01/12/2020

Montag.

Berlin.

Die Wahrscheinlichkeit im Lotto zu gewinnen, ist extrem gering. Noch geringer ist sie allerdings, wenn man gar kein Lotto spielt.

Aber das macht nichts. Ich spiele kein Lotto, denn was soll ich mit dem Geld.

Stattdessen habe ich mich im harten Softlockdown eingrooved, so wie alle aus meiner Hood, dem good ol’ P-Berg.  Morgens um acht, wenn ich die Kleinen in der Schule abgeliefert habe, hole ich mir den ersten von vielen Glühwein To Go, statt Coffee wie sonst immer. 

Die Kastanienallee zwischen Oderberger und Schwedter Straße, ist seit den Restaurant- und Barschließungen, jetzt so eine Art November- Coachella geworden. Kontakt? Jetzt erst recht, ist unser Motto und alle, einfach alle, die es sich leisten können, verkaufen hier einander Glühwein von früh bis spät und lassen die Glöckchen klingeln. 

Wir Homies stehen mit unseren heißen Becherchen (mit Schuss!!!) Tag und Nacht in Kreisen herum und streamen DJ Sets. Nachmittags kommen dann die Kinder dazu und kriegen Kinderpunsch (auch mit Schuss!) Es ist eine einzige never ever ending Party. 

Kommt alle! Man kann sich jederzeit einfach irgendwo dazu stellen und sich miteinander ins Gespräch kommen lassen. 

Bis 2013 konnte man von Berlin aus ohne Umsteigen mit der Eisenbahn bis Tscheljabinsk fahren. Die Fahrt dauerte 72 Stunden und 18 Minuten. Damals gab es keinen Grund dorthin zu reisen, jetzt aber schon: 

In Tscheljabinsk kann man negative Coronatests kaufen, wurde mir bei einem dieser morgendlich/mittäglich/ abendlichen Stand- Ins auf der Glühwein-, ähhh …Kastanienallee berichtet. 

Gäbe es die Verbindung noch, könnte ich in drei Tagen in Tscheljabinsk sein, massenhaft negative Coronatests kaufen und wäre Sonntag zurück. Und ab da endlich endlos frei. Käme überall rein und durch und hin, mit meinen negativen Tests.

Müssten halt Blankotests sein, damit ich jeweils das aktuelle Datum eintragen kann. Bzw. wie sieht überhaupt ein negativer Corona- Test aus. Ist das nicht einfach ein Schrieb aus dem Labor. Vielleicht kann man sich den auch gleich selbst zuhause fälschen. Müsste ich aber erstmal eine neue Druckerpatrone kaufen.

Darauf wirds doch hinauslaufen, irgendwann. Weil es die Direktverbindung nach Tscheljabinsk nicht mehr gibt.

Heute bin ich U- Bahn gefahren und in der Station saß ein Bettler und ich hatte mir für den Fall einer solchen Begegnung, vorher extra Kleingeld in die Hosentasche gesteckt und ich sah ihn, griff in meine Tasche und wollte ihm erst nur ein paar Münzen raussuchen und habe ihm dann aber einfach alles gegeben, weil es so kalt war und ich dachte, was soll der jetzt mit EINEM Euro. Also bekam er viel mehr und dann fuhr die U- Bahn ein und ich mit und er blieb da sitzen und seltsamerweise hat mich das im ersten Moment enttäuscht.

Da habe ich ihm so viel Geld gegeben, dachte ich, wieso bleibt der da sitzen? Kann doch jetzt Feierabend machen. 

Dumm von mir, natürlich. Selbst wenn ich dem 100 Euro gegeben hätte, wäre er da sitzen geblieben. Einfach weil es ein Bettler war und wo hätte er denn so spontan hingehen sollen, mit seinen Isomatten und Plastikbeuteln und dem Schlafsack. Wieviel hätte ich ihm geben müssen, damit er weggeht? Und warum sollte er denn weggehen? Wenn es sich doch so für ihn gelohnt hat, dort zu sitzen und zu betteln? 

Also, wenn man will, dass jemand weggeht, darf man ihm nicht alles geben, sondern nichts. 

Auf dem Rückweg bin ich Straßenbahn gefahren.

Da stieg ein Typ ein, der hat die Onkelz gehört, den ganzen Waggon damit beschallt, mit dem 91er Album “Wir ham noch lange nicht genug” und er hat jeden Song empathisch mitgesungen.

Es hat natürlich genervt, aber keiner hat was gesagt, vielleicht aus Angst, wahrscheinlicher jedoch aus Mitleid. 

Der Typ sah eigentlich ganz ok aus, mit seinem gelben Friesennerz und seinem ordentlichen Kurzhaarschnitt. Er war auch gar nicht so alt, bestimmt erst Mitte 30 oder so, aber er wirkte so herzzerreißend einsam, wie er da nachts in der Straßenbahn die Onkelz hörte und mitsang und ja eigentlich Kontakt und Aufmerksamkeit wollte, sonst hätte er sich doch mal Kopfhörer aufsetzen können.

Als die Onkelz dann gröhlten: “Nur die Besten sterben jung”, kommentierte er in leichtem Sächsisch:

“Und warum lebe ich dann noch?”

Als ich das gehört habe, bin ich vor Mitleid direkt in Tränen ausgebrochen und musste deswegen eine Station früher aussteigen.

Ich habe mich also wegen meines extremen Mitleids von ihm abgewendet, womit er ja genau das Gegenteil von dem erreicht hat, was er eigentlich wollte.

Ich bin jetzt nicht so eingebildet, zu glauben, er hätte spezifisch meine Aufmerksamkeit und Zuwendung gewollt, aber der ganze Waggon, die ganze Allgemeinheit hat sich von ihm abgewendet, mitleidig von ihm abgewendet.

Ich bin früher ausgestiegen, habe also die Fortsetzung und das Ende seiner Story verpasst. An dem Punkt wo ich ausgestiegen bin, endet meine Story mit dem Fazit:

Nachts laut Onkelz in der Straßenbahn hören und mitsingen, ist keine sinnvolle Strategie, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erlangen.

Ist keine sinnvolle Strategie, um die Einsamkeit zu durchbrechen.

Ist aber wahrscheinlich auch besser, als allein zu Hause herumzusitzen und reiht sich damit ein.

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