Achtkommtvorsieben

Donnerstag. Paris.

Ich kann mich hier ja nicht ewig verkriechen, aber gerade jetzt wo es bald vorbei ist, bedauere ich das. Ich habe mich daran gewöhnt. Paris gehört jetzt mir, ich wills behalten. Das Leben im Vorort gefällt mir. Das kleine Haus mit dem kleinen Garten und den hübschen kleinen Zimmern darin. Die kleine Treppe, die kleine Küche, das kleine Bett auf dem ich im Schlaf rotiere und wegschwimme und wenn ich aufwache, ist mein Kopf im Norden, obwohl er beim Einschlafen noch im Süden lag. Und das Spazierengehen, die kleinen Wege entlang zwischen den ummauerten Gärten der Villen. Die Stille und der Duft nach Rosen und anderem Geblüt. 

Der Park oben auf dem Berg mit seinen drei Alleen, eine links, eine in der Mitte, eine rechts und den weiten Rasenflächen dazwischen. Man kann sich dort fallen lassen, genau in der Mitte auf den Rücken legen und mit seinen Freunden telefonieren und zwischendurch so halb wegdösen. Und wenn man erwacht, hat man Grasabdrücke im Gesicht und nichts, überhaupt nichts hat sich in der Zwischenzeit geändert. Die Sonne hat sich nicht bewegt, die Erde auch nicht. Das Licht, die Bäume, die Schlossmauern und der Eiffelturm in der Ferne stehen alle genauso da wie vorher. Und dann ruft wieder jemand aus Berlin an und ich kann wieder die Augen schließen und zuhören, was dort alles ständig, minütlich die ganze Zeit passiert. Was beim Telefonat gestern noch sicher war, wird heute in Frage gestellt, Wohnungen, Liebschaften, Finanzen, alles ist in ständiger Bewegung. Ich mag es, von dergleichen nur zu hören, aber nicht selbst davon betroffen zu sein. Ich gebe meine im Eremitenleben gewonnenen Weisheiten weiter und überhaupt gibt es noch so viel zu sagen, aber dann trennt uns der Wind. Die Bewegung der Luft reißt Löcher ins Funknetz und die Verbindung ab.

Und dann die ganze Nacht “Curb your Enthusiasm” schauen und danach Matchpoint. Am schönsten ist, was der Bösewicht kurz vor dem Filmende zu sich selber sagt, nachdem er die Oma und seine schwangere Freundin erschossen hat: “Lern, Schuldgefühle zu verdrängen und einfach weiterzumachen, sonst überwältigen sie dich.” 

Das sehen und sich amüsieren und dabei Salat essen und dann Schokolade und früh um vier nochmal zwei wachsweich gekochte Eier und vor dem Zubettgehen noch eine große Tasse Kaffee zum Müdewerden. Und erst dann ins Bett gehen, wenn ich wirklich wirklich restlos müde bin und sicher sein kann, sofort einzuschlafen und das dann auch zu tun.

2 Kommentare

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das ist diese leichte Melancholie die einen beschleicht, wenn man einen schönen Ort verlassen muss. Gute Reise denn und ❤ fürs artige schreiben !

fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus

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