11.01.2021

Montag.

Berlin.

Ich habe auf den falschen Link geklickt, bin irgendwo verkehrt gelandet und dann war da dieses Video mit den uralten Haushaltstricks und da stand, dass man mit Essig diese Kalkablagerungen am Wasserhahn wegbekommt und sie haben auch gezeigt, wie: Essig drauf, einwirken lassen und dann ganz easy mit einer alten Zahnbürste abkratzen, den Grind.

Das habe ich dann nachgemacht und es hat funktioniert. Ich habe keinen Essig genommen, sondern Essigessenz, die hatte ich noch irgendwo herumstehen. Die hatte ich vor Jahren mal gekauft, nach Betrachten eines ähnlichen Videos, aber sie dann nach Benutzung zur Putzung, in einer Ecke verstauben lassen und ich weiß jetzt auch wieder, warum:

Essigessenz macht zwar Kalk und auch sonst alles weg, aber sie stinkt eben auch ganz schrecklich und schlimm. 

Also, wenn man Essigessenz benutzt hat, dann glänzt es vielleicht überall, aber es riecht eben auch seltsam.

Es riecht dumpf und deprimierend, wie die die langen, trübsinnigen, stumpfgeschrubbten Flure eines sibirischen Sanatoriums für alkoholkranke Halbwaisen im Spätherbst 1977.

Ich habe die Fenster aufgerissen und extrem wohlriechende Gäste eingeladen, um den Geruch loszuwerden. Außerdem hoffte ich, dass sie in meinem Salon Kette rauchen würden. Aber die Gäste hatten sich das Rauchen weghypnotisieren lassen und darum musste ich alleine gegen den Essiggeruch anrauchen und so mischte sich der Zigarettenrauch mit dem Wohlgeruch der Gäste und deswegen roch es besser in der Wohnung, nachdem der Besuch gegangen war.

Weil ich aber gerade so im Schwung war, wollte ich weiter entkalken und bin von Essigessenz auf 100 Prozent Reine Zitronensäure umgestiegen, die mir beim Einkaufen so in den Weg geflogen kam.

Essigessenz ist sauer, Zitronensäure ist sauer, das wird ja wohl aufs Gleiche hinauslaufen, aber besser riechen, dachte ich mir und griff zum Produkt. 

Seither habe ich die Wohnung nicht mehr verlassen, sondern krabble mit Schwämmchen,  einer Zahnbürste und diversen Mikrofasertüchern bewaffnet durch die Wohnung und entkalke mit immer noch mehr und noch mehr und noch mehr zunehmender Begeisterung.

Je mehr es wo glänzt, desto mehr bemerkt man, wo es alles noch nicht so schön glänzt und das ist dann eben ein Kreislauf ohne Ende.

Spongebob und Patrick haben aus Paris angerufen und gefragt, wann sie denn wieder zurückkommen dürfen. 

“Sowie ich alles entkalkt habe” habe ich geantwortet, also ganz sicher nächste Woche, aber noch sichererer übernächste Woche und fühle mich dabei wie Eric Blanc, der beinahe ein Jahr lang behauptet hat, sofort und demnächst aus Paris nach Berlin zurückzukehren, sowie “er seine Wohnung dort fertig renoviert hätte”.

Wahrscheinlich ist er auch auf/ beim Entkalken hängengeblieben.

Je länger ich damit beschäftigt bin, meine Bleibe zu entkalken, um so wahrscheinlicher wird es, dass auch ich ein paar Monate, wenn nicht fast ein Jahr brauchen werde, um hier ein für alle Mal durchzukommen. 

Als ich heute zum ersten Mal seit Tagen, das Haus verlasse, um neue Zitronensäure und neue Zahnbürsten und neue Mikrofasertücher und neue Schwämmchen zu erwerben, ist draußen alles weiß und dicke Flocken fallen in mein Gesicht. 

“Jetzt ist es so weit”, denke ich, “jetzt regnen sie das Virus sogar schon vom Himmel.” und wische mir einen der coronaförmigen- Kristalle von der Nase. 

Er schmilzt sofort und auch die anderen Kristalle bleiben nicht liegen. Am Nachmittag ist alles wieder nass und grau. “War wohl doch kein Corona, war nur Schnee.” denke ich erleichtert, als ich das Innere der Fensterrahmen mit der Zitronensäure und Zahnbürste bearbeite und bei der Gelegenheit auf die Straße hinunter blicke. 

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: