17kommtvor16

Sonntag. Paris. 

Wenn ich gefragt werde, wie lange ich schon hier bin, weiß ich es gar nicht mehr. Ich schätze, es sind ungefähr drei Wochen. Wie lange ich bleiben werde, weiß ich auch noch nicht. So lange ich will und noch will ich. 

In allen Haushalten, in denen ich zu Gast bin, trinken sie den Kaffee, den auch ich mir gekauft habe. Ohne es zu wissen, dass den hier alle trinken. Von allen verfügbaren Kaffeedosen aus dem Kaffeeregal griff ich zur weißen Dose: “Cafés MEO, Depuis 1928, 

Biologique&Equitable”.

Und die haben eben alle anderen auch. Klar. Ist ja auch guter Kaffee.

Falls ich wirklich ca. drei Wochen hier bin, dann habe ich die Dose vor 19 Tagen gekauft und jetzt ist sie schon halb leer, bzw. nur noch halb voll. Wenn das so weitergeht, muss ich mir in 19 Tagen eine neue kaufen.

Mein neuer Bekannter, der Fotograf meint, ich würde ihn aggressiv machen, aber hey nein, nicht beleidigt sein, er fände das ja gut, ich würde ihn triggern, aber auf eine positive Art. Wer, ich? Ich bin doch der liebste Mensch der Welt, sage ich. Überhaupt nicht, meint er, ich sei total verschlossen. Stimmt gar nicht, ich bin total offen. Außerdem kann man doch lieb sein und trotzdem total verschlossen.

Ich mag meine Nachbarin nicht. Also, die Frau die unter mir wohnt. Ich habe sie erst einmal gesehen und bekomme sonst überhaupt nichts von ihr mit, aber was ich von ihr mitbekomme, das reicht mir schon bis hier.

Was ich mitbekomme, sind ihre Schuhe. Adiletten, aber aus Leder. Also braun, mit dicker Korksohle. Die stehen vor ihrer Tür und an denen muss ich jeden Tag vorbeigehen, wenn ich durch den Hintereingang nach Hause komme. Ich verlasse das Haus durch den Vordereingang und komme durch den Hintereingang zurück, das hängt mit den Schlüsseln zusammen. Wenn ich ihre Schuhe sehe, macht mich das jedenfalls total aggro. Das andere was ich von ihr mitbekomme, ist die Sitzgruppe vor ihren Fenstern im Parterre zum Hof hinaus. Tisch und zwei Stühle, lila und aus dünnem Blech. Ganz schlimm. 

Warum steht das da, wenn sie da wenigstens mal drauf sitzen würde, aber tut sie ja zum Glück nicht, dann würde sie unter meinem Schlafzimmerfenster sitzen und ich müsste ihr beim Telefonieren zuhören. 

Und selber will man sich auch nicht draufsetzen, weil das Gemöbel ja ihres ist und nicht meines. Und hässlich und unbequem, wacklig und klapprig noch dazu. Wahrscheinlich von Ikea, oder schlimmer noch, von Habitat oder Bo Concept oder Kare.

Schade, sonst würde ich vielleicht gern mal auf dem Hof sitzen, aber warum sollte ich das tun.

Hinter dem Blech sind ihre Fenster und was von von ihrer Einrichtung sehen kann, ist auch total abstoßend. Lila Halogenlicht, ein weißes MdF Regal mit Dekovasen drin und die Ecke eines Flachbildfernsehers.

Alles ist so schön hier und wenn die Nachbarin nicht da wäre, wäre es noch schöner.

Ich bin total happy mit meinem alten Windows Laptop. Ich hatte erst Zweifel, wollte lieber ein altes Macbook kaufen, aber das hätte das Doppelte gekostet und außerdem mag ich die nicht mehr, seitdem sie aus Metall sind, ich kriege davon immer Gänsehaut, wenn ich das anfasse, dieses aufgerauhte Mac- Metall, weil ich mir dann vorstelle, ich würde mit dem Fingernagel drüber kratzen und ich muss mir das vorstellen, auch wenn ich es nicht tue, aber ich habe eben zu viel Phantasie und kann nicht anders. Das ist wie mit den Füllern, damals im Osten, also zu DDR Zeiten. Es gab nur eine Sorte und die hatten Kappen aus dem gleichen Material, so aufgerauhtes Aluminium und ich konnte mir das schlimmste Gefühl der welt verschaffen, wenn ich die Füllerkappe zwischen meine Vorderzähne klemmte und dann langsam hin und herschob. Vorderzähne, die über aufgerauhtes Aluminium kratzen, oh mein Gott, war das schlimm. So wie Zeigefingernagel auf Tafel, oder Gabel auf Porzellan, oder Fingernagel quer über Kord. Darauf war mein Cousin allergisch, das mochte ich aber gerne. 

Jedenfalls der Windows Rechner ist aus schwerem schwarzen glatten Plastik, also schön warm und angenehm und angenehm anzufassen. Außerdem ist da noch Paint drauf und und das gute alte Snipping Tool, mit dem man freihändig Bildschirmausschnitte machen kann. Außerdem funktionieren unter Windows viele Webseiten besser und die Oberfläche ist so angenehm unintuitiv, also erwachsen. Man muss immer ein bisschen nachdenken, welchen Knopf man drücken muss, um ein Fenster zu schließen, oder zu öffnen. Man wird nicht so abgeholt, wie bei der Mac- Benutzeroberfläche und fühlt sich deswegen insgesamt ernstgenommener und wertvoller und solche Gefühle kann ich momentan ganz gut gebrauchen.

Mit Windows bin ich wieder in der großen Welt angekommen. Endlich raus aus aus der Mac- Blase, die nur mit sich selber kompatibel ist.

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