Stöpseltrauer im Bademantel

Was war falsch an den kleinen schwarzen runden Gummidingern?

Sie hingen an einer silbernen Kette. Mal bestand diese Kette aus kleinen Kügelchen, mal aus Kettengliedern. Die Kette hatte eine edle Anmutung von königlichem alten Schmuck. Gern hätte man so eine Kette um den Hals getragen.

Sie hing am oberen Badewannenabfluss fest. Der obere Badewannenabfluss war das Tor zu einer rätselhaften und schönen Welt. Wie es gluckerte, wenn die Wanne so voll war, dass das Wasser durchs obere Abflussloch abfloss! Das obere Abflussloch, der Überlauf, erinnerte mit seinen schwarzen ins Dunkle führenden Abschnitten an eine alte Telefonwählscheibe.

Man brauchte damals beim Baden nicht zu telefonieren. Man schaute das Abflussloch an, wählte in Gedanken die Nummer seiner Liebsten und nahm telepathischen Kontakt auf.  Wenn der nicht zustandekam, konnte man immer noch zum Duschkopftelefon greifen. Man brauchte sich beim Baden nie allein zu fühlen. Hinter dem magischen Überlauf befand sich ein geheimnisvolles Zusatzrohr, für den Sonderfall eines langanhaltenden erquickenden Badewannenbades. Wie man sich in der Wanne ausstreckte und das Wasser mit Absicht zum Schwappen brachte, damit es durch den Überlauf abfloss. Nur um das satte Gluckern hören zu dürfen!

Wenn man aber genug gebadet hatte, bademüde war, einfach nur noch raus wollte, zog man an der silbernen Kette.

Dann machte es Plopp, der Stöpsel flutschte aus dem Abfluss und alsbald vergurgelte das warme, seifige Badewasser mit all den Härchen und Körperflusen im Rohr. Herrlich.

Heutzutage aber dreht man an diesem trübsinnigen, ehemals silberglänzenden, nun kalkstumpfen Drehrad, knapp über der Wasseroberfläche. Scheitert an einem Mechanismus der bestenfalls die ersten drei Tage funktioniert hat, lässt den ebenfalls ehemals silberglänzenden, nun ebenso kalkstumpfen Metallproppel, der heutzutage den schwarzen Gummistöpsel ersetzen soll, sich mühsam submarin einen halben Millimeter nach oben bewegen.

Weil es nun weder blubbert, oder sonst irgendetwas passiert, steigt man aus der Wanne und zieht sich was über.
Eine halbe Stunde später kehrt man zufällig ins Bad zurück und seufzt. Das Wasser ist noch in der Wanne, laukalt und schmierigtrüb.  Dank der neuen Stöpseltechnologie sinkt der Wasserspiegel so schnell, wie er laut globaler Erwärmungsprognosen steigt: 26 Zentimeter bis zum Jahr 2100.
So viel Zeit haben wir aber nicht.
Wir krempeln den  Ärmel des Bademantels hoch und greifen in die Brühe um den metallischen Angeberpröppel händisch nach oben zu ziehen. Brechen uns dabei nicht nur fast die Fingernägel ab.
Der lockere Bademantelärmel wurde ungern hochgekrempelt, er will wallen und rutscht wieder runter. Ins Wasser. Wird nass.
Wir legen weinend den Pröppel auf den Badewannenrand, beziehungsweise in die Badewannenrandecke zur matschigen Seife, zur leergequetschten Duschgelflasche.
Wir müssen das tun. Wenn wir ihn wieder aufs Abflussloch legen, wird er angesaugt und das Wasser kann niemals abfließen.
Wir fühlen uns nicht gut. Der Pröppel soll schweben, über dem Abfluss, wie ein silbriges Ufo, nach Vorschrift.
Aber der Mechanismus ist kaputt. Vage Gedanken an unangenehme Menschen schleichen sich ins Unterbewusstsein.
Hausmeister und Klempner. Laute Stimmen, die mit rissigen Händen nach kaltem Rauch stinken.
Rohrzange, Flansch, Werkzeugkoffer, Imbus, Rechnung, Hausverwaltung, Quittung, Kugelschreiber, kalter Pott Kaffe.
Nein!
Hier wird nichts repariert.
Pröppel und Duschgel streiten sich um den Platz in der Badewannenrandecke, die Duschgelflasche verliert, stürzt ins trübe Feuchte und müsste wieder herausgefischt werden.
Sie bleibt aber dort liegen, bis das Wasser abgeflossen ist.
Liegen bleibt die Duschgelflasche am Badewannengrund, in einer Substanz gemischt aus Seifenresten, Körperschuppen, undefinierbarem grauen Genmaterial, Tensiden, Silikonen, entfärbten Farbstoffen und Quietscheentchenpipi.

Oh schwarzer Gummistöpsel, warum hast du uns verlassen?

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Published on: März 22, 2016

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