23/01/21

Samstag.

Berlin.

Ich muss schreiben, denn ich habe niemanden zum Zuhören. Leider. Dabei habe ich so interessante Probleme. Und damit ich die verarbeiten kann, mangels Interessenten, schreibe ich sie auf, dann können es wenigstens alle lesen, die nicht zuhören wollen. Können sie, müssen sie aber nicht, ist mir ab dem Punkt, wo ich meine Gedanken veröffentliche, egal.

Ich erzähle gerne Sachen und wenn die keiner hören will, dann schreibe ich sie eben auf. 

Ich würde auch wirklich gern jemandem zuhören, aber es hat ja niemand außer mir etwas zu erzählen. Immer muss ich nachfragen und den Leuten ALLES aus der Nase ziehen. Nicht weil sie nichts erzählen wollen, sondern weil sie nicht erzählen können, oder nichts zu erzählen haben. Was weiß denn ich.

Es ist einfach so. Nur bei mir ist immer was los. Aber das will, oder kann, wie gesagt, keiner (mehr) hören. 

Das hat mit der Pandemie- Isolation nichts zu tun. Das war schon vorher so.

Niemand will irgendjemandem zuhören, niemand will was erzählen. Niemand hat was zu erzählen. Also außer, dass der Wasserhahn in der Küche tropft. Ich weiß nicht, woran es liegt. 

Vielleicht ist es meine Schuld?

Niemand will MIR zuhören, oder MIR etwas erzählen? Das kann ja sein. Ich kanns nicht beurteilen. Ich bin ja die meiste Zeit am Reden mit allen möglichen Leuten, so ist es ja nicht.

ABER:

Und das war schon vor der Pandemie so: 

Immer wenn ich Freunden oder Verwandten mein Leid klagen wollte, also was der Böse wieder mal mit mir angestellt hatte, machten sie diese ungeduldigen Gesichter.

Genau wie der BÖSE eigentlich, wenn ich meine Anliegen direkt mit ihm klären wollte.

Ich habs IMMER erst direkt bei ihm probiert, aber dann gabs noch schlimmeren Ärger und dann wollte ich mich wo ausheulen, aber es wollte ja niemand zuhören und deswegen blieb mir ja gar nichts anderes übrig, als meine innersten Gedanken dann einfach öffentlich auszukübeln. 

Wo es ja dann doch gar nicht mal so wenige Menschen interessiert, was ich zu sagen habe, harharhar…

Lucky me, denn ich vermute, dass diese Abwehr, dieses Nicht- Zuhören- Wollen- wirklich ein gesellschaftliches Problem ist, was nicht nur mich betrifft. 

Steht ja auch überall, wird überall eingefordert, vom SZ- Magazin bis zur Brand1.

Wir sollen Einander Zuhören.

Klingt ekelhaft.

Klingt unangenehm evangelisch, unangenehm weicheierig, unangenehm halbkastriert, klingt unangenehm pervers.

Als ob einem so ein graubärtiger Protestanten- Pastor in Pantoffeln und mit feuchten Augen, gleich vorn ins Höschen langt, beim EINANDER ZUHÖREN. 

Ich vermute stark, aber ich habe keine Ahnung. 

Mir hört ja niemand zu und keiner erzählt mir was, wie gesagt.

Wenn ich mit dem Bösen was klären wollte, oder anschließend mit meinen Freunden, gabs immer die gleichen blöden Sprüche:

-Du übertreibst/ Übertreib nicht!

-Bist du sicher….?/ Das hast Du Dir bestimmt nur eingebildet.

-Und was ist mit DIR? Bist DU denn IMMER …

-Hast Du das nicht AUCH schon mal gemacht? (damals 1986 im Mai…)

-Stell Dich nicht als Opfer dar-

-Vielleicht solltest Du mal eine Therapie machen?

-Du bist selber schuld, wenn ich so zu Dir bin.

-Du bist selber schuld, wenn Du Dir sowas gefallen lässt.

-Hast du keine anderen Themen?   

-Jetzt reichts doch mal. Wie lange ist das jetzt her, euer Krach? 

(3Tage, 1Woche, 1Monat … EGAL.

-Zeitraum ist beliebig einsetzbar, man soll nicht darüber reden, egal ob es gerade passiert, oder gestern war, vor einer Sekunde, oder vor fünf Jahren)

-Wenn es GERADE geschehen ist, soll man erst recht nicht darüber sprechen, sondern sich erstmal beruhigen, nichts Unüberlegtes tun/ sagen. 

-Also nicht handeln, nicht reagieren- sondern sich BERUHIGEN -also leise sein, still sein, nichts erzählen!

Und man soll sich natürlich ALLEINE beruhigen. 

-Es kommt ja niemand auf die Idee, einfach zu sagen:

Ich komme jetzt zu dir, ich bin sofort da und nehme dich in den Arm und tröste dich und höre Dir ZU, einfach so.

Ohne EINANDER zuhören, ohne Gesprächszeiten gegeneinander aufzurechnen…oder Grenzen zu setzen.

NIEMAND. 

(und wegen fucking Corona und mit den Kindern allein zu Haus konnte ich ja auch nirgendwohin, im Falle allgemeiner Panik und mich bei Leuten in die Küche setzen)

– Also, ich musste mich allein beruhigen, klar. 

Und wenn man sich dann ALLEINE BERUHIGT hat und dann total beruhigt, in aller Ruhe, mit jemandem über das Beunruhigende sprechen will, um Abstand zu gewinnen und sich noch mehr zu beruhigen, dann kommt: 

“Bist du IMMER noch nicht damit fertig? HAST DU DICH IMMER NOCH  NICHT BERUHIGT?”

-Na vielleicht solltest du dann JETZT DOCH ENDLICH mal eine Therapie machen, weil ich Dir nämlich, wie gehabt, IMMER noch nicht zuhören will.

-Soll doch gefälligst die Krankenkasse irgendwen dafür bezahlen, dass er dir zuhört.

Erzähl also deinen Scheiß bitte irgendeinem Wildfremden Prof Dr., aber doch nicht deinen FREUNDEN.

(Bonusinfo: Psychologen hören einem übrigens auch nicht zu. Die lassen einen Fragebögen ausfüllen und dann gibts ne Diagnose und dann wird da irgendein Programm abgearbeitet, je nach Psycho- Spezialisierung)

Also erzählen darf ich im Privatgespräch NICHTS, niemandem. Denn sowie ich anfange, kommt einer oder mehrere, dieser oben zitierten Sätze. 

Immer. Mehr oder weniger sofort. Wenn mir jemand etwas längere Redezeit zugesteht, versuche ich mich extra kurz zu fassen, und bin extrem dankbar und weiß ja, dass ich lieber die Fresse halten bzw. andere Sachen erzählen sollte, was mit Sonderangeboten oder Samsung, bzw es eine Unverschämthet ist, dass ich überhaupt… 

Der Unterschied ist nur, dass mich manche nicht direkt nach einem Satz unterbrechen, sondern nach drei Sätzen, aber dann umso strenger.

Aber vielleicht übertreibe ich ja auch und bilde mir das alles nur ein und bin ICH denn eine gute Zuhörerin? Es ist auch ganz schön dreist von mir, immer wieder anzukommen, mit meinen Privatstories und ich bin ja wohl ganz sicher auch keine Heilige und jetzt habe ich DIE GANZE ZEIT schon wieder nur über mich geredet und Dich gar nicht gefragt, ob da immer noch der Wackelkontakt in deinem Stehlampenkabel ist?

Also, ich habe ein paar Tage in Ruhe darüber nachgedacht und bin mir mittlerweile hundertpro sicher, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das mit dem Nicht- Zuhören- Wollen. 

Ich glaube, die Leute meinen es nicht böse, die haben es so gelernt, dass man nichts sagt und dass man nichts hört, weil das irgendwie als unanständig gilt. 

Das, was man nicht hören will und nicht wahrhaben will, darum muss man sich nicht kümmern, da muss man keine Verantwortung für übernehmen, das kann einen also nicht stören und nicht belasten und man selber darf auch niemals wagen, anderen zur Last zu fallen und es ist besser, Leuten nichts zu erzählen und anhören darf man sich auch auf keinen Fall irgendwas.

Aber ich bin GANZ SICHER nicht so. Ich bin anders als die Meisten und das hat seine Nachteile. (Siehe oben.)

Aber es hat auch seine Vorteile.

4 Kommentare

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Manchmal schreiben Sie mir einfach nur aus der Seele.
Wort fuer Wort.
Koennte es nie so gut formulieren, aber einfach mal: Punkt drunter.
Fetten Punkt.
Genau so ist es naemlich.

Beim letzten Mal konnte ich hier nichts mehr kommentieren, aber jetzt geht es wieder, hurra! Ich freue mich einfach mal und vielleicht freust du dich ein bisschen mit und alle anderen auch.

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