04/02/2021

Donnerstag.

Berlin.

Wenn ich nicht SOFORT einen neuen Boyfriend “bekomme” drehe ich durch, denke ich manchmal, also gar nicht so selten. Aber ich bin ja so wählerisch, bzw. steht ja momentan sowieso niemand zur Wahl und so muss ich die Situation akzeptieren, wie sie ist. Also ich müsste es, aber ich tus nicht und das ist aber auch egal, denn es macht sowieso keinen Unterschied, ob ichs akzeptiere, oder nicht, es ist halt so. Was ich gerne hätte, das habe ich nicht und darum drehe ich durch. Ganz leise und bescheiden natürlich. Von außen sieht man mir das gar nicht an, da komme ich ganz normal rüber. Also beim Einkaufen oder joggen, oder wenn ich mal jemanden treffe. 

Beim “jemanden treffen” habe ich neulich eine nette Dame kennengelernt, eine Esoterikerin.

Also eigentlich hat sie mir den Abend verdorben, denn jemand hatte mich zu sich nach Hause zum Essen eingeladen, aber es ging nicht um das Essen, jedenfalls hatte ich das gedacht und mich deswegen auf Eventualitäten vorbereitet. Also vorher gebadet und Haare gewaschen und frische Unterwäsche angezogen usw. 

Er hatte auch Kerzen entzündet und gerade den Tisch gedeckt, als es an der Tür klingelte und plötzlich die Esoterikerin erschien und eine Flasche Wein hatte sie auch dabei und als sie mich sah, sagte sie gleich, dass sie nur ganz kurz bleiben wollte, schraubte aber gleichzeitig auch schon den Wein auf. Woraufhin ich sofort erkrankte und die Toilette aufsuchen musste. Deswegen und aufgrund der Anwesenheit der Esoterikerin standen Eventualitäten an diesem Abend sowieso nicht mehr zur Debatte. Auch “er” ließ später durchblicken, dass Müdigkeit ihn von Eventualitäten abhalten würde und daher sind die Eventualitäten vorerst auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben und auf dem Rückweg kämpfte ich mit erwachsenen Gedanken gegen die Enttäuschung an und auch gegen die Angst, dass es NIE WIEDER zu Eventualitäten kommen könnte.

“Das weißt du doch, “ sagte ich mir, “dass du das IMMER denkst, dass es NIE WIEDER zu Eventualitäten kommt und hör auf, dich so verrückt zu machen und hör auf, dir selber IMMER ALLES Negative in deinem Leben aufzuzählen und alles Negative, was dir jemals passiert ist und daraus zu schließen, dass du dem Unglück geweiht bist. Also unglücklich warst, unglücklich bist und immer unglücklich sein wirst. Zähl dir lieber alles Positive auf und so weiter und dreh nicht durch, denn je mehr du durchdrehst, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es JEMALS WIEDER zu Eventualitäten kommt.”

Ich machte mir selbst so viel Angst, bis ich mich restlos beruhigt hatte.

Also hörte ich auf, durchzudrehen und mich verrückt zu machen und am nächsten Tag besorgte ich mir Kohletabletten, denn nun war ich wirklich krank und schrieb Nachrichten an die Esoterikerin, denn ich wollte mich mit ihr befreunden, denn dieser Abend, an dem sie plötzlich erschienen war, war ja trotz oder wegen ihres Erscheinens ein schöner Abend gewesen. Wir haben da zu dritt gesessen und uns gut miteinander verstanden und ich hatte die ganze Zeit Bauchweh und mir war elend zumute und ich hätte nach Hause gehen sollen, aber ich wollte auf die anderen nicht enttäuscht oder beleidigt wirken und außerdem war es auch ganz schön, mal wieder unter Menschen zu sein, auch wenn es mehr Menschen waren, als ich es erwartet hatte.

Und ich sagte mir, ich muss lernen damit aufzuhören, IMMER zu viel zu erwarten, weil ich dann ja zwangsläufig enttäuscht werden muss, aber ich bin gerade so läufig, dass ich denke, wenn mich jemand auf den Mund küsst und danach zu sich nach Hause zum Essen einlädt, dass es bei dieser Einladung nicht ums Essen geht, aber ich muss lernen, aufzuhören mir gewisse Sachen aufgrund gewisser Verhaltensweisen zu denken und außerdem hatte ich Magen- Darm und er war müde und wir waren nicht allein und sowas passiert und damit war nicht zu rechnen gewesen.

Also hatte das Schicksal auch diesen Abend leider nicht meiner Befriedigung weihen wollen, sondern ich war wieder einmal mit einer Lernaufgabe konfrontiert und wieviel soll ich denn noch lernen und kann ich denn nicht auch mal was Schönes lernen, anstatt immer nur, dass ich nicht zu viel erwarten soll?

Also muss das Schicksal mir denn IMMER NUR Matheunterricht geben, gibts keine anderen Fächer in dieser meiner „Schule des Lebens“?

Denn meine Lieblingsfächer in der „Schule des Lebens“ sind Sport und Pausen, aber die scheinen in letzter Zeit nie dranzukommen und das nervt.

Der Abend nahm seinen Verlauf in die Nacht hinein und mein Bauchweh war wie die Esoterikerin, es ging nicht weg und wir redeten und tranken so allerlei.

Es gibt keinen Zufall und alles was im Leben passiert, hat einen Sinn, sagte die Esoterikerin aus einer tiefen Überzeugung heraus und ich sagte, wer bestimmt denn, was man lernen soll und man kann doch auch einfach öfter mal Pech haben. Nein, sagte sie, es gäbe kein Pech und keinen Zufall, sondern alles geschehe, damit man etwas daraus lernt. Ich sagte, aha und die Shoa ist passiert, damit die Juden was draus lernen.

Sie fragte, ob ich nicht ein bißchen weit ginge, wenn ich meinen Liebeskummer (oder mein Untervögeltsein) mit der Shoah vergleichen würde.

Ich zuckte die Achseln.

Wer will die Leiden gegeneinander aufwiegen.

Aber ja, vielleicht brauche ich derzeit keine Eventualitäten, sondern genau so jemanden wie sie, in meinem Leben und insofern war unsere Begegnung kein Zufall, sondern Schicksal und Lerneffekt. Vielleicht brauche ich einen Menschen wie sie, der mich dadurch gut drauf bringt, in dem er mich zum Glauben an die Sinnhaftigkeit des Universums zurückführt.

Besonders dann, wenn ich panisch werde und Magen- Darm vor Panik bekomme, weil ich denke, es kann sein, dass ich einfach Pech habe, sinnloses Pech und zwar IMMER und IMMER WIEDER, bis in alle Ewigkeit. 

Und das ist aber nicht der richtige Ansatz.

Ich selbst habe mich am nächsten Tag, als ich krank im Bett lag, über den Ausfall der Eventualitäten getröstet, indem ich mir gesagt habe, dass auch das Glücksempfinden oft nichts mit der “Realität” zu tun hat. 

Wenn man glücklich ist, ist man immer trotzdem glücklich. Trotz der Shoah beispielsweise und trotz anderer schlimmer Sachen die auf der Welt passieren, oder die einem selbst schon passiert sind, oder anderen um einen herum.

Und ebenso, habe ich mir dann gesagt, ist man TROTZDEM unglücklich, trotz allem, was einem schon Gutes passiert ist und was man Gutes hat und so weiter.

Also haben beide Feelings nichts mit der Realität zu tun.

Insofern, sage ich mir, auch wenn ich keinen Boyfriend habe und es daher, oder überhaupt, einen Mangel an Eventualitäten in meinem Leben gibt, also auch, wenn mir was fehlt, so habe ich doch noch vieles andere.

Also es gibt keinen Grund, unglücklich zu sein und keinen, glücklich zu sein und das ist gut, denn dafür braucht man keine Gründe.

Also brauche ich nicht durchzudrehen, weil es keinen Grund dafür gibt, genau so wie es keinen gibt, nicht durchzudrehen, oder worauf wollte ich eigentlich hinaus?

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