13kommtvor12

Donnerstag. Paris.

Merkur ist rückläufig bis Sonntag 12. Juli. Rückläufig bedeutet nicht, dass er sich rückwärts bewegt. Es scheint nur so. Aber er ist in dieser Zeit langsamer als die Erde und deswegen sieht es so aus, als würde er sich rückwärts bewegen.

Wie kann denn ein Planet bitte langsamer als die Erde sein? Also grundsätzlich ja, aber nur ab und zu einen Monat lang? Dreht sich die Erde auch manchmal langsamer oder kurvt langsamer durchs Weltall? 

Ich dachte, die Geschwindigkeit, mit der sich die Gestirne auf ihren Umlaufbahnen bewegen, sei relativ konstant. 

Es kann doch nicht sein, dass die mal für einen Monat abbremsen und dann wieder schneller werden? Oder hängt das mit den Ellipsen zusammen? Also mit ihren elliptischen Umlaufbahnen? 

Auf der Langstrecke langsam, aber wenn es dann in die Kurve geht, SCHEINBAR noch langsamer? Von der Erde aus gesehen. Oder umgekehrt?

Ich habe keinen Führerschein, aber in der Kurve soll man NICHT beschleunigen, glaube ich, weil man sonst rausfliegt, aus der Kurve. Heißt das, Merkur wird langsamer in der Kurve? Aber woher weiß er denn, das jetzt die Kurve kommt. 

Ach so, Unsinn, es SCHEINT nur so, wegen der Perspektive. Whatever. Ist mir doch egal.

Jedenfalls. Er ist rückläufig, der Merkur. Bis Sonntag noch. Sonntag, den 12. Juli. 

Das nervt. Ich hab mich geirrt, es verpeilt, mich verschätzt. Ich dachte, MORGEN wäre schon der 12., obwohl ich wusste und es auch zu Leuten gesagt habe, dass Montag der 13. Juli ist. 

Dabei habe ich nicht bedacht, dass vor dem 13. der 12. kommt. Also, es nervt noch so lange warten zu müssen, weil dieser rückläufige Merkur nervt. 

Weil ich da nichts entscheiden kann, aus Sicherheitsgründen. 

Bei rückläufigem Merkur spinnt nämlich die Technik und auch sonst alles. Emails kommen nicht an, SMSen gehen an den falschen Empfänger, Telefonate werden plötzlich unterbrochen, technische Geräte gehen überhaupt und sowieso kaputt. Züge verspäten sich und dergleichen mehr. 

Hast Du auch bemerkt, oder? 

Bei rückläufigem Merkur soll man keine Verträge unterschreiben, nichts kaufen, nichts verhandeln, nicht heiraten, sich nicht selbständig machen und sich möglichst auch nicht operieren lassen.

Ich sags ja nur. Und jetzt ärgere ich mich eben, weil morgen erst der 9. oder 10. Juli ist und ich noch bis Sonntag, bzw. sicherheitshalber bis Montag warten muss, bevor ich mich operieren lassen, heiraten und mich selbständig machen kann.

Ich habe aber keine Lust mehr, so lange zu warten. Meinen Buchvertrag habe ich deswegen lieber schon gestern endlich doch unterschrieben und zurückgeschickt. Kann sein, dass das ein Fehler war. 

Ich habs so satt. Immer nur Fehlerfehlerfehlerfehler. 

Die ganze Zeit muss ich seit Neuestem so aufpassen. Nichts falsch zu machen. 

Ich würde gern mal wieder einfach so drauflosleben, aber das klappt ja nicht mehr. 

Das weiß ich, weil es ja nicht geklappt hat.

Also muss ich ab jetzt, die ganze Zeit darauf achten:

Was ich denke, was ich fühle, was ich tue. Immer immer immer, ACHTSAM sein, weil das sonst zu den falschen Gefühlen und falschen Gedanken führen könnte und infolgedessen zu falschen Handlungen und infolgedessen zu noch falscheren Gefühlen, Handlungen und so weiter.

Also, ich gehe auf Eierschalen, ich passe auf. Ich passe extrem auf, dass mir keiner mehr komisch kommt. 

Ich sehe überall Rote Flaggen und Gefahren. Aber meine Güte, ist das anstrengend. 

Darum bin ich nicht in den Louvre gegangen, weil ich schon die allerkleinste Gängelei und Zurechtweisung nicht mehr ertrage, deswegen gehe ich erstmal lieber gar nicht mehr aus dem Haus, also auf keinen Fall vor dem 12. Juli jedenfalls, wann auch immer der ist.

Jedenfalls jetzt sitze ich deswegen, aus Achtsamkeit, in Paris in der kleinen Bude fest, trinke Schnaps und schaue mir Ratgebervideos auf Youtube an, zum Thema SELFCARE. 

Weil ich ja aufgrund meines naiven Draufloslebens mies behandelt wurde und jetzt “In die Heilung” gehen muss. Aber es reicht. 

Ich bin so durch mit dem ganzen SELFCARE- Shit. 

Ich will das jetzt gar nicht in Bausch und Bogen verurteilen, was die Experten mir da so erzählen. Aber es ist schon schlimm, wie die mit mir reden. 

Die duzen mich. Das ist auch schon wieder so ein Warnsignal. Also ich wittere da Manipulation, Unterdrückung, Mobbing.

Bloß, weil man sich gerade ein bißchen schwach fühlt und Hilfe sucht, wird man gleich geduzt. Ich komme damit nicht klar.

Verstehst Du, was ich meine?

Also, von Fremden geduzt zu werden, finde ich übergriffig.

Ich bin da wie Larry David in “Curb your Enthusiasm”, der sich mit der Yogalehrerin verkracht, weil er ihr und der Gruppe, am Ende der Sitzung das “Namasté” verweigert. 

Sie fragt ihn dann, was das sollte und er antwortet ihr: “I am not a Namasté Guy.”

Ganz genau. Und ich bin kein Duzgirl.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich kann will und werde ans Mittelmeer fahren, aber ich werde vor Montag, dem 13. auf KEINEN FALL irgendwas buchen, habe ich entschieden. 

Das klappt vor dem 12. nicht, wegen des Merkurs.

Ich habe es ja erlebt. Wenn ich mir ein Ticket für den Louvre kaufe, mit Zeitfenster, aber dann nicht in den Louvre gehe, dann kann es auch sein, dass ich mir eine AirBnB Schrottimmobilie in einem Kaff buche, aber dann nicht hinfahre. 

Verstehst du, was ich meine?

Aber was mache ich denn dann bis Montag, den 13. Juli?

Vielleicht gehe ich in den Louvre. Das Ticket müsste ja eigentlich noch gültig sein.

Das können die nicht bringen, dass es nicht mehr gültig ist, bloß weil man wegen Hardcore Hangover das Zeitfenster verpasst hat. 

Der Louvre ist doch der Louvre und kein ICE.

Wenn man auf AirBnB nach AirBnB Apartments guckt, also, wenn ich das tue, vergeht mir sowieso gleich die Reiselust. 

Wegen der Möbel und der Deko auf den Ferienhausfotos. 

Ich kenne das Gefühl, ich habe es schon zu oft erlebt und ich will das nicht mehr. 

Diese Enttäuschung, wenn man total verschwitzt in der Ferienwohnung angekommen ist und die Tür aufschließt. 

Erstmal dieser komische, undefinierbare Geruch: Essigreiniger plus X.

Man reißt die Fenster auf, lässt sie Tag und Nacht offen, aber er geht nicht weg, die ganze Woche lang.

Dann das Bettzeug, dass auch so komisch riecht und der Nachttisch aus Pressholz mit Furnier und überall die Deko- Glasflaschen mit gefärbtem Sand drin und die zerfledderten Fernsehzeitschriften vom vorletzten Jahr, mit den, von vorherigen Feriengästen,  mit verblasstem Kugelschreiber, halb ausgefüllten Kreuzworträtseln.

Das plump gemalte original Ölbild mit Signatur: “O.E. 2014” überm Bett. 

Hafenszene, oder Seestück. 

Die braun gesprenkelten Terrakotta Kacheln in der “Küchenzeile”. Die viel zu kleine Dusche und die seltsam funktionierende, zu lange rauschende Klospülung und der brummende Kühlschrank und die großzügigst geblümte Wachstuchdecke auf dem wackligen Billo Blechtisch auf der ”Terrasse”.

Die quietschende Schranktür, die klemmende Küchenschublade mit dem Besteck mit den Plastikgriffen drin und die drei “Welcome” Kekse in Zellophan neben dem ausgeleierten Wasserkocher.

Ja gut, aber dafür wars billig, sagt man sich. Aber soooo billig dann halt auch wieder nicht. 

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