Nachbarn bei der Pediküre

Boah, ist das heiß. Der erste warme Tag des Jahres. Mein Name ist Peter und ich sitze mit zwei anderen Jungs im Sandkasten.
Ja, ich habe erst überlegt, diesen Text aus der Ich- Perspektive zu schreiben, aber als Mann. Also als ob ich ein Mann wäre. Dann angefangen und gleich Schwierigkeiten mit dem Stil bekommen. Wenn man als Frau einen Mann zu imitieren versucht, dann klingt das gleich so tuntig. Dann fallen einem so Sätze ein, die mit: „Icke und die Jungs“ anfangen. Oder man will irgendwas mit „Bier“ sagen, oder „Ey Alta“.

Als ob Mann sein, so ein Kumpelding wäre. Schweiß, Fußball und Motorräder. Ist natürlich totaler Unsinn. Ich kenne solche Typen gar nicht. Um Leute, die sich für Fußball interessieren, mache ich einen Bogen. Von lauten Brüllaffen mit zu kräftigem Händedruck halte ich mich fern. Um einen Text aus der Perspektive von so einem zu schreiben, müsste ich mich ja in den hineinversetzen. Oh Gott nein.
Aber ich könnte mich ja in einen anderen Mann hinein versetzen. Einen netten, normalen. Wenn ich jetzt also weiter schreibe, dann als dieser Mann. Los gehts:
Es ist also der erste richtig warme Tag des Jahres. Beinahe 30 Grad, ich heiße Peter und ich sitze auf dem Hof, am Sandkasten. Dort buddeln meine Söhne und die Kinder der Nachbarn und mir ist heiß und ich zieh mir die Sandalen aus. Der Nachbar, der neben mir am Buddelkasten sitzt, sieht, dass ich lackierte Zehennägel habe und sagt: „Toll, du hast dir schon die Nägel lackiert! Ich traue mich gar nicht, meine Schuhe auszuziehen, ich war noch nicht bei der Pediküre.“
Ich vergrabe meine Füße sofort im Sand, denn meine Zehennägel sind zwar lackiert, aber ich war auch noch nicht bei der Pediküre. Der Nachbar sieht auf meine nackten Beine, (er trägt schwarze enge Jeans) und sagt: „Ich habe meine Beine nicht rasiert, ich bin auf den Sommer gar nicht vorbereitet.“ Ich fasse nun meine nackten Waden an und denke, die könnten glatter sein, weil ich sie gestern rasiert habe und nicht heute, ich bin auf das Wetter auch nicht vorbereitet. Aber wenigstens ist mir nicht heiß und ich rücke ein bißchen weg von ihm, damit er nicht so genau hinsehen kann, außerdem sind meine Beine noch weiß, denn es ist ja der erste richtig warme Tag in diesem Jahr. Aber wenigstens habe ich letzte Woche daran gedacht, mir die Zehennägel zu lackieren!
Obwohl es da noch den ganzen Tag geregenet hat, aber ich hatte so eine Eingebung, ich bin so ein richtiger Hexenmeister. So konnte ich dann bedenkenlos bei der Hitze gleich in meine schicken grünen Sandalen schlüpfen und muss bei der Hitze keine Turnschuhe tragen, wie mein Nachbar.
„Ich muss dringend zum Frisör.“ sagt mein Nachbar. „Meine Haaransätze sind ganz grau. Ich bin den ganzen Winter mit Mütze herumgelaufen und habe meine Haare nicht gesehen.“ Ich schaue seine Haare an, ich sehe keine grauen Haaransätze. Aber er ist sehr schön, sehe ich nun. Er hat ein Puppengesicht und große hellblaue Augen mit langen schwarzen Wimpern.
„Ich bin ein Monster.“ sagt mein Nachbar.
„Aber du bist sehr schön.“ sage ich zu meinem Nachbarn. Er sagt. „Wenn ich in den Spiegel sehe, dann sehe ich ein Monster. Ein Monster, dass nun nach dem langen Winter aus seiner Höhle kommt.“
Nun schweigen wir ein wenig, denn ich kann ihm ja nicht noch mal sagen, dass ich ihn schön finde. Ich will ja nicht für schwul gehalten werden. Dann setzt sich ein anderer Nachbar zu uns. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und seine Arme sind sehr blass. Ich bemerke das zuerst nicht, aber dann sagt er: „Ihr seht das vielleicht nicht, aber ich schon ein bißchen. Ich habe mir gestern Selbstbräuner auf die Arme geschmiert. Meine Arme sind ja so schrecklich blass und ich finde der Selbstbräuner hilft.“ Er hält seine Arme hoch und schwenkt sie stolz hin hin und her. Die Arme sind sehr weiß. Naja und dann Debatte darüber, ob das Selbstbräuner nicht das Bettzeug schmutzig macht, oder die Hände fleckig. Wenn man sich gleich die Hände wäscht, dann nicht. Wir finden kurze Hosen bei Frauen übrigens nicht gut, jedenfalls wenn die Hosen bis knapp übers Knie gehen und dann die Beine wie dünne unrasierte blasse Streichhölzer daraus hervorstaken, das ist unästhetisch. Besonders, wenn sie dann noch Sandalen dazu trägt.

Am Abend fahre ich noch mit einem Kumpel zu einer Party nach Neukölln. Wir machen einen Bogen um die vielen Gruppen grölender junger Tussis, die dort unterwegs sind. Auf einem vermüllten Spielplatz sitzen Frauen auf den Spielgeräten und kiffen. Im Dunkel hinter einem Kleidercontainer steht eine Schwarzgekleidete und tuschelt mit einer anderen herum. Wahrscheinlich verkauft sie ihr gerade Stoff. Als wir an ihnen vorbei gehen zischen sie uns etwas zu. Wir beschleunigen unsere Schritte, fühlen uns unwohl. Wir haben uns verlaufen und trauen uns nicht, eine der jungen Frauen die uns entgegenkommen, anzusprechen. Die Weiber verstehen gerne mal was falsch und die Straßen hier sind so dunkel und wer würde uns helfen, wenn sie uns plötzlich mit einem Messer bedroht? Endlich kommt uns ein älterer Mann entgegen. Er erklärt uns freundlich den Weg zur Sonnenallee.

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Published on: Mai 20, 2017

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One Response to Nachbarn bei der Pediküre

  1. Annika sagt:

    Es gibt ein ganzes Buch, das so geschrieben wurde: „Die Töchter Egalias“.

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