21kommtvor20

Freitag.

Ich hatte überlegt, in Paris zu bleiben und mir einen Job beim Monoprix um die Ecke zu suchen. Monoprix, das ist so etwas wie das französische C&A, nur mit viel schöneren Sachen und auch mit Lebensmitteln, Büchern, Spielzeug und Kosmetik. Also alles viel viel besser als bei uns, so wie eigentlich alles in Frankreich so viel besser als bei uns ist, besonders das Essen und die Klamotten und die Kosmetik, die Architektur, die Filme, das Wetter, die Luft, die Pflanzen, die Möbel, die Bäume, die Wiesen, die Straßen, die Schulen und das Fernsehprogramm. Aber arbeiten bei Monoprix, das möchte ich dann doch lieber nicht, die Beschäftigten dort wirken unentspannt und gestresst, bis auf die eine Verkäuferin, die mich mittlerweile schon wiedererkennt, sie sitzt immer ganz links und ist total verpeilt. Beim ersten Mal dachte ich, sie sei arrogant, aber dann stellte sich heraus, dass sie einfach nur keinen Durchblick hat. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich ein paar Artikel doppelt bezahlt habe, weil es ihr schwer fiel die Häufchen zu trennen. Also das was sie bereits eingescannt hatte, legte sie direkt neben die Sachen, die sie noch nicht eingescannt hatte. Vielleicht habe ich deswegen auch weniger bezahlt, man weiß es nicht. Anstatt also bei Monoprix zu arbeiten, kaufe ich nun jeden Tag für mehrere hundert Euro bei dort ein. Ich brauche so viele Sachen. Gestern habe ich, um den Rabatt zu bekommen, sogar eine Kundenkarte zugelegt, die hängt jetzt an meinem Schlüsselbund. Aber vielleicht gehe ich heute mal zu Carrefour, weil ich mir auch Zigaretten kaufen wollte und neben Carrefour ist der Tabakladen. Der Verkäufer dort kennt mich auch schon. Arbeiten gehen will ich wenn dann, in der deutschen Botschaft oder in einer galerie, oder ich schreibe Kolunmnen für die Berliner Zeitung. Ach Gott, das mache ich ja schon. Wie schön, dann brauche ich gar nicht arbeiten zu gehen. Warum auch? ich wollte mich wahrscheinlich irgendwie selbst betrafen, wie die Legionäre bei Asterix, die immer die Zelte ausfegen, wenn sie was angestellt haben. Ich habe aber gar nichts angestellt, ich bin unschuldig. Nur etwas neben der Spur, wegen des Bösen.

Aber auch dieses Problem ist gelöst. Ich habe eine bombensichere Methode gefunden, ihn mir ein für alle Mal vom Leibe zu halten. Ich habe ihm geschrieben, falls er nicht vorhat, sich zu entschuldigen, alle anderen Liebeleien sofort zu beenden und mit mir eine ernsthafte offizielle Beziehung einzugehen, soll er niemals wieder mit mir in Kontakt treten. Es ist so erbärmlich, wie berechenbar er ist. Aber wenigstens weiß ich, dass ich dadurch ab jetzt endgültig vor ihm sicher bin und er mich für immer in Ruhe lassen wird und mich endgültig von seiner Liste streicht. Möglicherweise kann ich also bald nach Berlin zurückkehren.

Allerdings gefällt es mir in Paris gerade ganz gut und ich möchte  mir noch viel mehr Sachen kaufen. Was ich schon habe sind Notizblock, Stifte, Socken, ein T- Shirt, Aufkleber, ein neuer Rechner, eine Bluetooth Box, Deo mit Aluminiumsalzen, ein Kajalstift, ein roter Body und vier bodenlange nordafrikanische Kleider.Die Kleider mache ich nass, dann ziehe ich mich aus und so ein Kleid an und damit walle ich durch Eric Blancs Wohnung und gehe nur zum Einkaufen raus, denn da draußen hat es 33 Grad.

Durch geschickte Instagram- Nutzung verschaffe ich mir außerdem Zutritt zu Pariser Hipsterkreisen, das scheint mir aussichtsreicher und interessanter, als die Tindernummer durchzuziehen. Morgen Abend gehe ich aus, vielleicht kaufe ich mir vorher noch einen Dildo am Montmartre, aber dann muss ich die große Handtasche mitnehmen und ihn ganz unten verstecken. Wär ja peinlich, wenn der mir beim Wühlen nach dem Feuerzeug in die Quere käme.

Das Ausgehen wird mir guttun, bisher redet hier nur meine chinesische Bluetooth- Box mit mir. Die Box hat so viel Persönlichkeit, dass ich mir Notizen über sie mache und überlege, ihr einen Namen zu geben. Sie spricht ein very britisches Englisch. Sie sagt: ´´Power off´´ und ´´Power on´´ und ´´Battery is too low´´´und das sehr laut und deswegen muss man sie nachts ausschalten. Sonst würde sie einen wegen ihrer schwachen Batterie aufwecken. Für den Fall, dass man ihre Hilferufe überhört, zählt sie nach einer Weile einen Countdown von 10 bis Null runter, unterbrochen von einem Alarmton, der wie ein altes englisches Telefon klingt. Wenn sie eingeschaltet ist und am Stromkreis hängt, leuchtet sie die ganze Zeit in wilden Diskofarben, daher musste ich eins meiner Afrika- Kleider über sie werfen, als ich zum Einschlafen noch Musik hören wollte, weil ich nicht wollte, dass es im ganzen Zimmer in Reggaefarben blinkt. Um mein Hörbuch zu hören, habe ich die Kopfhörer benutzt und deswegen war die Box dann sauer auf mich und hat sich von alleine wieder ins Spiel gebracht und den Sound von den Kopfhörern auf sich selbst verlegt. Jetzt schalte ich sie nur noch im Notfall ein. Man kann sie auch nicht sehr laut stellen. Sie spricht sehr laut über sich selber, aber meine Musik spielt sie nur so mittellaut ab. Wenn man versucht, die Lautstärke an den Plus und Minusknöpfen zu regulieren, springt sie einen Song vor oder zurück, aber eigentlich kennt sie nur eine Lautstärke. Sehr lautes Sprechen und mittellaute Musik. Es gibt fünf Knöpfe unter einem Gummideckel, einer plus, einer Minus, die anderen tragen chinesische Symbole. Es gibt auch einen ´´FM- Mode´´, das soll Radio sein, aber wie man den Sender wechselt, habe ich auch noch nicht herausgefunden, daher rauscht sie im FM Mode nur, unterbrochen von Wortfetzen aus dem Weltall.

Ich weiß noch nichtmal, wie man sie eigentlich wirklich ein- und ausschaltet, das klappt nur, indem ich eine Weile wahllos auf sämtlichen fünf Knöpfen herumdrücke. Die Anleitung habe ich leider sofort weggeschmissen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich die für eine Bluetooth- Box brauchen würde. 

Kommentar verfassen