Sommer Ohne Begleitung

2Guys1Movie

Q&A

Q:

„Sommer ohne Begleitung“ ist eine präzise Zustandsbeschreibung. Die Figuren
befinden sich zwischen Lethargie und Verweigerung, Leblosigkeit und Erstarrung.

Ich möchte mit dir zuerst über die letzte Szene sprechen, in der Luca an der
Autobahnabfahrt vergeblich auf Larissa wartet. Was eine grandiose Szene ist, weil zu sehen
ist, wie zwei Wahrheiten miteinander streiten…
Die der abwesend bleibenden Larissa, die ihre Gründe hat und Luca seine.

A:

Wir haben hier zwei Frauen, die etwas Unterschiedliches voneinander wollen, und irgendwie
nicht zusammen kommen. Die haben auch keine Chance miteinander zu kommunizieren.
Die leben beide in ihrer eigenen Gegenwartsblase.
Und trotzdem haben sie über ihre Gesten und Blicke, und die Art, wie sie miteinander
umgehen, eine gemeinsame Gegenwart entwickelt.

Q:

Kannst du uns etwas zur Entstehungsgeschichte dieses Films erzählen?

A:

Mir war von Anfang an klar, wenn ich diese schwierige Geschichte erzählen möchte,
kann ich das nur tun, wenn ich so wenig wie möglich erzähle.
Natürlich gab es auch Phasen, in denen ich gezweifelt habe, und in denen auch andere
gezweifelt haben.
Dennoch habe ich mir immer wieder die Frage gestellt:
Was kann ich noch weglassen?
Ich habe beim Schreiben des Buchs und später dann beim Drehen immer weiter reduziert.
Ich habe soweit reduziert bis nur noch Fragmente der ursprünglichen Geschichte übrig
waren. Aus diesen Fragmenten habe ich dann im Schnitt, wie in einem Puzzle, wieder eine
Geschichte zusammengesetzt.
Und diese Geschichte habe ich dann wieder reduziert.



Q:

Ein Drama findet zwar statt- der Unfall, den Larissa verursacht, Viktors Koma. Lucas Zögern
ihm die lebensrettende Niere zu spenden. Alles geschieht absichtslos, beiläufig, zufällig.
Die nüchternen, genau komponierten Bilder, erzeugt durch distanzierte Kameraführung,
statische Einstellungen, sparsame Lichtsetzung, verweigern wie die Figuren, jegliche
Mitteilung.
Was erzählst du mit dieser Zurückhaltung?

A:

Ich wollte uneindeutige Situationen schaffen. Situationen die sich aus anderen Situationen
ergeben. Ich suche nach einer Ästhetik der Leerstellen, des Dazwischen.
Mich interessiert das Spannungsfeld zwischen dem Fragmentarischen der Lebensentwürfe
der Figuren und dem Umstand, dass dieses Fragmentarische sich in einer fragmentarischen
Welt behaupten muss, die von sich behauptet, nicht fragmentarisch zu sein.

Q:

 „Sommer ohne Begleitung“ wirkt an einigen Stellen beinahe dokumentarisch, z.B.
die Szene im Treppenhaus vom Krankenhaus.
Andererseits hast du am Ende diese hoch stilisierten Bilder an der Autobahnabfahrt..

A:

In dem Maße wie die Selbstinszenierung voranschreitet, wird es immer schwieriger, eine
klare Trennlinie zwischen dem Dokumentarischen und der Stilisierung zu ziehen. Es gibt
keinen sichtbaren Widerspruch mehr zwischen Stil und Dogma und das korrespondiert
wiederum mit einem Wunsch, einem Traum, einem Geheimnis im Inneren der Figuren, der
sich nicht zwangsläufig auf ihrer Oberfläche abbilden muss.
Der Riss der sich durch unsere Konsumgesellschaft zieht wird einerseits immer tiefer, aber
andererseits auch immer schmaler, immer weniger sichtbar. Es ist ein Haarriss, aber ein
unüberwindlicher. Und dieser Riss befindet sich sowohl im Inneren meiner Figuren als auch
in der Außenwelt.
Mit Bruno Krause, dem Kameramann, habe ich nach Orten gesucht, die ein sichtbares
Eigenleben haben. Und an diese Orte haben wir dann die Figuren mit ihrem unsichtbaren
Eigenleben gestellt. Zu sehen, ob und wie die Orte sich mit Figuren verbinden, oder auch
nicht verbinden, hat mich interessiert.
An der Autobahnabfahrt hat sich dann auf einmal alles zusammengefügt: der graue Himmel,
der Regen, das diffuse Licht, der Stau, Luca. Das war so nicht geplant, aber es hat ganz gut
gepasst, finde ich.


Q:

Wir können nur wissen, was wir sehen, aber was wir sehen, wissen wir nicht.
Luca steht dort, und es scheint als wäre sie unsichtbar geworden. Je länger sie wartet,
desto eher können wir uns gewiss sein, dass Larissa nicht kommen wird. Luca wird zum
Gegenstand, zum leblosen Inventar der Autobahnabfahrt, aber wir spüren auch, dass sie in
diesen Momenten zu einer neuen Seinsform findet, die sich wahrscheinlich kaum von der
vorhergehenden unterscheidet…

A:

Wir werden Zeuge einer Mutation, einer unsichtbaren Mutation. Sie entwickelt sich von Hier
nach Hier, oder von Punkt A nach Punkt A…

Q:

Könnte man vielleicht sagen, dass sich der ganze Film mit einer solchen Mutation befasst?
Die alten Formen sind aufgebrochen, neue wurden noch nicht gefunden, also kehrt man
wieder in die alte Form zurück?

A:

Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Noch mehr aber interessiert mich, die Unmöglichkeit
der Kommunikation zwischen den drei Figuren. Oder den Menschen überhaupt.
Wir alle nehmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Gegebenheiten wahr. Da
ein Geheimnis drin, dem ich mich annähern möchte.
Es geht zum einen um den Versuch, eine Programmatik der Nähe zu finden, zum anderen ist
es auch eine mathematische Analyse, eine soziale Versuchsanordnung.

Q:

Das ist es, glaube ich auch, was alle Figuren in deinen Filmen verbindet: dieser schmale
Grat zwischen der Wirklichkeit und wie sie diese wahrnehmen…und wie sich das immer
wieder ändert.
Im deutschen Kino sind plötzlich wieder Filme sichtbar, die versuchen etwas zu zeigen, das
vielleicht jenseits des Zeigbaren liegt.
Das finde ich großartig.

A:
Es geht nicht darum, zwanghaft etwas sichtbar zu machen, zu erzählen, zu zeigen.
Es geht, absolut gesagt: um Nichts. Wenn mir das gelingt bin ich glücklich.
In diesen Momenten fängt das Kino an.

Ende

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