20kommtvor19

Sonntag.

Ich kämpfe mich durch den Salon, aufräumen, aufräumen, aufräumen. Einfach so,weils danach schöner sein wird. Ich müsste das nicht tun, ist ja nicht meine Wohnung, sondern die von Eric Blancs Mutter. 

Blancs Mutters Wohnung, Blancs Durcheinander. 

Aber ich habe sonst nichts zu tun, will erst morgen wieder in die Stadt, also was solls. Ich sortiere Zeug und werfe ein fettes Plastikschwein auf Skiern weg und noch sonst so einiges und tue Eric damit einen Riesengefallen, denn er ist nicht so der Wegwerfer. Er ist mehr so der Behalter. Er hätte auch mich gern behalten. 

Wenn man in Eric Blancs Anwesenheit etwas wegwerfen will, dann fischt er es nachher aus dem Müll. Entweder, um es zu behalten, oder um es in die richtige Mülltüte zu tun. Mülltrennung ist Eric Blanc sehr wichtig. Ich habe ihm gesagt, vielleicht sollte er, anstatt den Müll zu trennen, lieber erstmal den Müll vom Rest der Wohnung /seines Lebens trennen. Wir haben herzlich gelacht. Dann habe ich mich geschminkt, weil wir spazierengehen wollten und danach auch ihm Mascara auf die Wimpern getuscht.

Ich räume und fege und sortiere und höre dabei „Fest&Flauschig„ den Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann, lasse mich berieseln und beruhigen von westdeutscher selbstgewisser Männlichkeit. 

Angenehm sowas. Angenehme Abwechslung. Wohlhabende, selbstsicher tuende Rechthaber im Dialog. Alle Typen, die ich kenne, sind entweder arbeitslos oder obdachlos oder sexuelle Offender, oder alles zusammen. 

Beim Frühstück lese ich das neue Buch weiter. Deborah Levi, ´´Was das Leben kostet´´, darin schämt sie sich mit Blättern im Haar, also ungepflegt,  zu einem beruflichen Meeting erschienen zu sein und träumt drei Sätze später von einer Zukunft als Drehbuchautorin, im Badeanzug schreibend, an einem kalifornischen Swimmingpool zu sitzen und das Personal grillt ihr Fisch zum Mittagessen und mixt ihr Cocktails.

Das sind wohl zwei Seiten derselben Medaille. Die Heuchelei der Mittelklasse, das klassisch versaute Denken des bürgerlichen europäischen Intellektuellen.

Blättchen im Haar gehen gar nicht, aber Sklaven zum Cocktails mixen anstellen, schon. Ihre Heroen sind Leute wie Haneke, Duras, Varda oder Resnais.

Von Geburt an, wohlhabende, kinderlose, geistig alleinstehende, Fünf- Zimmer- Wohnungs- Inhabitanten, die gewiss auch Heerscharen an Personal beschäftig(t)en.

Großmeister des Kinos. Also: Hochprivilegierte Produzenten maximaler Langeweile. Wann werden die Leute endlich damit aufhören, diese Sattheiten anbeten zu wollen? 

Wieso glauben so viele immer noch, ´´wahre´´Kunst könne erst entstehen, wenn man aufhört, ein tätiges Leben zu führen und Personal zum Tintenfischgrillen braucht?

Wenn ich sowas lese, bekomme ich Lust, Bomben zu werfen.

Luis Bunuel schrieb in seiner Autobiografie, wie er und ein paar surrealistische Kollegen in New York zu einem Weihnachtsdinner eingeladen waren. Der riesige geschmückte Weihnachtsbaum im Saal brachte sie dermaßen auf, dass sie zwischen zwei Gängen wortlos aufstanden, den Baum umwarfen und den Weihnachtsschmuck zertrampelten. 

Gute, nachvollziehbare Aktion. Ich fürchte allerdings, dass das dann auch wieder das Personal aufräumen musste. Und wer putzt denn die von Rockmusikern verwüsteten Hotelzimmer?

Dieser Gedanke hält mich davon ab, eines fernen Tages über das kalifornische Gartenmäuerchen zu klettern und Deborah Levis gegrillten Tintenfisch in den Pool zu schmeißen und ihre Cocktails hinterherzukippen.

Solange Personal im Spiel ist, lässt sich der Kapitalismus nicht besiegen, ist man machtlos gegen die Heuchelei der Mittelklasse.

Der Spätiverkäufer gestern Nacht befand, das eiskalte Heineken, dass ich mir aus seinem Kühlschrank gefischt hatte, für zu warm und wühlte mir ein noch Kälteres raus. Überhaupt sind alle in Paris so wahnsinnig nett zu mir. Überall wo ich einen Kaffee trinke, etwas einkaufe, etwas frage, fischt man die drei deutschen Worte raus, die man kann, oder lässt sich von mir etwas beibringen, ich schwebe auf einer Welle von ´´Bonjour Madame´´ und ´´Ich liebe dich.´´ durch die Stadt.

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