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Sonntag.

Nachts. Ich sass im Nachtzug nach Paris und konnte nicht schlafen. Allein im Abteil. Morgens um drei hielt der Zug in der großen Stadt und danach fuhr er weiter und dann fuhr ich an ihm vorbei. Da links oben in den Bergen irgendwo lag er, der Mistkerl und schlief. Für einen Sekundenbruchteil von Sekundenbruchteilen waren wir in dieser Nacht noch ein allerletztes, hoffentlich allerletztes Mal, auf dem gleichen Längen- oder Breitengrad. Na und? Vorbei, vorbei, vorbei.

Morgens. Ich musste den Zug wechseln, ich stieg um und ich setzte mich nicht auf meinen reservierten Platz, sondern auf den erstbesten, schönsten, mir für mich am meisten geeignet erscheinenden. Der Platz war gut. Später ging ich durch den Zug, um den für mich reservierten, eigentlich für mich bestimmten Sitzplatz zu besichtigen. Er war leer, aber ich sah eine andere Version von mir dort sitzen. Ich hatte Mitleid mit ihr. Nicht nur, dass ich selbstmitleidig bin, jetzt bemitleide ich auch noch ausgedachte Versionen meiner selbst, die sich widerstandslos, schafshaft, auf die miesen, ihnen vom Schicksal für sie bestimmten reservierten Plätze setzen. 

Paris ist stabil, Junge. Kein Grund mehr für Selbstmitleid. Erstmal zehn Kilometer laufen. Kenne den Weg, die Richtung, brauche keine App. In Paris weiss ich immer, wo ich lang muss. Die Wolken sind noch schöner, als die Stadt. Sie sind unbeschreiblich schön, Beschreibung macht keinen Sinn, ausserdem. Ich muss damit aufhören, Wolken oder Träume aufschreiben zu wollen. Will ich ja gar nicht, bin eh zu faul dazu.

Aber irgendwas muss ich schreiben, um meinen neuen Rechner auszuprobieren und das Pariser WLAN zu testen. Vielleicht bleibe ich hier, in der Wohnung von Eric Blanc, wenn er und die Kinder in den Süden fahren. Schreibe und schreibe weiter, den ganzen Sommer lang.Jeden Tag ein Tinderdate, jeden Tag ein neuer Eintrag, warum eigentlich nicht?

Ich konnte es kaum abwarten, herzukommen, um bei meinen Kindern zu sein, sogar auch, um bei Eric Blanc zu sein. Endlich in Sicherheit, endlich dort, wo ich hingehöre, endlich nicht mehr allein. Ich kann es kaum abwarten, bis sie endlich weg sind. Ich will endlich allein sein, sie werden mir fehlen, ich werde es nicht ertragen, allein zu sein, ich werde glücklich sein, ich werde unglücklich sein, ich werde gute Laune haben und schlechte, so viel ist sicher. Irgendwas wird passieren, irgendwas wird sich ändern.

So kompliziert ist das moderne Leben, man hat einfach zu viele Wahlmöglichkeiten und wenn man es vermasselt, ist man immer selbst schuld. 

Am Ende stellt sich heraus, dass man gar nicht so viel Wahlmöglichkeiten hatte. Bisher jedenfalls habe ich immer das getan, was ich tun musste und sogar erfreulich oft, was ich tun wollte. Das einzige Problem ist vielleicht, dass ich zu wenig von dem tue, was ich tun müsste. In letzter Zeit mache ich sogar immer weniger das, was ich tun müsste, weil ich so viel mit dem Wollen und Müssen zu tun habe. Da bleibt für den Konjunktiv nichts mehr übrig.

Jetzt jedenfalls bin ich nicht mehr in Berlin. Vielleicht komme ich nicht mehr wieder, vielleicht bin ich in ein paar Tagen wieder da. Ich müsste meinen Balkon bepflanzen, die Wohnung entrümpeln, ausräuchern, neu streichen, mich um Sachen kümmern.

Die Kinder sind glücklich. Mama und Papa, essen gehen, spazieren gehen, Sachen kaufen, Dinge schenken, Aussichten geniessen. Eric Blanc ist zahm, ich bin es auch. Kein passiv- aggressiv, kein Begehren, keine Enttäuschung, keine Tränen, keine Wut. Kein Zurück.

 

 

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