26/01/2021

Dienstag.

Berlin.

Ich habe vor Kurzem Telegram installiert und da sind ja alle möglichen Leute und auch ein Typ, mit dem ich vorletztes Jahr, mal auf einer Party relativ massiv herumgeknutscht habe. Was solls, dachte ich. Vielleicht hat er Zeit mal kurz vorbeizukommen. Ich liege noch im Bett, wie praktisch, müsste ich mich gar nicht erst ausziehen. Also habe ich ihm geschrieben. Einfach nur Hallo und er hat auch sofort geantwortet und es ging ganz vielversprechend los. Das heißt, wir haben Erinnerungen ausgetauscht und es vibrierte so ein bisschen und ich dachte, na das wird jetzt wohl nicht mehr lange dauern, wie schön und das Leben kann so einfach sein. Wars aber nicht, denn als ich schrieb, das Schöne derzeit sei doch, dass wir alle so viel Zeit hätten, derzeit… Damit meinte ich natürlich, Zeit mal rasch zu mir zu kommen und mir sexuell ein wenig auszuhelfen, aber er antwortete:

“Zeit sich zu ärgern wie der Neoliberalismus siegt und die privaten Freiheiten, wie die Kunst den Bach runtergehen.”

Ein Kumpel hat mir angeboten, mich zu verkuppeln. Jajaja unbedingt, habe ich gesagt. 

Ich habe nur zwei Kriterien bei der Partnerwahl: 

Der Kandidat muss extrem gut aussehen und extrem intelligent sein. 

“Aaahhhaaa.” meinte er und wollte damit wohl zum Ausdruck bringen, dass ich diese Kriterien bei meinen bisherigen Partnern doch auch nicht zur Anwendung gebracht hätte. “Doch, doch…” meinte ich und wischte mir verstohlen ein paar Tränchen aus den Augen.

Neulich habe ich es auf eine der sagenumwobenen, streng geheimen, maximal illegalen “Alles- egal- Spaß- muss- sein- Parties” geschafft. Bin aber auch dort nicht fündig geworden. Kandidat Nummer 1 war bisexuell, frisch entlassener Bundeswehrsoldat und hatte auch sonst zu viele private Probleme, um irgendeine erotische Wirkung auf mich auszuüben.

Kandidat Nummer 2 war straight hetero und auch sonst wesentlich attraktiver. Wir kamen einander so nahe, dass er das “BUCH” aus der Tasche holte, mitsamt Stiften und mir anbot, etwas für ihn hinein zu malen. Ich blätterte ein wenig hindurch und auf fast jeder Seite fanden sich abenteuerlichste, mal mehr, mal weniger gekonnte Zeichnungen, weitestgehend im psychedelischen Tattoo- Manga- Stil. Ich gab vor, restlos umgeworfen und begeistert zu sein. 

Ja, raunte er. Er würde das Buch schon seit Jahren immer dabei haben und interessante Menschen darum bitten, etwas hinein zu malen und mittlerweile sei es sehr wertvoll für ihn, voller Erinnerungen, wie eine Art Tagebuch. Weil auf jeder Seite schon Gnome, nackte Frauen mit langem Haar und oder Bergkristalle und weitere Strukturen abgebildet waren, dauerte es eine Weile, bis er eine freie Ecke für mich fand. Gedankenlos begann ich, ein Auge hinein zu zeichnen und auch eine Nase dazu und versuchte zu ignorieren, dass er zunehmend nervös wurde. Schließlich nahm er mir Buch und Stift weg. “Hey, ich bin noch nicht fertig!” sagte ich. Grundsätzlich könne JEDER ALLES in sein Buch zeichnen, meinte er nun, aber vielleicht doch nicht mit diesem Stift und auf dieser Seite und deswegen blätterte er mir jetzt eine andere Seite hin. 

Nun war ich aber verunsichert und außerdem fiel mir ein, dass er mir während unseres ganzen bisherigen Gespräches noch keine einzige Frage gestellt hatte, sondern immer nur von sich, oder seinem BUCH gesprochen hatte. Sonst wüsste er, dass es sich bei mir um eine kleine Berühmtheit handelt und zwar auch in bezug auf meine Zeichnungen. Und außerdem interessierte er mich nach dieser Erkenntnis weder körperlich, noch menschlich und künstlerisch auch nicht mehr

Unter Druck kann ich nicht arbeiten und so kritzelte ich unter seinem zunehmend strengeren Blick jetzt einfach irgendwas hin. Ich versuchte aus lauter Angst sogar, den Manga- Tattoo- Stil zu imitieren, bis er mir dann das Buch endgültig wegriss, weil er plötzlich gehen musste.

Nicht ohne vorher zu betonen, dass wirklich jeder ALLES in sein Buch zeichnen dürfe, aber jetzt sei es schon 3 Uhr nachts und somit reichlich spät und Tschüss.

Ich aber blieb, bis morgens um halb sieben Kandidat Nummer Drei auf mich aufmerksam wurde, mich mit glühendem Blick betrachtete und sagte, Leute wie WIR sollten sich weltweit zusammen schließen und gemeinsam was machen, was die Menschheit insgesamt voran bringe. 

Was genau ihm denn dabei vorschweben würde, fragte ich und er meinte, zum Beispiel zusammen rappen. (Immer wollen alle mit mir rappen) 

Ich rappte ihm was vor und kurz darauf hatte ich seine Hände überall. 

Grundsätzlich dürfe jeder immer seine Hände an allen Stellen meines Körpers platzieren,

aber nun sei es schon reichlich früh und deswegen müsse ich schleunigst nach Hause, sagte ich, riss mich los und eilte davon.

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