16kommtvor15

Montag.

Paris.

Die Ereignisse überschlagen sich. Also nicht bei mir. Hier in Paris ist die Lage stabil. Aber in Deutschland. Der zweite Lockdown kam früher, als ich dachte, dafür aber nur in Gütersloh und ist seit heute gerichtlich aufgehoben, stand bei Twitter. Ein Grund mehr, noch länger hierzubleiben, wenn jetzt in Deutschland die Schlächter wieder frei herumlaufen dürfen.

Allerdings, ich spüre es, in Paris bin ich langsam fertig, habe ich meine Liste abgearbeitet. 

Ich habe alles gekauft, was ich kaufen wollte, meine Garderobe für das nächste Jahr liegt zusammengefaltet in meinem neuen gelben Rollkoffer. Es fehlen nur noch drei Paar Schuhe.

Eric Blancs verstorbener Mutters Wohnung, mein temporäres Domizil, habe ich fast fertig aufgeräumt, es fehlen nur noch der Flur und das Badezimmer und die sind heute dran.

Für übermorgen habe ich ein Ticket für den ab heute, nach Covid, wiedereröffneten Louvre. Das musste ich im Internet vorher kaufen und mir ein Zeitfenster buchen. Dank Covid werde ich Mona Lisa und Co wahrscheinlich alleine gegenübertreten dürfen.

Und dann? Fahre ich ans Mittelmeer.

Nachdem meine Schwiegermutter verstarb, bin ich endlich eine gute Schwiegertochter. 

Ich ehre ihr Andenken, indem ich ihre Wohnung von der Verwüstung durch ihren Sohn, Eric Blanc befreie. 

Während ich ihre überall auf dem Boden verstreuten Papiere von ihren Kleidern trenne und alles in stundenlanger Arbeit zu ordentlichen Häufchen stapele und in den Schränken verstaue, frage ich mich, wie es zu diesem Durcheinander kommen konnte. 

Es scheint, als hätte Blanc in einem Wutanfall (auf sich? auf Mama?), alles aus den Regalen gerissen und durcheinandergeworfen. Aber warum, wieso, woher diese Wut?) 

Außerdem bekommt Blanc keine Wutanfälle, oder?

Blanc ist, im Gegensatz zu seinem Nachfolger, ein sanfter Zerstörer. 

Blanc hat bis auf drei Mal während unserer Geschichte nie geschrien und mich nur einmal FAST geschlagen. 

Es muss sich hier also um einen langsamen, wochen- und monatelang andauernden Wutanfall gehandelt haben. Die Fortsetzung, Weiterführung eines jahrelangen Wutanfalls, früher dachte ich immer -auf mich, aber wie man jetzt sehen kann, dem ist nicht so, denn ich bin ja nicht mehr mit ihm zusammen. Ein Lebenswutanfall, dem ich jetzt, (einmal wieder), ein retardierendes Element hinzugefügt habe. Ich bin sicher, wenn Blanc zurückgekehrt ist, wird es nicht lange dauern und dann sieht es wieder genauso aus wie vorher.

Also doch: Schnelle Wut? Gern würde ich sagen: NICHT MEIN PROBLEM. Aber wenn er die Sache hier nicht in den Griff bekommt, dann kann er die Wohnung nicht vermieten und nicht nach Berlin zurückkommen und dann bleibe ich wieder mit den Kindern allein. Ich räume hier auf und habe somit meinen Beitrag geleistet und werde trotzdem nichts verhindern können.

Aber dafür, in diesem, von mir polierten Wohnungsjuwel noch eine Dinnerparty vor meiner Abreise in den Süden veranstalten.

Räum mal lieber bei DIR auf, sagt der Künstler am Telefon zu mir. Ja, vielleicht mach ich das mal irgendwann. Ich weiß ja jetzt, wie es geht.

Der Künstler erzählt mir wieder die neuesten Ungeheuerlichkeiten von seiner EX und wir kommen zu dem Ergebnis, dass WIR uns von dergleichen Missgünstigkeiten im Grunde ernähren. Denn WIR sind KÜNSTLER, wir TRANSFORMIEREN. 

Also machen wir DOCH aus Scheiße Gold? Mag sein. 

Alchemie hin oder her. Irgendwann hätte ich ganz gern mal ein anderes Ausgangsmaterial.

Nachdem ich damit fertig war, das Schlafzimmer zu entrümpeln, habe ich die viel zu weiche Matratze an die Wand gelehnt und schlafe jetzt auf der guten alten Rosshaarmatratze, die darunter liegt. Außerdem habe ich ein zweites Riesenkissen gefunden und verbringe die Nächte jetzt zwischen zwei Kissen, so dass ich das eine Kissen zum Umschlingen nicht jedesmal mit auf die andere Seite nehmen muss, wenn ich mich umdrehe, sondern einfach das zweite umarmen kann. 

Ich bin jetzt also Kissenbigamistin und das ist ja auch schon mal was.

Wer hat mich heute morgen um 9 Uhr 15 anonym angerufen und aus bösem Traum geweckt?

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