18kommtvor17

Mittwoch. 

Aaah, die Bluetooth- Box. Ich dachte, ich hätte sie ausgestellt. Ich habe die Knöpfchen gedrückt und all ihre Lampen erloschen schweigend. Ach schön, dachte ich, hat sie sich endlich das Gequatsche abgewöhnt. Sie schwieg eine ganze Weile, aber dann ließ sie plötzlich so einen Dreiklang erschallen, wie ein chinesisches Tempelglöckchen, falls es so etwas gibt.

Dingdongding.

Ganz kurz, ganz leise und lieblich.

Also leise auf ihre Art.

Das heißt, überhören kann man das kleine Geräusch nicht gerade, man könnte sich sogar beinahe zu Tode erschrecken, wenn es aus dem Nichts plötzlich so klingelt, aber eben nur beinahe.

Sie will mir damit was sagen, die Box. Und zwar: 

“Ich bin übrigens hier, also ich bin da, wenn du mich brauchst. Falls das jemals nochmal der Fall sein sollte. Wozu hast Du mich eigentlich gekauft, wenn Du mich nur stundenlang so auf Stand- By in der Ecke stehen lässt?

Ich mein ja nur, aber lass Dich  nicht weiter von mir stören, ich kann hier auch einfach weiter so herumstehen. Vielleicht melde ich mich später nochmal bei Dir, schönen Abend noch.“

“Spinnst Du? Was fällt dir ein, mit mir zu reden, ich hab Dich vor ner Stunde ausgeschaltet!” schreie ich die Box an. Wenn die sich noch mal sowas erlaubt, fliegt sie aus dem Fenster.

Ich kriege mich gar nicht mehr ein. “Du bist gerade nicht gefragt, schnallst Du das nicht? Hier ist niemand im Bluetooth- Mode, das Handy nicht und der Rechner auch nicht und ich erst Recht nicht. Wir chillen hier, wir sind OFF, lass uns in Ruhe!“

“Tja, dann hättest Du mich eben RICHTIG ausschalten sollen.“ sagt die Box, also sie spielt nochmal den Dreiklang.

“Weißt Du was, genau DAS mache ich jetzt, Du Miststück.“

Ich würge die Box so lange, bis sie endlich: “POWWWERRROFFFF“ sagt, in einem Tonfall, der mir zu verstehen gibt: “Das muss ich mir noch SEHR gut überlegen, ob ich mich von DIR wieder einschalten lasse.“

Als ich genau das ein paar Stunden später tue, hat sie aber wieder gute Laune, nur dass sie meint, ihre Battery wäre too lowwww.

“Please charge.“ 

Ich tu ihr den Gefallen, was bleibt mir anderes übrig, ich hab Bock auf Musik. Die Box darf nie erfahren, dass ich sie nur wegen der Musik einschalte. 

Ich bin auch sauer.

Der Böse hat mich beschissen, die GANZE ZEIT, mit einer Italienerin.

Ich habs ja geahnt und jetzt weiß ich es. Aus dem Internet. Alles ist da. Sie und das rote Sofa.

Von dem aus er mir einst ein Selfie schickte, selig lächelnd, wie ein satter Säugling, mit einem hellblauen Dreieckstuch um den Hals, wie ein Lätzchen.

Wahrscheinlich hatte sie ihm gerade kurz vorher die Brust gegeben?

Ach, ist das alles unschön.

Ich wollte mich NIE mit sowas befassen, mich nie in die prekären Vororte der Liebe begegnen, in die Banlieues der Romanzen, in die Plattenbauviertel der Erotik. Und nun bin ich mittendrin und versuche, wieder in die Innenstadt zu kommen, mir ein Taxi zu rufen, aber hier gibts ja kein Netz und die Straßen haben alle so komische Namen und mein Handyakku ist fast leer und auf der anderen Seite zerdreschen Jugendliche eine Bushaltestelle und es riecht nach Gras, also Hasch und billigem Weichspüler und alle tragen Jogginganzüge und lassen ihre übergewichtigen Hunde auf die zertretenen vergilbten Rasenflächen scheißen und überall liegen Glasscherben rum und ausnahmslos JEDER vom Rentner bis zur 14jährigen ist tätowiert und hat irgendwie seine Haarfarbe modifiziert und es ist kurz vor Mitternacht und da hinten werfen sie ein brennende Matratze aus dem Fenster und jemand zeigt mir seinen nackten Arsch.

Ich will weg weg weg und in die Innenstadt zurück, also laufe ich Richtung Westen, immer weiter, dahin wo ich hingehöre, wo alles niveauvoll und verkehrsberuhigt ist und alle nur arte gucken und niemand RTL2. Wo man Gauloises raucht und nicht WEST, wo man Tannenzäpfle trinkt und kein LIDL Premium Pils, wo man Wodka trinkt, statt Korn und Cotes du Rhone statt Sangria und Latte Macchiato statt diesem komische Eisteegranulat, was ER so gerne mochte. Eine halbvolle Plastikdose von seinem “Westminster- Himbeer“ oder was das ist, steht immer noch in meiner Küche.

Ich will dahin zurück, wo man ins Kino oder ins Theater geht, obwohl ich beides hasse, oder wo man Bücher liest, also ich will irgendwohin, wo man lesen kann und in ganzen Sätzen sprechen.

Ich will egal wohin, Hauptsache schnell weg hier.

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Ich kenn das. Alles. Es bedingt sich und es hört irgendwann auf. Danach kommt was anderes, aber unter Umständen nichts besseres. Vielleicht stimmt es, dass man nur positiv denken muss. Was weiss ich.

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