Was ich vergesse, ist nicht passiert

Für die Fashion Party gestern Abend hatte ich keine Karte, wurde aber trotzdem reingelassen, ich nehme an, wegen meines Hutes. Es gab Freigetränke, bestehend aus hauptsächlich riesigen Eiswürfeln sowie 80 Prozent Johannisbeersaft, Sirup und 0,2 Prozent Cremant. Der Barkeeper bediente meine Schwester und mich, obwohl wir uns vorgedrängelt hatten. Also nicht bewusst. Wir sind einfach an die Bar gegangen, um dann festzustellen, dass sich die anderen brav hintereinander in einer Schlange aufgereiht hatten und es nur deswegen Platz an der Bar gab, weil die anderen alle hintereinander standen. Und uns böse anschauten. Wie idiotisch. Die haben das Prinzip nicht verstanden. An einer Bar gibt es keine Sozialdemokratie. An einer Bar gilt das Recht des Stärkeren. Man muss sich nach vorne durchdrängeln und den Barkeeper auf sich aufmerksam machen. Am besten geht das übrigens durch stummes Schauen. Schreien und mit Scheinen wedeln, wird von allen Barkeepern gehasst. Man muss telepathischen Kontakt mit dem Barkeeper aufnehmen, demütig aber bestimmt auftreten. Man muss Folgendes denken: Ich weiß, du hast viel zu tun und ich warte hier ganz vorne still, bis ich drankomme, aber ich will sofort drankommen, weil ich anders als die anderen bin. Naja, irgendwie sowas. Jedenfalls an einer Bar muss man drängeln und darf sich nicht hinten anstellen. Der Barkeeper händigte uns also sofort die überzuckerten Drinks aus und beim dritten Mal wollte ich aber nur Crémant und keinen Saft und da meinte er, das ginge nicht.  Also vordrängeln war für ihn ok, aber nur Crémant ausschenken nicht. Dieser Fascho. Ich hätte der Sponsorfirma Saft und Sirup gespart und wer hätte kontrollieren sollen, wenn er mir nur Crémant gegeben hätte? Er hätte mir ja auch nur ganz wenig Crémant geben können. Wo war das Problem? Ich hätte auch die Deko aus Pfefferminzblättchen nicht gebraucht. Und keine Eiswürfel und keinen Strohhalm. Einfach nur Crémant! Ich komm einfach nicht drüber hinweg. Mein Mann meinte, wenn er an dieser Bar gearbeitet hätte, hätte er mir natürlich nur Crémant gegeben. Klar. Wir sind auf der gleichen Wellenlänge, mein Mann und ich. Meine Schwester und ich saßen rum und tranken und schauten uns all die krassen berühmten Leute an. Das Model aus dem 60er Jahre Kultfilm „Blow Up“, der Rapper aus Köpenick, der Theaterregisseur, der Fotograf, der eine Typ aus der Wörther Straße usw. Es war der Wahnsinn.  Die Party leerte sich. Alle gingen. Die Leute haben keine Partymoral mehr. Freigetränke abgreifen und dann nach hause gehen, das ist echt nicht ok. Wenn ich so ein Event veranstalten würde, würde ich Leute nur mit Stempel reinlassen, aber dann auch nur mit Stempel rauslassen. Also nur mit Sondergenehmigung. Alle anderen müssten bis fünf Uhr morgens bleiben. „Du willst gehen? Sorry, nur mit Stempel.“ „Aber alle meine Freunde sind draußen!“ „Sorry. Nur mit Stempel.“ Allerdings werden wir jetzt auch gehen. Wegen der Musik. Der DJ legt afrikanische Musik auf. Wenn man afrikanische Musik hört, versteht man, warum Afrika so viele Probleme hat. Es klingt einfach alles nach Dschungel und Banane. Aber die Leute, die nicht gehen, tanzen wild. Das erinnert mich an das Konzert mit Balkanmusik auf dem ich mal war, auf dem entfesselte platinblonde deutsche Schauspielschülerinnen sich in in so eine Gypsy- Rage hineingetanzt haben. Es war so peinlich. Nach der Afrika Mucke kommt eine 13 minütige Maxi Version von „Waka- Waka“, dem schlimmsten Lied aller Zeiten. Absolut haarsträubend. Mittlerweile tanzt hier jeder, nur meine Schwester und ich können uns nicht mehr bewegen, wir sind vor Schreck gelähmt, befinden uns in Angststarre. Nach Waka Waka kommt folgerichtig Baile Funk, also brasilianischer Favela Pop und wir reißen uns mit übermenschlicher Willenskraft aus der Agonie und rennen schreiend ins Freie. Gehen dann noch in eine Bar, zum Runterkommen. Leider betrinken wir uns dann sehr und ich begehe noch eine Reihe unsäglich peinlicher Fauxpas, die ich hier aber lieber nicht erwähne, weil ich sie schnell vergessen möchte, denn was ich vergesse, ist auch nicht passiert.

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Published on: Januar 18, 2017

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One Response to Was ich vergesse, ist nicht passiert

  1. Nora sagt:

    Ach, erzähl doch weiter! Die Fauxpas, von den würde ich gerne mehr hören.

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