Auferstanden aus Routinen

Ich dachte, wenn ich immer nur fieses verbittertes Zeug schreiben kann, dann will ich erstmal lieber nichts mehr schreiben, oder ich habe keine Lust drauf, sowieso keine Lust drauf. Aber dann habe ich doch wieder angefangen, mir Notizen zu machen und außerdem wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich mich irgendwie selbst zensiert hätte. Im Gegenteil es ging überhaupt erst richtig los mit mir, als ich damit aufgehört habe, mich selbst zu zensieren. 

Aber man fängt natürlich immer wieder bei Null an, aber das ist egal, Hauptsache man fängt immer wieder an. Einfach weil es Spaß macht. Das ist der einzige und bestmögliche Grund. 

So ermuntere ich mich, so schubse ich mich an, wie ein Kind auf der Schaukel. Um wieder in Schwung zu kommen. Vielleicht lasse ich den Absatz hier auch nachher weg, oder kürze ihn später irgendwann raus.

Heute morgen habe ich meine neue beste Freundin getroffen, bei unserem Kaffeemann. Ich habe Hallo gesagt und mich hingesetzt und dann hat sie angefangen zu erzählen, ein Ding nach dem anderen, aber mich nervt das gar nicht, weil ich dann nämlich Pause habe.

Und unter anderem deswegen habe ich sie ins Herz geschlossen, weil diese Art Menschen liebe ich – , bei denen ich nichts sagen muss – weil die wie ich sind- also immer komplett auf Sendung. 

Früher am Internat haben wir das “naturdruff” genannt. Also wenn man nichts zu nehmen braucht, um freigeschaltet zu sein.

Ich hatte Geliebte, die waren auch so, aber leider nur manchmal und dann gab es aber auch die überraschende Kehrseite. Nämlich das komplette Off- Sein – das fand ich schwer erträglich – das war manchmal als ob man es mit zwei Persönlichkeiten zu tun hatte-  so Jekyll and Hyde- Style nämlich.

Damit bin ich nicht klargekommen. Wenn auf Späßchen und Stories und Liebesbekenntnisse und Treueschwüre und nachdem man mir den Himmel auf Erden oder das Blaue vom Himmel versprochen hatte, abweisendes Schweigen und bleierne Stille folgen, gepaart mit Untreue und dergleichen.

Sie hat auch diverse Horrorstories dieser Art auf Lager, sei es aus ihrem Leben , oder aus ihrem Umkreis. Aber bitte nicht falsch verstehen, sie also wir, also sie, redet nicht nur über sowas.

Dabei setzt sie voraus, dass ich die Personen, um die es geht, schon kenne. Also sie spart sich die Einführung und das Vorwort und den Übergang und so mache ich das jetzt auch.

Neulich kam sie nach Hause, erzählte sie und hat aber direkt den anderen Eingang gewählt, weil der schlimme Ex ihrer Mitbewohnerin im Haupteingang stand. Der Poly – Micha nämlich. 

Poly- Micha stand in der Tür, in seiner gelben Warnweste und er hatte nicht mal den Fahrradhelm abgesetzt, der ist immer mit neongelbem Fahrradhelm und Warnweste unterwegs, der Spießer, da wusste sie gleich, dass dicke Luft herrscht und hat einen Bogen gemacht.

„Der ist ein so krasser Pedant und Spießer.“ sagte sie und erzählte weiter:

„Es ist so krass, dass der immer noch bei uns auftaucht. Das war eigentlich meine Bedingung an die X, bevor ich da einziehe, dass die X endlich mit Polymicha Schluss macht.

Weil der hat ja gerade ein Baby mit einer anderen Frau bekommen. Die X hat sich den sowieso nur deswegen so lange gehalten, weil der ihr nach der Trennung – sie hatte ja ne ganz schreckliche Trennung – so mit den Kindern geholfen hat.

Der hat ja immer noch den Schlüssel. Neulich stand er morgens bei uns vor der Tür und ich wollte ihm gerade aufmachen, da hatte er aber schon aufgeschlossen und ich dachte, entweder ich hau ihm jetzt eine in die Fresse oder ich gehe sofort und ich bin gegangen, aber vorher habe ich noch zu ihm gesagt:

-Ich wusste nicht, dass du noch den Schlüssel hast und er hat ganz dreist geantwortet: DEN hat sie mir noch nicht abgenommen. 

Also der Polimicha ist ein totaler Unsympath und Spießer und er sieht auch überhaupt nicht gut aus, aber der hat zwei Kinder mit der einen Frau und mit der lebt er noch zusammen und jetzt noch ein Baby mit einer anderen und die wohnt da jetzt mit denen zusammen und die bezeichnen sich als antikapitalistische WG und wollen jetzt alle zusammen das Baby genderneutral erziehen. Und er steht trotzdem noch ständig bei der X auf der Matte.

Er ist Antiziganismus- Forscher, dabei hat er NULL Sinti oder Roma- Wurzeln und weder kann er tanzen, noch spielt er ein Instrument. Deswegen die Frauensammlung, weil die ist der Grund, weswegen ihn die Sinti und Roma akzeptieren.“

Und ich dachte, Mann Mann Mann, da habe ich doch im Grunde mal wieder ein Riesenglück gehabt, mit meinen Kandidaten rückwirkend betrachtet, bzw, was ist mit den Typen heutzutage los, haben die alle ne Macke, die nehmen sich nichts, einer schlimmer als der andere, huiuiui, WTF, wie kann das sein und dann bin ich nach Hause gegangen, um mich noch mal ganz kurz hinzulegen, bevor ich mich meinen mehr als mannigfachen Aufgaben widme.

Aber ich habe viel zu lange geschlafen und darum die Aufgaben Aufgaben sein lassen. Ich brauchte eine Riesenriesenmenge Schlafe, weil ich wegen Polimicha so getriggert war, oder weil ich es so schön fand, zu schlafen, schöner jedenfalls, als mich meinen mannigfachen Aufgaben zu widmen.

Und leider habe ich wegen der Polymichastory geträumt dass ich, mit Ihr- Wisst- Schon- Wer und seiner grauslichen Freundin im Süden zusammenlebe und wir waren sogar zu dritt im Bett, das war so übermäßig ekelhaft, einfach nur alptraumhaft widerlich und danach ist er mit ihr weggegangen, einkaufen oder so.

Als sie weg waren, habe ich meine Sachen gepackt, weil ich abhauen wollte und zwar sofort.

Ich habe noch die Schubladen von denen durchwühlt, auf der Suche nach Bargeld oder Schmuck, weil ich die aus Wut beklauen wollte, im Traum, aber dann dachte ich, Igitt, ich will doch von denen nichts mitnehmen.

Ich fand es dann schon widerlich, in diese Schubladen überhaupt reingesehen zu haben.

Also habe ich nur meine Tasche gegriffen und wollte gerade das Weite suchen, aber da kam er zurück und fragte, wo ich hinwill.

Ich wollte aber auf keinen Fall ein Gespräch und nichts begründen, sondern einfach nur weg und darum sagte ich ganz harmlos: „Nirgendwohin. Nur spazieren.“

Und da meinte er aber: „Ach supi. Da komm ich mit.” und ich tat so, als wär nichts und ging mit ihm los, durch die Kleinstadtgassen.

Er ging dann zum Männerfrisör, also in so einen albernen Barber- Shop, um sich da seinen Bart pflegen zu lassen und ich sagte, dass ich draußen auf ihn warten würde, aber als ich durch die Scheibe sah, dass er im Frisierstuhl saß und sie ihm das Lätzchen umgebunden hatten, bin ich durch die Gassen weggerannt.

Durch den Park und den Berg hoch, Richtung Stadtmauer. Ich wollte durchs Tor und dann zu Fuß am Rand der Autostrada, im Schutz der Dunkelheit bis nach Rom laufen und saß dann plötzlich, -es war ja ein Traum, am Steuer eines Fiat Cinquecento.

Aber ich stand sofort im Stau, weil es eine grüne Bürgermeisterin in dem Ort gab und darum war alles Einbahnstraße oder verbarrikadiert und ich hupte wütend und verfluchte die Grünen und ihre menschenfeindliche Umweltpolitik und wie die meine Freiheit einschränken und ich fürchtete, dass Ihr-wisst-schon-wer und seine Olle mich finden und dann bin ich aufgewacht und fühlte mich wie gerädert und musste deswegen noch eine Extrarunde Schlaf dranhängen.

Also ich mag meine neue beste Freundin.

Ich mag diese Leute, denen man Hallo sagt und ab dem Moment sind sie durchgängig am Reden und ich kann mich derweil ausruhen.

Mir wurde schon gesagt, ich soll nicht so viel reden, oder ich soll nicht so laut reden, oder ich soll über was anderes reden. Oder es ist auch schlimm, wenn ich rede und da kommt gar nichts zurück, außer so zweifelnde Blicke, oder starre Blicke, oder keine substanzielle Reaktion, oder man lässt mich auflaufen und ich denke dann, arghhh ich habe mich fehloffenbart, mich umsonst artikuliert, habe meine wenige Energie am falschen Ort eingesetzt, ich Depp.

Das finde ich schlimm, davor habe ich Angst. Weil ich so wenig Energie habe und ich mich deswegen ständig davor fürchte, sie zu vergeuden.

Weil ich Angst davor habe, dass der Akku plötzlich leer ist, wegen Überanstrengung, und ich dann dastehe, irgendwo draußen in der Kälte, kurz vorm Zusammenbrechen, aber weit und breit kein Bett, keine Stille, keine Wärme, keine Zeit.

Weswegen mir das Aufstehen manchmal schwer fällt, wegen Angst vor der Müdigkeit oder es mir schwer fällt, mich überhaupt um meinen Kram zu kümmern, wegen dieser Angst, im Falle von Müdigkeit, aufgrund plötzlich einsetzenden Energiemangels, keine Möglichkeit zu haben, mich auszuruhen, weil ich dann gerade irgendwo draußen herumstehe. Im Supermarkt oder im Gespräch zB.

Also da kann vieles schief gehen in Gesprächen, aber bei ihr ist das eben nicht so, da besteht die Gefahr nicht.

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