14kommtvor13

Mittwoch.

Paris.

Das göttliche Gesetz des universellen Ausgleichs. Ich habe es ja vorher gewusst. Wenn man mal einen schönen Abend hat und ein paar Stunden gerne wach ist, ist man am nächsten Tag nicht mehr so gerne wach.

Aber was wenn es dieses Gesetz nicht gibt? Wenn das Universum und alles darin einfach nur ein ungeordnetes sinnloses Chaos sind, eine Abfolge der Konsequenzen aus mal besseren, meist aber schlechteren Zufällen?

Dass aus Gold Scheiße wird, habe ich in den letzten Wochen und Monaten erleben dürfen, dass aus Scheiße Gold wird, eigentlich noch nie. Andererseits ist Gold vom menschlichen Körper nicht verdaubar, wird also im Originalzustand wieder ausgeschieden, insofern hat es da vielleicht einfach kein Gold gegeben. Gold bleibt Gold, da gibt es nichts zu transformieren. Also war das kein Gold, was da Scheiße wurde, sondern irgendetwas anderes. Da brauche ich also nicht traurig deswegen zu sein. Nein, wirklich nicht.

Ich brauchs nicht sein, bins aber trotzdem. Ich soll an mir arbeiten, heißt es im Internet. 

So ein Trauma überwindet sich nicht von allein. An sich arbeiten meint: Aufhören, das Falsche zu tun und anfangen, das Richtige zu tun. Aufhören, das Falsche zu denken. Aber wie soll das gehen? Man denkt halt, was man denkt. Man denkt so vor sich hin und schwups, schon hat man was Falsches gedacht. Das geht schneller als man denkt, dass man das Falsche denkt.

Ok. Trotzdem. Ich will versuchen, das Richtige zu denken. Das habe ich doch auch schon meiner Tochter gesagt, oder sie zu mir:

”Lerne im Traum, das Richtige zu denken.” Das kam, als sie mir einen schlechten Traum erzählt hatte und ich habe ihr gesagt, im Traum passiert ja, was man denkt und wenn man also was Schlechtes träumt, dann muss man sich nur daran erinnern, das man träumt und dann eben das Richtige denken und dann kann man den Traum transformieren, von schlecht nach gut, also direkt Einfluss auf das Traumgeschehen nehmen.

Das Richtige denken? Ok, ich hatte heute einen schrecklichen Hangover wegen gestern, wie gesagt und wie auch schon geplant, aber es ist ja trotzdem schrecklich, auch wenn man vorher weiß, dass man die gute Laune mit schlechter Laune bezahlen muss. Wegen des universellen Gesetzes des göttlichen Ausgleichs, nein, wegen des göttlichen Gesetzes des universellen Ausgleichs. Ich weiß ja, wie gesagt nicht, ob es das gibt, auf die Gesamtheit des Universums und des Schicksals der Erdenmenschlein bezogen, aber in bezug auf Alkohol- und sonstigen Missbrauch greift das Gesetz jedenfalls. Auf übertrieben gute Laune folgt übertrieben schlechte Laune, das muss ich immer wieder feststellen.

Das Richtige denken. Ich versuche, eine Vision davon zu entwickeln, was das sein könnte und stelle fest, ich tue sowieso meistens das Richtige und denke sowieso meistens das Richtige. Richtiger als ich gehts doch gar nicht. Ich bin attraktiv, berühmt, beliebt, genial, witzig und erfolgreich. Mehr Leistung kann ich nicht bringen. Schlechte Laune habe ich aber trotzdem häufiger, als mir lieb ist.

Als ich am Vormittag die Wohnung des Fotografen verlasse und mich auf die drei komma eins Kilometer Richtung Louvre mache, sehe ich fantastisch aus. Ich trage meinen neuen gestreiften Body und die neuen schwarzen Paillettenshorts, meine Augen strahlen, meine Schuhchen sind bequem und aus ganz dünnem braunen Leder, alle Männer sehen mir in die Augen und begrüßen mich. Aber ich hab schlechte Laune, ich Arsch.

Was will ich denn NOCH alles? Ich bin ganz weit oben!!!

Attraktiv, berühmt, beliebt und frei in der schönsten Stadt der Welt. In der Stadt der Liebe. 

In Lutetia, der Stadt der Lichter, in der weltberühmten Seinemetropole.

Die immer eine Reise wert ist. Hier verbinden sich Kultur, Geschichte, Architektur, Mode zu einem einzigartigen Amalgam. 

Die zahlreichen gepflegten Parks laden zur Erholung ein. Weltberühmte Baudenkmäler wie Eiffelturm und der Triumphbogen warten darauf, von Ihnen entdeckt zu werden. 

Aber auch für den Nachwuchs ist gesorgt: Warum nicht einfach mal einen Ausflug nach Eurodisney machen, dass ab dem 12. Juli wieder seine Pforten für die großen und kleinen Besucher aus aller Welt geöffnet hat? 

Wem das alles noch nicht reicht, für den habe ich noch einen Geheimtipp parat: 

Es genügt auch, einfach nur spazieren zu gehen und sich treiben zu lassen vom hektischen Strom der Weltmetropole. 

Wenn die Füße pflastermüde sind, können Sie in einem der vielen Bistros und Restaurants und Cafés und Brasserien Platz nehmen, die an jeder Ecke aus dem Boden sprießen. 

Aber Achtung! Achten Sie immer auf Ihr Gepäck. Schon so manches Reiseglück konnte durch Langfinger vereitelt werden. Unterkunftsmöglichkeiten gibt es viele. Vom noblen Sternehotel bis zur einfachen, aber gepflegten Absteige werden Sie fündig in unserer Broschüre am Fuß die wichtigsten Links und Telefonnummern. Auf ein baldiges Bonjour, bienvenue á Paris, wir freuen uns auf Ihren besuch.

Er versteht nicht, warum sich nicht viel mehr Menschen umbringen, hat der Diplomat  zu mir gesagt. Warum wollen immer alle am Leben bleiben und die Last des Daseins bis zum Letzten ertragen?

??? Bist du depressiv? habe ich ihn gefragt. 

Nein, überhaupt nicht, Suizid sei für ihn nie in Frage gekommen. Er glaube, dass man mit einer Kombination aus Sport, Yoga und Meditation alle Probleme in den Griff bekommen könne.

Na, ich weiß nicht. Yoga ist was für Inder. Ich war noch nicht in Indien, aber was man von dem Land hier so mitbekommt, klingt für mich nicht so, als ob Yoga den Indern besonders viel gebracht hätte.

Vielleicht sollte ich mich eher nordischen Sportarten zuwenden? Nordic Walking, oder gar Ski?

Lieber nicht.

Ich als Künstler, glaube an die Macht der Kunst, an die Transformation, an die Alchemie. 

Also nicht an die Macht der Kunst im Allgemeinen, nur an die Macht meiner Kunst und auch nur in bezug auf mich. Wenn es mir nicht gut geht, brauche ich nur zu schreiben und schon geht es mir besser. 

Ach ja, Schreiben würde er auch gerne, sagte der Diplomat. Aber er könne nur schreiben, wenn es ihm schlechtginge und es würde ihm aber momentan so dermaßen gut gehen, dass er nichts zustandebrächte, beim Schreiben. Tja, ich kann auch schreiben, wenns mir gut geht, weil es mir ja eigentlich immer gut geht, aber eben auch immer schlecht. 

Schlecht genug zum Schreiben jedenfalls. Muss es ja auch, denn das ist ja mein Beruf, denn ich bin kein Diplomat. 

Apropos Kunst: 

Der Louvre. Ich stand davor, ich hatte ein Ticket, ich wollte rein, aber ich konnte nicht. 

Beim Anblick der Barrieren, durch die man wegen Terror und oder Corona sich nur im Zickzack der scheußlichen Glaspyramide annähern darf, ist mir die Lust auf Monalisa und Co vergangen. 

Ich weiß ja auch wie sie aussieht, ich war ja schon ein paar Mal bei ihr. Ganz klein ist sie und lauter Japaner stehen davor. 

Ich hätte gern diese riesigen homoerotischen Ölschinken gesehen, die nackten muskulösen Götter, die auf Wiesen liegen und sich gegenseitig mit Weintrauben füttern. Das Gemächt nur unzureichend von diversem Blattwerk verdeckt. Stramme Hintern in Überlebensgröße, muskulöse glatte Arme, diskret geädert, breite Brust, vor pinkfarbenen Himmeln und dorischen Säulen, in Ruinen von Efeu überwuchert und Frauen mit riesigen Brüsten unter halbdurchsichtigen Tuniken/ Tunikas? Tüchern, immer kurz davor ihnen von den weißen Schultern zu rutschen. 

Oder 8000 Versionen von Helena im Bade, beobachtet von gierigen bärtigen alten Lustmolchen mit hervorquellenden Augen im Gebüsch, oder 600 Mal der Raub der Sabinerrinnen. 

Lange rotes Locken, schreckgeweitete Augen, keine Schambehaarung. 

Oder die nackte Salomé, stolz neben dem abgeschlagenen Haupt von dem Typen auf dem Silbertablett, seine Augen geil schielend nach oben verdreht und das Blut tropft.

Oder Lot und seine Töchter, gutgelaunt,voller Vorfreude, kurz vorm Inzest. Mutti ist Salzsäule, Sodom und Gomorrha brennen, aber Lot wird es ihnen gleich besorgen, giftige verbotene Lust. 

Hemmungslose Perversion in 80 aufeinanderfolgenden Sälen und in 10000 Varianten. 

Dann: Maximal detaillierte Darstellungen der Hölle, Folterszenen und Kopulationen. 

Danach wieder Saal an Saal mit Schlachtengemälden. 

Schwarze Pferde mit gefletschten Zähnen bäumen sich auf, Männer spießen einander auf ihre Degen, werden unter den Hufen zerquetscht, Frauen werden geschändet, Dörfer in Brand gesteckt und alles mit goldenem Schnitt, auf 20 mal 15 Metern. 

Uh Oh Ah. Das Martyrium des Heiligen Sebastian.

455 Versionen:Er nackt an einen Baum gebunden, offene Wunden am ganzen nackten wohlproportionierten Leib, das schöne Gesicht selig leidend, die Augen zum Himmel verdreht, danke Gott, dass ich das erleben darf. 

—.

Leda und der Schwan, Leda und die Schwäne, die Schändung der Lucretia, OMGOMGOMG.

2 Kommentare

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Da entsteht die Apokalypse vor des geneigten Lesers inneren Auge !

Ein ❤ Frau ❤Berg

P.S. lassen Sie sich nicht von Ihren Gedanken die Laune trüben, das wollen die nur.

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