Beziehungsstatus- XY ungelöst

Ich bin verliebt. Wir waren spazieren und haben uns zusammen den Sonnenuntergang angesehen und dabei Wein getrunken und danach sind wir zu ihm gegangen. 

Ich bin verliebt und blende daher aus, dass er im Park, als wir Wein tranken und dabei den Sonnenuntergang betrachteten, das Zellophan von der Zigarettenpackung, die er mir gekauft hatte, in die Wiese schmiss. 

Obwohl er mir gerade davon erzählt hatte, sich nach einem eigenen Garten zu sehnen. Vielleicht würde er mit einem eigenen Garten sorgsamer umgehen, als mit dieser öffentlichen Wiese auf deren Böschung wir saßen. Ich weiß nicht, was eine Böschung ist, aber mir scheint, wir saßen auf einer. 

Vielleicht bin ich für ihn eher sowas, wie diese öffentlich zugängliche Wiese und nicht, wie sein zukünftiger erträumter Garten, aber wer weiß. Und er hat meine Liebe nicht verdient, wenn er das Zellophan der Zigarettenpackung achtlos auf diese Wiese schmeißt, die ich vermutlich für ihn bin, anstelle des erträumten Gartens, ebenso wie die Zigarettenkippen übrigens, die er im Gras ausdrückte und liegen ließ. 

“Hast du das Zellophan wirklich gerade einfach so auf die Wiese geworfen?” fragte ich ihn überrascht und er zuckte nur mit den Achseln und ich griff nach dem Zellophan, bevor der Wind es in die Ferne wehte und stopfte es in meinen Beutel, aber nicht seine Zigarettenkippen, die ließ ich liegen. 

Ich hätte sie in die Zellophanhülle stecken können, aber das wäre zu weit gegangen. 

Ich weiß, das dies der öffentlich zugänglichen Wiese gegenüber richtig gewesen wäre und habe daran gedacht, es zu tun, stattdessen verletzte ich meine diesbezüglichen Prinzipien und drückte meine Zigaretten gleich ihm, selber auf der Wiese aus, während ich ihm zuhörte und deswegen weiß ich nicht mehr, was er sonst noch so erzählte, in diesen schon zu lange vergangenen Momenten, die wir miteinander teilten auf der Wiese und nach denen ich mich zurück sehne, an einem ähnlich lauen Abend wie diesem.

Obwohl ich in diesen Momenten doch eigentlich schon wusste, oder hätte wissen müssen, dass es genau deswegen, mit uns beiden nichts werden kann, dass ich weiterhin meine Abende allein verbringen werde, oder auch nicht, aber auf jeden Fall ohne ihn. 

Denn, was sagt das über den Charakter eines Mannes aus, dazu fähig zu sein, achtlos Zellophan und Kippen in die Wiese zu werfen und mir gleichzeitig seinen Traum vom eigenen Garten zu bekennen und somit seine Sehnsucht nach Natur. 

Was würde es bedeuten, von so einem Mann geliebt zu werden, was würde es bedeuten, wenn so ein Mann sich nach mir sehnen würde, wie nach einem eigenen Garten. 

Aber genau dadurch, durch die einander widersprechenden Signale, fühle ich mich schon in alle Ewigkeiten unlösbar an ihn gebunden, bin ich rettungslos verliebt, denke ich ununterbrochen an ihn, fantasiere ich von seinen Augen, Händen, Haaren, sehne ich mich danach, wieder seinen Duft einatmen zu können, seinen Penis mit meinen Lippen zu umschließen, seinen Bart an meiner Wange zu spüren und seine Hände auf meinem Busen. 

Denn der Prozess hatte schon begonnen, dass ich allen seinen Worten und Taten und den Widersprüchen darin, eine sich auf mich beziehende Bedeutung beimaß. 

Und nicht nur Bedeutung allein, sondern zu viel Bedeutung, also, dass ich alles was er sagte und tat, schon durch die rosarote Brille sah, oder auch, durch die überhaupt nicht rosarote Brille, sondern durch die schwarze Brille, natürlich. 

Also war meine Verliebtheit aufgrund dieser Momente auf der Wiese, denen die erste von hoffentlich vielen, gemeinsamen Nächten folgte und dem Morgen danach, an dem er sich kühl gab, schon ins Unermessliche gestiegen. 

Ist meine Verliebtheit schon so groß, dass sie alle vorhergehenden Verliebtheiten übertrifft. So wie bisher jede meiner Verliebtheiten, die vorhergehenden um Längen übertroffen hatte. 

Dabei weiß ich mittlerweile nicht mal mehr, wie er aussieht. 

Wenn ich jetzt also an ihn denke, was natürlich die ganze Zeit der Fall ist, weil ich mich ja in ihn verliebt habe, dann sehe ich nur einen vagen, recht großen Umriss vor mir. 

Einen vagen Umriss und die schemenhafte Erinnerung an eines der Bilder, die er von sich auf der Plattform veröffentlicht hat, auf der wir uns kennengelernt haben. Auf dem Bild sieht er gut aus, aber in Wirklichkeit sieht er noch besser aus. 

Das habe ich jedenfalls gedacht, als wir einander das erste Mal begegnet sind. 

Obwohl ich mich an sein Aussehen nicht mehr erinnern kann, weiß ich noch, dass ich dachte, dass er sehr gut aussieht, als ich ihm begegnete und dass ich ihn deswegen die ganze Zeit ansehen wollte. 

Das habe ich dann aber nicht gemacht, weil ich nicht wollte, dass er merkt, dass ich ihn immerzu anschaue und er mich deswegen für verrückt hält. 

Also habe ich ihn nur heimlich angesehen, aber das ging nur in den wenigen Augenblicken, in denen er mich nicht ansah.

Ich habe ihn sogar heimlich fotografiert, als er mich einmal nicht ansah, aber auf diesem heimlich aufgenommenen Bild sah er nicht so gut aus, wie auf dem Plattformbild oder in Wirklichkeit, deswegen habe ich es wieder gelöscht und habe deswegen kein Bild mehr von ihm. 

Obwohl wir einander nur wegen seines Bildes auf der Plattform kennengelernt haben, weil er mir auf dem so gut gefallen hat und ich nur deswegen darauf gewartet habe, dass er mir endlich mal schreibt und es von diesem Moment an nicht mehr lange, aber doch für meinen Geschmack zu lange dauerte, bis wir einander endlich von Angesicht zu Angesicht begegneten und schnell feststellten, dass es war, als ob wir einander schon sehr lange kennen würden und es daher von beiden Seiten aus keinerlei Bedenken und Widerstand dagegen gab, einander erst alles zu erzählen und sich anschließend einander hinzugeben und die Ressentiments erst im Nachhinein zu bemerken waren. Seine jedenfalls. 

Denn wie immer in diesen Fällen, kann ich mich danach überhaupt nicht abgrenzen, wohingegen mein Gegenüber sich sehr wohl abgrenzen kann. 

Und wir beide daraufhin, im Gegensatz zu vorher, überhaupt nicht mehr miteinander klarkommen.

Denn: 

Ich komme mit der Abgrenzung meines Gegenübers nicht klar und mein Gegenüber nicht mit meiner mangelnden Abgrenzung. 

Obwohl ich mir insgesamt einen etwas weniger kafkaesken Verlauf meiner Romanzen wünschen würde, kann ich es deswegen also nicht verhindern, dass sie genau diesen Verlauf nehmen.

Also weiß ich nicht mehr, wie er aussieht, denn ich habe den Kontakt zu ihm abgebrochen, nach unserer Begegnung, weil ich mich verliebt hatte und ich aber nicht das Gefühl hatte, dass er meine Gefühle erwidert, weil er sich danach nicht mehr meldete und auch meine Nachricht, aus der dann, (wer mich kennt, ahnt es schon…), leider sehr schnell NachrichtEN wurden, nicht erwiderte. 

Und ich also davon ausgehen musste, zurückgewiesen worden zu sein und ich, um mir weitere Kontaktaufnahmen meinerseits und der aus deren Nichtbeantwortung seinerseits, weiterhin zu folgernden Zurückweisung, erwachsende seelische Schmerzen zu ersparen, seine Nummer löschte und ich unsere Verbindung auf der Plattform löste. 

Woraufhin er mir schrieb und wir beschlossen, unsere Bekanntschaft fortzusetzen und zu vertiefen, aber wann es soweit ist, weiß ich noch nicht, denn er hat diesbezüglich noch nichts vorgeschlagen. 

Sein Schweigen dauert mittlerweile schon dermaßen lange, dass ich fürchte, nun trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, doch wieder eine schlechte Erfahrung gemacht zu haben, obwohl ich doch keine schlechten Erfahrungen mehr machen wollte. 

Weil ich das nicht ertragen könnte, weil es mir doch schon häufiger passiert ist, dass ich mich in Männer verliebe, die sich nicht in mich verlieben. 

Obwohl ich mir deswegen eigentlich keine Sorgen machen bräuchte, denn bisher bin ich eigentlich mit jedem Mann in den ich mich verliebt habe und der sich nicht in mich verliebte, zusammengekommen und führte ich mit diesen dann mehrjährige intensive Beziehungen.

Ja, ich spüre deutlich, dass mein schon viel zu viele Minuten andauerndes Single- Dasein nun endgültig beendet ist: 

Denn unablässig plagen mich seit unserer letzten Begegnung süßeste Erinnerungen, die in schlimme Vorahnungen übergehen, sowie schlimmste Erinnerungen, die sich in süße Vorahnungen verwandeln. 

Ich spüre seine permanente Aufmerksamkeit, fühle mich scharf beobachtet, begehrt und gefürchtet und merke gleichzeitig ganz genau, dass ich ihm vollkommen gleichgültig bin. 

Sollte dieser Mann also, gegen jede Wahrscheinlichkeit, meine Gefühle erwidern, oder sie wenigstens eines Tages erwidern, falls er es jetzt noch nicht tut, was hundertprozentig sicher ist, besonders natürlich, nachdem er diesen Text gelesen haben wird und er deswegen die Bekanntschaft zu mir endgültig abbricht oder er sie gegen jede Wahrscheinlichkeit fortsetzen wollen wird, könnten wir hoffentlich ein paar Jahre lang sehr glücklich miteinander werden, oder auch nicht.

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