Wer ist Mr. X?

Mr. X. hat Prosopagnosie, also Gesichtsblindheit, das heißt, er kann sich Gesichter einfach nicht merken. Namen auch nicht. Hin und wieder kommt es allerdings auch vor, dass ER nicht erkannt wird und so habe ich ihn ja auch kennengelernt, weil ich ihn mit seinem werten Herrn Bruder, meinem alten Freund Mr. Y verwechselt habe.

Ja, ich hielt die beiden anfangs für ein und dieselbe Person, bis mir dann klar wurde… aber das ist eine andere Geschichte. Mr. X ist mittlerweile liiert und lebt in Familie. Seine Tochter ist knapp über ein Jahr alt und besucht seit Kurzem eine Kita. Neulich wollte er sie das erste Mal dort abholen. Aber wieder stand ihm sein altes Gebrechen im Weg. Alle Kinder sahen so gleich aus. Welches war seins? Alle waren so klein und blond. Unsicher steuerte er auf eines der Kinder zu. Das könnte meins sein, dachte er. Aber was hatte seine Frau der Kleinen heute morgen angezogen, versuchte er sich zu erinnern. Gestreifter Fleece Pulli und pinke Latzhose, konnte das sein? Seine Tochter in so seltsamer Kleidung in der Öffentlichkeit. Wie peinlich! Er und seine Frau waren doch mehr so Naturfaserfans und Pinkes oder Synthetisches hatten sie überhaupt nicht im Haus. Sie hätte der Kleinen was Rotes anziehen sollen und er hätte sich dann merken müssen, dass sie ihr was Rotes angezogen hatte, dann wäre die Situation jetzt leichter für ihn. Die Kleine mit dem Fleece Pulli lächelte ihn an, aber er konnte nicht glauben, dass das seine Tochter war. Mr. X. gab auf. Es wäre ihm unangenehm gewesen, das falsche Kind mit nach Hause zu bringen.

“Wo ist sie denn?” fragte er die Erzieherin. Die lachte und führte den Verwirrten zu seiner in blasslila Naturfaser gewandeten Tochter. 

Neulich erreichte Mr. X eine Mail, dass Herr K., ein Arbeitskollege, verstorben sei. Mr X. erschauderte. Hatte er nicht erst vor Kurzem mit Herrn K. gesprochen? Das war doch einer dieser vier Typen aus der IT, oder? Jetzt kam es ihm so vor, als sei Herr K. bei diesem Gespräch schon vom Anhauch des nahen Todes umweht gewesen. Umso erstaunter und erfreuter war er, als er den verstorben Geglaubten, am Montagmorgen gesund und munter hinter seinem Schreibtisch vorfand. Dann war das also gar nicht Herr K. aber wer war dann dieser Herr K., der in die ewigen Jagdgründe eingeritten war? Mr. X.  hatte eine neue Vermutung, aber auch dieser Kollege kam ihm später lebendig in der Kantine entgegen. Da sich genauere Nachfragen an dieser Stelle verboten, weiß Mr. X bis heute nicht, welcher Kollege aus den Reihen der Lebenden geschieden ist. 

All dies erzählte mir Mr. X neulich höchstpersönlich, bis mir dann auffiel, dass ich es nicht mit ihm, sondern mit seinem Bruder Mr. Y zu tun hatte, aber was beschwere ich mich, ich bin ja eigentlich gar nicht ich. 

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