15kommtvor14

Paris. Dienstag.

Ich muss mich beeilen, bin gleich noch verabredet. Der Fotograf beschuldigt mich, dass ich bei 80 Prozent unserer Treffen unpünktlich gewesen sei und diesmal will ich versuchen… Naja, wir werden sehen. Jedenfalls muss ich mich beeilen. Warum, warum, warum wollen mich immer alle unterdrücken? 

Dabei wollte ich doch noch erzählen, was ich geträumt habe. Schon wieder so mieses Zeug. Erst war ich Prostituierte und der Freier wollte mich erwürgen. Dann wollte ich zu Fuß über die Grenze nach Israel und wurde von britischen Soldaten mit Leuchtmunition beschossen und dabei fast getötet. Später haben sie gesagt, das sei alles nicht so gemeint gewesen. 

Na herzlichen Dank.

Ich werde das mit dem Schlafen jetzt wohl erstmal eine Weile bleiben lassen, obwohl es Zeiten gab, in denen ich lieber wach war, als jetzt. Aber vielleicht werde ich heute Abend ganz gerne wach sein, das weiß ich schon, muss mich aber wirklich beeilen, wenn ich noch duschen und unterwegs eine Flasche Rotwein auftreiben will.

Morgen werde ich vielleicht dann nicht mehr so gerne wach sein, wie heute Abend. Falls ich vergesse, mir Paracetamol einzupacken und vielleicht noch ein verschreibungspflichtiges Medikament von Eric Blancs Mutter. 

Wie auch immer, ich muss mich beeilen. Aber ich wollte noch von der Frau aus der Fotobuch- Werbungs- App erzählen. Diese Werbung wird mir immer angezeigt, wenn ich ein neues Leben bei Candy Crush haben will. Also, es ist nämlich so, dass ich Gefühle für diese Frau entwickelt habe. Ich stelle mir ihr Leben vor. Also das, was sie laut der Werbung führt. Also ich habe natürlich keine echten Gefühle für die echte Frau entwickelt, sondern falsche Gefühle für die falsche Frau. Sie ist operiert, also die Lippen sind aufgepustet, obwohl sie sehr jung ist. In der Werbung sitzt sie zuerst alleine auf dem Sofa, ihrem Sofa, in ihrer Wohnung, nehme ich an, also sie lebt allein, so wie es aussieht und sie tippt beglückt auf ihrem Handy herum, weil sie nämlich Bilder für das Fotobuch aussucht. Sie sieht wahrscheinlich deswegen so dumm aus, damit der Zuseher merkt, dass man auch als geistig total Minderbemittelte diese supereinfache App benutzen kann. “Mein Handy war voller Fotos, die ich nie gedruckt habe.” sagt der Untertitel. Ihr Handy scheint voller Urlaubsfotos mit ihrem freund zu sein und im nächsten Bild sitzt sie dann mit ihm zusammen auf ihrer Couch und blättert mit ihm beglückt durch ein fertiges Fotobuch. Der Freund sieht schlauer als sie aus, weil er nicht operiert ist und sie schmiegt sich dann so an  ihn, woraufhin er sie mitleidig anlächelt. Im nächsten Bild dann öffnet sie die Wohnungstür um NOCH einen Riesenstapel Fotobücher vom Paketboten entgegennehmen. Und im nächsten Bild sitzt sie allein auf der Couch, glücklich lächelnd, allein mit FÜNF Fotobüchern. 

Das rührt mich so wahnsinnig. Ich habe diesen Spot jetzt so oft gesehen, weil ich immer so viele Leben und Bosstser im Candy Crush brauche und jedesmal bin ich bewegt und denke über sie nach. Diese Frau lebt komplett in ihren schönen Erinnerungen. Sie braucht sonst gar nichts mehr. Nur diese leichte Melancholie, ihre dicken Lippen und die Fotobücher. Ich will sie beschützen, sie wirkt so einsam in ihrer kleinen Wohnung mit der Strukturtapete. Es fällt mir schwer, das genauer in Worte zu fassen und außerdem muss ich mich jetzt wirklich beeilen.

Sonst bekomme ich Ärger.

Ich bin einfach zu empathisch, da kann man nix machen. 

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