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Turnhosentrauma

[dropcap]B[/dropcap]undesjugendspiele hießen bei uns im Osten “Sportfest” und hätte ich gewusst, dass es eines Tages eine Petition geben würde, um diese zu verbieten, wäre ich selig gewesen. Selbst wenn diese Petition nichts bringt, so stärkt sie doch hoffentlich den von Sport unterdrückten Kindern den Rücken und zeigt ihnen, dass man sich diesen Bullshit nicht bieten lassen muss, wenn man es nicht will.

Man könnte ja eigentlich einfach nicht hingehen. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Heuschnupfen tralala.

Hier also meine Erinnerungen an das Sportfest.

Man musste schon in Sportkleidung im Stadion erscheinen. Das hieß, sich schon zu Hause die abartig kurze rote Turnhose anziehen und dazu das weiße Turnhemd. Schulfarbe: Rot- Weiß. Und dann in diesem Aufzug Straßenbahn fahren!

Das Sportfest fand immer statt, auch bei Nieselregen. Also fror man und schwitzte abwechselnd je nach Wettbewerbslage. Zog die dunkelblaue Synthetiktrainingsjacke an oder aus.

Im Einzelnen war es gar nicht so schlimm, weil mir die Ergebnisse relativ egal waren. Weitsprung: Übertreten in allen drei Anläufen. Warum sollte man auch das Übertreten verhindern können, wenn man vorher die Strecke in Tiptopschritten abläuft?

In Sprint war ich gut, leider immer Frühstart. Angst vor diesem Knallklemmbrett mit dem die Läufe gestartet wurden.

Dann die Warterei zwischen den Wettbewerben. Wenn man sich über die anderen aus den Parallelklassen lustig machen konnte. Kuck mal, wie der rennt! Kuck mal, die Dicke. Kuck mal, wie bei der die Titten wackeln.

Der Schweißgeruch der anderen. Besonders der Mädchen, die schon mit elf zwei Köpfe größer waren und in ihren kurzen Hemden und Hosen beängstigend aussahen.

Die Trillerpfeifen der schlechtgelaunten Sportlehrer. Die frühreifen Mädchen die sowieso immer alles gewannen. Die oder diese kleinen drahtigen Hexen. Kerstin hießen sie, oder Antje. Und danach hatten sie immer diesen vertraulichen Talk mit dem Lehrer. Ich habe nie verstanden, wie diese Sportlehrer es schafften, immer im richtigen Moment auf die Stoppuhr zu drücken.

Meine Zeiten weiß ich bis heute, kann sie aber nicht den richtigen Strecken zuordnen:

4 Min, 52 sec, 10,9 sec, 26 sec.

Danach durfte man endlich nach Hause. Früher als sonst. Meist schon gegen 12. Manchmal gab es noch Erbsensuppe aus der Gulaschkanone. Spätestens jetzt sollte ja wohl klar sein, dass diese Sportwettbewerbe miltärischen Ursprungs sind. Also Nazikram.

Zu Hause war so früh noch keiner. Man zog die Turnsachen aus und legte sich ins Bett. Hoffte auf einen antimilitaristischen Traum. Irgendwas mit Blumen und Sex.

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