05/02/2021

Freitag.

Berlin.

„Samstagabend hätte ich frei“, schrieb ich dem Letzten Strohhalm. 

Er rief kurz danach an, aber bevor ich mich freuen konnte, sagte er, dass sein Psychotherapeut ihm Sex verboten hätte, für mindestens drei Monate. 

“Oh nein”, sagte ich. “So ein Pech, du bist meine einzige Ressource derzeit.” 

“Ja, das bin gerade für viele.” sagte er.

“Du Schwein”, antwortete ich. “Reibst mir das auch noch unter die Nase, dass man sich bei dir anstellen muss.”

“Ich muss jetzt auflegen”, sagte er. 

Ich rief ihn gleich wieder an. 

Er sei eben AUCH extrem sensibel, meinte er, nachdem die Verbindung wiederhergestellt war und ich sagte, dass dies nichts Neues für mich sei und ich entschuldigte mich für das „Schwein“, aber ich sei eben auch sensibel und dass es mich sehr hart getriggert hätte. Also, wenn mir jemand erzählt, wie viele Möglichkeiten er hat, besonders wenn dieser Jemand meine einzige Möglichkeit sei.

Und es ist wahr, ich bin übel getriggert, aber auch froh, dass der Letzte Strohhalm doch kein Letzter Strohhalm ist, also ich bin froh, dass er nicht mit mir schlafen will, weil ich weiß, dass dies dann ja doch wieder im Drama enden würde. 

Ich weiß das, weil das mit dem Letzten Strohhalm ja schon mal passiert ist. 

Dass ich nach dem Sex, oder wegen des Sex und auch wegen des Drumherum, eine Art Vertrauen zu ihm entwickelte.

Woraufhin er mich, genau wie soeben am Telefon, darauf hinwies, dass er aber nicht nur für mich eine sexuelle Ressource sei und ich auch nicht seine einzige sexuelle Ressource wäre. 

Woraufhin es für mich dramatisch wurde, denn sowas verträgt man nicht gut, wenn man eine Art Vertrauen zu jemandem entwickelt hat. 

Mit einer Art Vertrauen, meine ich ein Gefühl der Nähe oder einen Wunsch nach Nähe und Nähe wird nicht mehr wenn man sie mit mehr als einer Person teilt. Jedenfalls für mich nicht. Wenn das Gegenüber unsere Art von Nähe mit zu vielen Menschen teilt, dann ist das für mich keine Nähe mehr, ist die Nähe zerstört, wird das Gegenüber mir sofort fremd und das macht mir dann Angst, bodenlose irrationale Angst. Aber wenn ich Angst vor zu wenig Nähe habe, ist ein Gegenüber, welches Angst vor Nähe hat, für mich ungeeignet. Wie auch immer, die durch das Geständnis der Teilung plötzlich verschwundene Nähe, machte mir Angst und der plötzliche Verlust der Nähe schlug mich nieder.

Woraufhin es für ihn dramatisch wurde, weil ich den sexuellen Kontakt, sowie überhaupt den Kontakt zu ihm, nachdem ich ihn verwünscht und wüst beschimpft hatte, für sehr lange, also mindestens ein paar Wochen lang abgebrochen habe. 

Woraufhin er das (vermutlich) seinem Psychotherapeuten erzählt hat, woraufhin dieser ihm das Sexverbot aussprach.

Jetzt hat der Letzte Strohhalm also wegen mir Sexverbot

und das ausgerechnet jetzt.

Das könne er gut verstehen, antwortete der Letzte Strohhalm, dass mich das triggern würde und er hätte eigentlich auch nur sagen wollen, dass ich seine Verweigerung nicht persönlich zu nehmen bräuchte, da er derzeit NIEMANDEN nehmen dürfe, also ich nicht denken solle, er würde mich nicht, aber dafür Andere vögeln.

Obwohl, fügte er hinzu, die anderen Frauen, bei ihm Schlange stehen würden und zwar nicht nur die Anderen, sondern Alle.

Ich bedankte mich für sein Verständnis und sagte, ich sei derzeit eine Bombe mit vielen Lunten und deswegen sei baldestmöglicher Geschlechtsverkehr mit ihm, wahrscheinlich wirklich keine gute Idee oder ratsame Option für mich, obwohl mir das im Moment total egal wäre, YOLO. Und schon allein das, also dass das möglich ist, dass wir so offen miteinander reden können, also wie sollte das nicht wieder zu einem Drama führen, im Fall der Fälle. 

Also, wenn wir so miteinander reden können und außerdem noch miteinander schlafen, wie sollte ich da neutral bleiben, wenn ich mir ausmale, er hätte ein paar Nächte später keine Zeit, oder würde sich nicht zurückmelden und ich würde dann nachts allein im Bett liegend mir vorstellen (müssen), dass er es aufgrund seines Status als Letzter Strohhalm Von Vielen, gerade mit einer Anderen treibt, anstatt mit mir. 

Egal, ob das wirklich so wäre, oder nicht, ich könnte in einem solchen Fall das Alleinsein doch überhaupt nicht mehr genießen. Mein innerer Friede, bzw. die letzten Reste meines inneren Friedens wären zerstört. Es wäre schrecklich, einfach nur schrecklich. Schwachsinnig und schrecklich und schrecklig schwachsinnig und überhaupt nicht zu verhindern.

Insofern bin ich seinem Psychotherapeuten für das Sexverbot dankbar und ich erinnere mich plötzlich daran, dass meine Psychotherapeutin mich für derartig instabil hält, dass auch sie mir ein Sexverbot erteilt hat und zwar nicht nur für drei Monate, sondern sogar für ein ganzes Jahr. 

Ich habe ihr das Auge in Auge und per Handschlag versprechen müssen. Und ich habe das sofort danach, bis gerade eben, komplett vergessen. 

Und das ist das Problem mit diesen Psychotherapeuten. Wenn du in einer Beziehung bist, raten sie dir, dich zu trennen, wenn du Single bist, verbieten sie dir, Sex zu haben.

Manchmal denke ich, der größte Feind zwischenmenschlicher Beziehungen sind erstens Menschen und zweitens Psychotherapeuten.

Jedenfalls sagte ich nochmal zum Letzten Strohhalm, dass sein Sexverbot für mich zur Unzeit käme, weil er doch meine einzige Ressource und mein letzter Strohhalm sei und während ich das zu ihm sagte, fiel mir ein, dass dies ja 1. strategisch betrachtet und 2. aus Höflichkeitsgründen und 3. überhaupt, total daneben ist, jemanden als einzige Ressource und letzten Strohhalm zu bezeichnen.

Weil man sich ja immer so darstellen soll, als ob man eine Riesenauswahl hätte, wegen des Marktwerts. Und dem Gegenüber muss man aber gleichzeitig das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Jedenfalls, wenn man das Gegenüber ins Bett kriegen will.

“Mich selber als ressourcenlos, also unbeliebt und dich gleichzeitig als Letzten Strohhalm bzw. Notnagel, also als einzige Ressource zu bezeichnen, ist ja wirklich total unsexy und daneben von mir.” sagte ich also zu ihm. 

“Aber ist ja jetzt auch schon egal, wenn du sowieso das therapeutische Sexverbot hast.” setzte ich resigniert hinzu.

Naja, onanieren dürfe er noch, sagte er nun und das könnten wir ja demnächst mal zusammen am Telefon… Und ich antwortete, DAS dann doch lieber nicht und außerdem hätte ich ja seit kurzem einen neuen Massagestab und der wäre aber so laut wie ein startendes Flugzeug, da könnte das mit dem gleichzeitigen Telefonieren sowieso schwierig werden.

“Dann brauchst du mich doch sowieso nicht mehr.” meinte er daraufhin und war jetzt wohl auf den Massagestab eifersüchtig, so wie ich auf seine vielen Bewerberinnen. Aber was bringt mir das. 

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