Sudoku

Sudoku ist was für mich alleine. Die Kinder, das Geld, die Wohnung, der Briefkasten, diese ganze Verantwortung strengt an. Da will man in der Freizeit nicht auch noch was Sinnvolles machen. Kein Gang durch die Wohnung, ohne nicht noch ein Fenster zu schließen, eins zu öffnen, einen Bauklotz ins Kinderzimmer mitzunehmen, ein Handtuch aufzuheben und in die Wäsche zu werfen, einen leeren Joghurtbecher in den Müll und den Löffel in den Abwasch zu schmeißen. Kein Spaziergang draußen, ohne nicht gleich noch etwas einkaufen zu müssen. Kein Rumsitzen, ohne nicht zu grübeln, was man kochen könnte, einkaufen könnte und ob man schon den Impftermin für das Kind verabredet hat. Beim Lesen muss man sich immer was vorstellen, oder sich in etwas reinversetzen oder über etwas nachdenken. Bei Filmen wird man entweder bewegt, oder man fängt an, den zu analysieren und am nächsten Tag kann man mit jemandem darüber sprechen. Hast du den Film auch gesehen? Hast du das Buch auch gelesen? Aber über Sudokus kann man nicht sprechen. Man kann nicht sagen: Das war ein super Sudoku, dass solltest du unbedingt auch mal lösen. Oder: Das Sudoku gestern Abend war so schwer. Oder: Das Sudoku war so schlecht, ich musste mittendrin aufhören. Sudokus zu lösen, ist komplett leer und sinnlos. Man wird weder schlauer, noch schlanker, noch reicher davon. Es sind nur Zahlen, Bleistift und Radiergummi, minutenlanges Glotzen auf leere weiße Felder. Es hat überhaupt keinen Mehrwert. Das ist Freiheit. Es ist wie rauchen, etwas nur für mich alleine, nur ohne Gestank und Husten. Sudokus lösen ist leer und macht leer. Leere Zeit, weiße Zeit. Keine Verantwortung, kein Gedanke, nur Zahlen, aber ohne Rechnen, ohne Ergebnis, ohne Konsequenz. Man wird nicht Jahre später denken: Aaahhh, wie ich nicht wusste, ob da eine Eins oder eine Drei hinkommt. Das war so spannend, das war der Hammer. Natürlich mache ich mir ein bißchen Sorgen. Ich muss doch auch mal wieder was lesen. Ich muss doch auch mal wieder einen Film gucken. Ich muss doch auch mal wieder aufräumen, oder mich waschen. Ich muss mich doch auch mal wieder mit meinen Freunden treffen oder die Spülmaschine ausräumen, oder die Wäsche aufhängen. Aber so lange ich nicht weiß, ob da eine Eins oder eine Drei hinkommt, so lange der Bleistift noch schreibt und der Radiergummi noch radiert, geht das eben nicht. Man muss vieles tun, aber was man vor allem tun muss, ist Prioritäten setzen.

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Published on: Mai 31, 2016

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One Response to Sudoku

  1. […] mit paul bokowski einen text als seine mutter vorlas, fand ich sie sehr, sehr toll. ruth herzbergs sodoku-text fand ich super, aber am lustigsten fand ich c. […]

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