Auf der Suche nach der verkrümelten Zeit

Meine aktuellste Kolumne, erschienen in der „Berliner Zeitung am 21.8.2021 auf Seite 15

Kürzlich überwand ich endlich die Schwellenangst und betrat zum ersten Mal, seit der Eröffnung im Februar, den “Neuen neuen Bäcker” bei mir an der Ecke. 

Der alte “Neue Bäcker” hat Ende letzten Jahres aufgegeben. Wir haben oft dort eingekauft, viel öfter und lieber als bei seinem Vorgänger, dem “Alten Bäcker”.

Der “Neue Bäcker”. Sanft war seine Stimme, versonnen sein Blick, melancholisch sein Lächeln. Schweigsam und gefühlvoll war er, auf eine altmodische Weise gutaussehend.

Ein melancholischer Rebell, ein trotziger Poet, wie direkt aus einem Elia- Kazan- Film entsprungen. Wenn kein Kunde im Laden war, saß er auf einem der rot gepolsterten Hocker am Tresen im Schaufenster, blickte aufs Handy oder sinnierend in den Nieselregen. 

An langen frühen Winterabenden stand er manchmal gedankenverloren rauchend in der Ladentür. Lächelnd erwiderte er unseren Gruß, wenn wir vorübergingen.

“Netter neuer Bäcker, irgendwann werde ich mich bestimmt mal länger mit ihm unterhalten.”, habe ich immer gedacht. 

Der “Neue Bäcker”, schon immer von freundlicher Melancholie oder melancholischer Freundlichkeit umwölkt, war im Laufe des Corona Jahres 2020 immer schwermütiger geworden. 

“Gehts Dir gut?” fragte ich ihn darum besorgt, am Nachmittag eines besonders trüben Novembertages, kurz vorm Lockdown, als mir sein Blick so traurig schien, wie nie. 

Er gab mir das Wechselgeld für meine Lieblingskekse heraus und schüttelte den Kopf. 

Die Arbeit mache ihm keinen Spaß mehr… wegen Corona und anderem auch…Ende Dezember sei es vorbei, würde er den Laden schließen… 

Ich war geschockt, wollte ihn zum Bleiben bewegen, obwohl ich natürlich wusste, dass es keinen Sinn hat. “Wir werden dich vermissen”, sagte ich, “Alle werden dich vermissen und die Lage hier ist doch super und die Leute nett und Corona bestimmt bald vorbei…” 

Ja, alles ganz toll, sagte er, aber nach zehn Jahren hätte er keine Lust mehr… 

Zehn Jahre! Der “Neue Bäcker” war schon lange nicht mehr neu. Und ich auch nicht, wurde mir in diesem Moment mit Schrecken klar.

Zehn Jahre waren unbemerkt verronnen. Die Zeit hatte sich unwiderbringlich zwischen Kaffees, Croissants und Keksen verkrümelt.

Der “Neue Bäcker” war nicht erst seit maximal zwei, drei Jahren da, wie mir mein Hirn bis dahin vorgegaukelt hatte, sondern im Grunde beinahe schon immer. Er hatte meine Schwangerschaften mitbekommen und meine Kinder aufwachsen sehen. Sein Milchkaffee ist schon durch ihre Nabelschnüre geflossen und ihre Körperzellen bestehen größtenteils aus seinen Schokocroissants. 

Beim Abschied behauptete ich noch, dass wir ab jetzt besonders oft kommen würden. Jedoch, meine erste längere Unterhaltung mit dem “Neuen Bäcker” war auch meine letzte. Ich habe das Geschäft seit diesem Nachmittag nicht mehr betreten. Ich habe ihm, wenn überhaupt, nur noch von Ferne zugewunken, bin schließlich sogar extra Umwege gegangen, um seine Existenz zu verdrängen und war erleichtert, als endlich, Anfang Januar, die ausrangierten Hocker mit den roten Kunstlederpolstern vor der Ladentür standen und die Schaufenster von innen mit weißem Papier verklebt worden waren. 

Ein Zettel an der Tür, verhieß Renovierung, Betreiberwechsel und baldige Neueröffnung. 

Neulich war ich also das erste Mal drin. Beim “Neuen neuen Bäcker”. 

Bisher hatte mich, die durchs Schaufenster, gut sichtbare und äußerst einladend aussehende neue Vitrine mit den selbstgemachten Salaten und Pasten abgeschreckt. 

“Der Laden ist nichts für dich. Du bist zu grob für Feinkost.” verhöhnte mich eine innere Stimme bei ihrem Anblick.

Wahrscheinlich ist das eine spezielle Ostdeutschen- Macke, oder ein internationales Underdog- Trauma, bzw. eine untherapierte Kellerkind- Attitüde, diese tiefsitzende Angst davor, kleine, inhabergeführte Geschäfte zu betreten. Folge traumatischer Erfahrungen aus der Zeit, als man zu jung, zu arm und zu unbedarft war und wirklich nur mal gucken wollte (und konnte) Mit rotem Gesicht verließ man fluchtartig französische Boutiquen und spanische Sandalenmanufakturen, nachdem einen jemand: “Kann ich Ihnen helfen?” gefragt hatte. 

Aber eines Morgens wollten die Kinder Backwerk naschen und trug ich das erste Mal seit Langem wieder eine Brille und darum konnte ich erkennen, dass auf der neuen Vitrine, ein Körbchen mit Croissants stand. Also traute ich mich rein und kaufte und die “Neue neue Bäckerin” war ausgesprochen herzlich und so kam ich ins Gespräch. Der Bann ist also gebrochen und das Leben vergeht weiter. Ich hoffe nur, die nächsten zehn Jahre dauern diesmal länger.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: