächen werde, kann sein, dass ich es nicht tue, weil es mich in ein paar Wochen nicht mehr interessiert. Kann sein, dass es nicht mehr nötig sein wird, warum auch immer.

Ich habe noch nie von jemandem gehört, dass er es bereut hätte, sich gerächt zu haben.

An Eric Blanc habe ich mich kurz nach der Trennung auch nicht gerächt. Ich war so wütend und ich war kurz davor. Ich stand nachts im Regen (Warum regnet es in diesen Momenten immer?) vor seinem Auto und wollte ihm die Luft aus den Reifen lassen. Ich habs nicht gemacht. Vielleicht hat es mir genügt, bloß dort zu stehen und die böse Absicht zu haben. Vielleicht hat es mir genügt, schon so weit gegangen zu sein, nachts die Wohnung zu verlassen mit den schlafenden Kindern, mich anzuziehen und mit dem Fahrrad durch den strömenden Regen zu fahren, zum Geheimparkplatz hinterm Kaisers, wo Blanc seinen Wagen abzustellen pflegte, weil er es nicht fertigbrachte, sich eine Vignette zuzulegen. 

Vielleicht habe ich es mir anders überlegt, vielleicht saßen auch die Ventile zu fest. Ich kenne mich mit Autoreifen nicht aus. Vielleicht hätte ich stärker zustechen müssen. Hatte ich etwa ein Messer dabei? Ich kann mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich da nachts im Regen an seinem Auto stand.

Dann lernte ich den Bösen kennen und dachte nicht mehr an Eric Blanc. Das war gut.

Aber nicht nur deswegen. Ich konnte mich nachts an ihn schmiegen und morgens den Kopf an seine Schulter legen und mir von ihm die Schlagzeilen vorlesen lassen. Und das war noch lange nicht alles, was man mit ihm machen konnte. 

Der Böse hat es bestimmt nicht immer böse mit mir gemeint und ich bestimmt nicht immer gut mit ihm. Würde er sagen. Aber ich weiß nicht, warum. Er ist so sensibel. Es ist so schwer, ihn nicht zu verletzen. Er ist so sensibel, dass man sich an seiner Seite keinerlei Sensibilitäten erlauben darf.

Ich muss loslassen, raten mir Freunde. Aber wie soll man etwas loslassen, das einen festhält? Wie soll man jemanden gehen lassen, der nicht geht?

Der Böse und ich. Ein einfacher deutscher Mann in den Armen einer jüdischen Prinzessin. Eine bessere Kombi ist nicht denkbar. Lass uns ein normales Paar sein, habe ich ihm gesagt. Reiß dich zusammen, geh arbeiten und versorge mich. Dafür steht dann jeden Abend leckeres Essen auf dem Tisch und ich kümmere mich um den Haushalt und trage dabei die ganze Zeit Reizwäsche oder bin nackt, wenn du willst. Mach schon. Kauf mir Blumen, Schmuck, Pelze, gib dir Mühe. Denk an die Erbschuld.

Aber er ging nicht arbeiten, er ging nicht erben, er ging sterben und vorher hat er mich noch beschimpft und bedroht und wollte mich dazu zwingen, mich vor der Handykamera auszuziehen und ne Andere hatte er auch noch die ganze Zeit.

Erst hatte ich gedacht, es gäbe mich nicht, weil er mich nicht zu sehen schien und dann gab es mich plötzlich doppelt, wenn nicht sogar dreifach, vierfach, achtfach.

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