15/02/2021

Sonntag.

Berlin.

-Ich halte das alles nicht mehr aus, sage ich zu Eric Blanc am Telefon. 

-Was? Du hältst MICH nicht mehr aus? erwidert er.

Die Verbindung ist schlecht.

-ES! Nicht dich! brülle ich in den Hörer. Es stimmt. Ganz kurz halte ihn auch nicht mehr aus, aber ich reiße mich zusammen. Irgendjemanden oder irgendwas muss ich doch aushalten, sonst…

Eric Blanc rezitiert den Schluss von “À bout de souffle”. Als der angeschossenen Belmondo sagt:

“C’ést degeulasse.” 

“Was hat er gesagt?” fragt daraufhin Jeanne Seberg einen Polizisten und der antwortet ihr: 

“Tu es degeulasse.” 

“Mais qu’est- que ça veut dire, degeulasse?”

antwortet sie und damit endet der Film. Belmondo ist tot, aber sie, die Verräterin ist gebrandmarkt. 

Diesen Film zu zitieren, das ist Eric Blancs Art mich zu trösten. Auch wenn es klassisches Derailing ist. Also auf das akustische Missverständnis eingehen, aber nicht nachzufragen, was ich nicht mehr aushalte. 

Aber was halte ich nicht mehr aus? Na nichts halte ich aus. Jede Kleinigkeit bringt mich auf die Palme. Bringt nichts, darüber zu sprechen. Überall wittere ich Gefahr, überall sehe ich Feinde.

Wie immer, wenn ich untervögelt bin, werde ich zur Emanze. Für mich gibt es da einen Zusammenhang, ganz klar. Wenn ich meinen Ex noch hätte, dann wäre alles anders. Hätte ich immer gute Laune. Würde ich nicht so frustriert und sorgenvoll und gestresst und überfordert sein, so nah am Wasser gebaut sein und so schlechte Träume haben und mich nicht so sehr über die menschliche Dummheit aufregen.

— 

Beziehungsweise, ich würde genauso genervt von allem sein, aber dann würde ich das meinem Ex erzählen. 

Und er würde mit mir genervt sein und einen seiner Monologe über die menschliche Dummheit halten und was das Hauptproblem der 30-40 Jährigen heutzutage sei: Dass die alle keine Entscheidungen treffen könnten. Im Gegensatz zu ihm natürlich und ich würde ihm zustimmen und ihn nochmal extra lieb haben.

Aber aber aber. 

Aber das hätte ihn dann wieder genervt. Das wär nix geworden. Das war von Anfang an klar. Das ist auch nix geworden, denn sonst wäre er nicht mein Ex.

Der war ja noch nichtmal mein Freund. 

Der wäre auch nie mein Freund geworden. Allen außer mir was das klar: 

Man fragt nicht nach Bonbons in der Fleischerei. Wieso schnall ich das nicht. Weil ich Schütze bin und Schützen sind idealistisch. Hab lange nicht verstanden, was das bedeutet. Jetzt weiß ich es: 

Idealistisch zu sein, bedeutet zu idealisieren. Ganz falscher Move. Ich kanns nicht ändern. 

Wenn man mir Wurst gibt, aber ich Bonbons will, dann lasse ich mir entweder einreden, die Wurst sei ein Bonbon, oder ich rede mir das selber ein, wer kann das schon so genau wissen.

Und was ist, wenn es überhaupt keine Bonbonläden gibt? Wenn es sowieso nur Fleischereien gibt und ich aber Bonbons will, dann bekomme ich in der Fleischerei auch Bonbons, wenn ich nur lange und lieb genug danach frage. Es hat ja auch schon geklappt. 

Mein Ex und ich, wir haben eine zeitlang ziemlich viel miteinander herumgehangen. 

Ich habe in der Fleischerei Bonbons bekommen. Bis ich sie nicht mehr bekam. Und als ich deswegen herumgejammert habe, wurde mir gesagt: 

“Was willst du. Das war eine Fleischerei, niemand hat je etwas anderes behauptet.”

“Doch!”, sage ich, “Der Fleischer hat gesagt, dass das ein Bonbonladen sei.”

“Du spinnst” , sagen alle. “Hast du sie denn nicht gesehen, die Würste und die Schnitzel und die Schweinsköpfe überall?”

“Ja, aber er meinte, das wär ein Bonbonladen und darum habe ich da nicht weiter drauf geachtet”, sage ich. Achselzuckend wendet man sich ab.

Oder es war ganz anders. Ich war in der Fleischerei und habe trotzdem immer weiter nach Bonbons gefragt, so lange, bis ich erst nicht mal mehr Wurst bekam und dann Hausverbot. 

Ich bin wie der Hase aus den Häschenwitzen. Der Hase, der in der Apotheke nach Möhren fragt. Beim ersten Mal sagt die Apothekerin: “Häschen, hier gibts keine Möhren, weil das hier eine Apotheke ist.” 

Beim zweiten Mal sagt sie: “Wenn du nochmal fragst, häng ich dich mit den Ohren an die Wand.”

Als das Häschen am nächsten Tag wiederkommt und fragt: “Hattu Möhren?”

hängt sie das Häschen wie angekündigt an den Ohren an die Wand. Das Häschen hängt an der Wand, neben einem Erich- Honecker- Bild. Sagt das Häschen zu dem Bild:

“Hattu auch nach Möhren gefragt?”

Der Witz ist an dieser Stelle zu Ende. 

Als Kind hat mir das nicht gereicht. Wie konnte der Witz jetzt zu Ende sein? Was passierte denn jetzt mit dem Häschen? Das konnte doch nicht einfach so an der Wand hängenbleiben? Wie kam es denn wieder da runter von der Wand? Alle lachten, aber ich habe gefragt: 

“Wie geht es jetzt weiter?” 

“Wie? Was geht weiter?”

“Der Witz.” 

“Der geht nicht weiter. Der ist zu Ende.”

Ich musste mich damit abfinden, dass da nichts mehr kommt. Der Witz war zu Ende, das Häschen blieb auf ewig neben Erich Honecker an der Wand hängen. 

Zufälligerweise bin ich nicht nur Sternzeichen Schütze, sondern im chinesischen Horoskop auch noch Hase, also im Jahr des Hasen geboren und darum hänge ich jetzt auch fest. Hänge auch in der Apotheke an der Wand, neben dem Erich Honecker Bild, oder in der Fleischerei, neben den Würsten und ich komme nicht runter, weil der Witz vorbei ist.

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