Teile und herrsche

Oder: Sharing is caring. Überall in der Stadt stehen diese neuen Leihfahrräder. Es gibt sie in gelb, in orange, in grün und mittlerweile in pink. Immer neue Apps müsste man sich herunterladen, immer neue Entleihsysteme verstehen. Ich zahle seit Jahren für eine Entleihapp, aber immer wenn ich ein Rad bräuchte, ist keins in der Nähe. Aber man bräuchte ganz andere, neue Apps. Zum Beispiel, um die paar Meter im Sprühregen bis zur nächsten U- Bahnstation zu überwinden. Die Autos fahren doch sowieso alle in die Richtung, können die einen nicht ein Stück mitnehmen? Oder kann man der Nachbarin nicht den Müllbeutel in die Hand drücken, wenn sie doch selber auch gerade zu den Mülltonnen will? Oder wenn die Schlange im Supermarkt zu lang ist, könnte man nicht jemand ganz vorn mit einem Fünfer bestechen, damit er den eigenen Einkauf mit aufs Band legt? Oder umgekehrt. Man könnte auf seinen Wegen durch die Stadt immer etwas dazu verdienen: Beim Losgehen noch schnell den Müll und die Pfandflaschen der Nachbarn einsammeln, dann mit dem Auto ein paar Leute bis zur nächsten Ecke mitnehmen. Wer kein Auto hat, kann beim Warten auf die U- Bahn kurz ein Stückchen vom Bahnsteig putzen und wird dann von der BVG digital bezahlt, danach könnte man die Fahrkarten im Waggon kontrollieren, später beim Einkaufen in der Boutique Kleider zusammenlegen, abends im Club kurz beim Türsteher aushelfen und wenn man nach Hause kommt, den Nachbarn Bier vom Späti mitbringen. In der Zeit in der man nicht zu Hause ist, könnte man die Wohnung kurzfristig vermieten, oder sogar nur das Nebenzimmer. Als Arbeitsplatz. Man könnte sogar Teile der Wohnung öffentlich zugänglich machen, wenn man zu Hause ist. Falls jemand draußen unterwegs ist, der sich kurz waschen möchte oder zur Toilette muss, oder der sich  aufwärmen möchte, oder einen Kaffee serviert bekommen, dann könnte der einen anfunken. Man könnte auch einen Platz vor dem Fernseher zum Tatort – Gucken vermieten, oder einen Platz am Abendbrotstisch anbieten. Man bräuchte also so eine Alltime App, in der man sich, seine Arbeitskraft und sein Eigentum permanent allen anderen zur Verfügung stellt. Mit jedem Schritt, jedem Atemzug könnte man arbeiten, sich bezahlen lassen und etwas für die Gemeinschaft tun. So etwas wie Arbeitslosigkeit gäbe es nicht mehr und wäre einfach nicht mehr möglich! Es gibt ja immer was zu tun. Ich hätte auch schon einen guten Namen für das Projekt: Slave, oder noch besser: Your Slave, oder noch viel besser: Always Your Slave. Berliner Start- Up- Leute stürzt euch drauf. Warum ich meine Idee so großzügig teile? Aus utopischen Gründen: Sharing is caring.

 

(erschienen in der „Berliner Zeitung“ am 28.11.2018)

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