Wer alles hat, der hat nichts zu verlieren.

Ich will einen Zaun um den Kollwitzplatz. Bierflaschen raus, Hunde raus. Akkordeonspieler raus. Glasscherben raus.
Neuer Rasen hin und kleine Statuen. Einen Springbrunnen. Eine große Uhr.
Buchsbäume. Schmiedeeiserne Bänke.
Adrett gekleidete Kinder spielen ruhig in ihrer Ecke.
Alte Damen blinzeln in die Sonne.
Hups, da hat jemand ein Taschentuch fallen gelassen.
Gleich kommt der Parkwächter mit dem grimmigen Gesicht und der Papierzange und entsorgt den Fetzen in einen der hübschen grünen Papierkörbe.
Fünf Euro Eintritt für Ortsfremde. Anwohner mit Anmeldebestätigung erholen sich gratis.
Ich will eine Mauer um den Mauerpark. Das gleiche Programm. Dealer raus. Hunde raus, Asis raus.
Statuen, Buchsbäume, Springbrunnen, grüne Mülleimer, Parkwächter, Eintritt.

Wäre das nicht ein schönes Projekt für ein Start-Up Unternehmen? Aufräumen, Park bauen, Zaun drum, Eintritt kassieren.
Man muss der Öffentlichkeit alles wegnehmen.

Das Volk bekommt es nicht hin.
Alles lassen sie liegen, verschmutzen sie, zünden sie an.
Sie hören nicht auf, bis die Welt von Bierdeckeln, Glasscherben, Hundekacke und Zigarettenkippen bedeckt ist.

Ich mag Reiche. Reiche sind viel sensibler als Arme. Reiche haben keine Tattoos. Reiche wissen, wie man gut lebt.

Reiche ernähren sich gesund, lesen Bücher, hören gute Musik.
Reiche kommentieren nichts im Internet. Reiche sind leaned back und open minded.
Sich mit einem Reichen zu streiten, ist beinahe unmöglich.
Reiche sind ausgeglichen und vertreten ausgeglichene Meinungen.
Wenn du etwas Drastisches sagst, lachen sie amüsiert und sagen, man müsse immer auch noch die andere Seite betrachten und es komme ganz darauf an.
Danach fragen sie dich, ob du noch einen Wodka Tonic willst.
Dann gehen sie an die Bar und werden niemals ungeduldig, wenn sie nicht gleich dran kommen.
Sie stehen da und warten ganz normal, in ihrem Trenchcoat mit dem echten Igelpelz am Kragen.
Sie schweben durch unsere unperfekte Welt und finden die vielen kleinen Unannehmlichkeiten amüsant.
Niemals würden sie sich ernsthaft über etwas aufregen. Wozu auch?
Wenn man reich ist, kann man jederzeit in ein Taxi hüpfen, wenn einen etwas stört.
Ab nach Hause, rein in den Fahrstuhl, rauf ins Loft, Türe zu, Kamin an und aaah.
Ach ja, die Welt könnte so schön sein, wenn wir alle ein bißchen reicher wären.

 

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Published on: April 30, 2016

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One Response to Wer alles hat, der hat nichts zu verlieren.

  1. dlog sagt:

    feine leute schwitzen nie
    fahr`n auch nie zur arbeit
    feine leute lügen nie
    sagen nur die wahrheit
    feine leute pinkeln nie in die blumenvase
    fallen niemals aus der rolle oder auf die feine nase
    o, sie sind geboren unter einem feinen stern
    ach, ich hab feine leute einfach gern

    feine leute trinken tee
    essen dazu kuchen
    sitzen auf dem kanapee
    man hört sie niemals fluchen
    feine leute sind gepflegt, ehrlich, nett und offen
    sind von höherem erbaut und von fremden leid betroffen
    alles allzumenschliche liegt ihnen fern
    ach, ich hab feine leute einfach gern

    feine leute sind loyal
    aber nur zu ihresgleichen
    und sie sind so liberal
    sie sind so nett, die reichen
    feine leute danken gott, denn die sind so froh
    daß sie feine leute sind, na, das ist halt einfach so
    ja, ich liebe sie, meine damen meine herrn
    ach, ich hab feine leute einfach gern

    (Georg Danzer, „Feine Leute“)

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