Volksbühnendiskurs Teil 4

Also, ich war im Theater und sie hatten diesmal die Stühle ganz rausgenommen, nicht mal Plastikstühle und nicht mal die Sitzsäcke, auf dem Asphalt musste man sitzen, vielleicht weil sie wollen, dass nur noch 14jährige Jungs in Jogginghosen in dieses Theater gehen und keine Weiber in kurzen Röcken und keine Opas oder Omas. Dann gings los und ja, es war sehr lustig, aber schlimm war die Atmosphäre im Publikum, das ist so eklig, wenn alle so einhellig lachen, wenn die Darsteller Fickbewegungen machen, wie im Kabarett kam man sich da vor, es ist so erbärmlich, wie leicht man die Leute zum Lachen bringen kann, diese Kälber. Setzt sie auf den Asphalt und macht Fickbewegungen und alle fühlen sich wohl. Dann gabs ein paar Spitzen gegen Chris Dercon, aber nur sehr dezent und ich habe mich gefragt, warum werdet ihr nicht mal unsachlich, traut euch doch mal was. Es ist so einfach, dieser Schal und dieser Bart, das schreit doch nach einer Darstellung. Es wurde nur gesagt, wie heilig und einzigartig der Ort sei, dieses Theater und das ist es ja auch, aber vielleicht sind die Zeiten wirklich vorbei und es wird Zeit, das mal ein frischer Wind kommt und sie die Kantine auslüften, wenn sich doch alle nur noch in ihrem eigenen Fett braten und sich doch schon verabschiedet haben nach Stuttgart, was ja auch okay ist, es muss weitergehen, aber lasst doch bis zum bitteren Ende wenigstens die Stühle drin. In der Kantine dann feierte der Regisseur Geburtstag und am Nebentisch saß ein Deutschpopsänger, den ich eigentlich ganz gerne mag, also diese Musik, beruhigende westdeutsche Mittelstandsmelancholie, ein bißchen evangelisch und ohne zu große Gefühlsamplituden, ich liebe das sogar und der Sänger sprach megalaut, als ob er auf der Bühne stände und ich fragte mich, ob er so die Aufmerksamkeit vom Regisseur gewinnen will, weil der ja schon mal eine Oper gemacht hatte, mit einem anderen Deutsch- Rocksänger, die ich aber nie sehen wollte, weil ich die andere Band nicht mehr so gut finde, also früher ja, aber jetzt nicht mehr und ich fragte mich, ob der Deutschpopsänger auf den Deutschrocksänger eifersüchtig war, ob ihm das damals einen Stich gegeben hat, als der Regisseur die Oper mit ihm gemacht hat, bestimmt, sonst würde er jetzt nicht so laut sprechen. Später hat er sich dann beruhigt, dann saß er neben dem Regisseur und er fühlte sich wieder gut und ich fragte mich, woher die sich eigentlich immer alle kennen und wenn ich berühmt bin, ob ich dann auch alle kenne und die umarme und denen Küsschen gebe, wahrscheinlich ja, wahrscheinlich kennt man dann nur noch solche Leute und kann auch nur noch mit denen, weil man sich dann in solchen Kreisen bewegt, etc. Ich habe mich auch an diese Fernsehsendung auf arte erinnert, wo der Regisseur und der Deutschrocksänger eine Nacht miteinander verbrachten und der Sänger führte den Regisseur durch sein Studio und versuchte ihn zu beeindrucken damit, dass das Studio gar nicht wie ein Studio aussähe und was das für eine tolle Atmoshäre ergäbe und wer dort noch alles aufgenommen hätte und wie kreativ man da sein könne und wie sie sich alle gut verstehen würden etc. und er redete und redete und der Regisseur hörte zu und nickte freundlich und rauchte und musste die ganze Zeit in seine Hand aschen, weil der Sänger das  gar nicht mitbekommen hat, dass der Regisseur einen Aschenbecher brauchte und wenn ich der Regisseur gewesen wäre, hätte ich mit dem Sänger keine Oper mehr gemacht, wegen diesem krassen Egoismus mir keinen Aschenbecher anzubieten und mich in die Hand aschen zu lassen.
Als wir nach dem Stück zur Kantine gegangen sind, sind wir natürlich durch den Geheimgang, also neben den Frauenklos ist da eine Tür in der Wand und dann kann man innen durchs Theater durch zur Kantine gehen und obwohl ich den Weg schon oft gegangen bin, war ich mir zwischendrin kurz unschlüssig, ob ich jetzt links oder rechts gehen muss und da habe ich die Frau, die hinter uns ging gefragt, das war so eine Schauspielerin die mal in einem Film mitgespielt hatte und sie hat ganz großzügig  mit ihrer Schauspielerinnenstimme gesagt, einfach hier lang und man hat gemerkt, dass sie stolz darauf ist, dass sie den Weg zur Kantine so gut kennt und als wir schon fast da waren, hat sie sich noch mal umgedreht und gesagt: Ihr könnt es gar nicht verfehlen. Danke, habe ich da gesagt und wenn ich 14 gewesen wäre, hätte ich gesagt, schon klar, ich war schon ganz ganz oft in der Kantine und mein Stiefvater war hier mal Dramaturg und sie haben Stücke von ihm hier aufgeführt und meine Mutter hat hier mal inszeniert und der Ex von meiner Exfreundin war hier auch mal Dramaturg, oder ist es sogar noch und ich bin hier schon voll oft gewesen, die Kantine ist praktisch mein zweites oder überhaupt mein Wohnzimmer, aber ich habe nichts gesagt, sondern mich einfach nur daran erfreut, wie sie sich überlegen fühlt, weil ich mich dadurch auch überlegen fühlen konnte, denn am überlegensten fühle ich mich immer dann, wenn die anderen mich für doof halten.

Previous post:
Next Post:

Written by:

Published on: November 1, 2016

Filed Under: Text

Tags: , ,

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen