Sie wird ein Jahr älter, aber ich ein Jahrzehnt

Es ist noch Monate hin, da sagt meine Tochter ihn schon wieder, diesen Satz: „Ich freu mich schon so auf meinen Geburtstag!“

Ich bekomme sofort Magenschmerzen und Asthma und Migräne. Ich muss mich hinlegen. Diese Verantwortung! Alles muss klappen und zauberhaft und einzigartig werden, sonst traumatisiere ich sie und versaue ihr die Kindheit und zerstöre ihr Leben und sie hat keinen schönen Geburtstag.
14 Kinder hat sie eingeladen und mein Mann noch drei dazu. Aus Versehen. Weil er zufällig Eltern auf der Straße getroffen hat.
„Bis Freitag!“ hat er gesagt. Die Eltern überrascht: „Wieso?“ „Na beim Kindergeburtstag!“ Also musste ich deren Kinder auch noch einladen,

obwohl das wenigstens die Regel war:
Nur Kinder einzuladen, die meine Tochter auch eingeladen hat. Sie ist sehr beliebt, sie ist andauernd irgendwo eingeladen.
Jetzt kommen also auch noch die Kinder, die sie noch nie eingeladen haben, das ist ungerecht!
Nichts zu machen. Lad sie doch alle ein! schreie ich meinen Freund hysterisch an, als unsere Tochter schon schläft.
Zum Glück sagen drei Kinder ab, wegen verreist sein oder anderweitigen Gründen.
Dieser Geburtstag schafft mich. Ich muss Kuchen backen, Eis kaufen, das Planschbecken aufpusten, Wassermelone kaufen, kühlen, aufschneiden,
Geschirr und Besteck in den Hof runtertragen, Servietten bereitstellen, Preise besorgen, Kreide zum Malen, einen Topf fürs Topfschlagen,
die Kinder müssen abgeholt werden, dann braucht man noch Alkohol für die Eltern und Eiswürfel für die Drinks
und es darf nichts schiefgehen, sonst bin ich eine schlechte Mutter.
Einen Tag vorher fahren mein Mann und ich in den Wedding zum Preisekaufen. Im Pfennigladen streiten wir uns. Es gibt Mikado für 99 Cent.
Er will 15 Mikados kaufen. „Bist du bescheuert?“ rufe ich. Ich sehe schon, wie unser ganzer Hof von spitzen Mikadostäben übersät ist. Mikadostäbe in Augen und Herzen. Mikadostäbe überall, Blut und tote Kinder. Ich reiße den Einkaufskorb beiseite, bevor er die Mikados hineinwerfen kann und gehe weiter. Ich hätte ihn nicht mitnehmen dürfen. Ich hätte ihm eine andere Aufgabe zuteilen sollen, also mit mir Preise kaufen zu gehen. Mein Mann ist schon weiter. Jetzt hat er die Seifenblasen entdeckt. 15 mal Seifenblasen. „Nein!“
Warum denn nicht? Er kapiert wirklich gar nichts. Er hat keine Phantasie. Kinder pusten einmal und dann verschütten sie die Seifenblasenflüssigkeit.
Dann Tränen, stinkige Flüssigkeit auf der Kleidung und auf der Wassermelone und dem Kuchen. Ich will aber nicht so zickig rüberkommen und erlaube ihm, zwei riesige Seifenblasendinger einzupacken. Das eine davon wird auslaufen, bei der anderen wird irgendwas so abbrechen, dass man damit keine Seifenblasen mehr produzieren kann. Aber zwei sind besser als 15.
Irgendwann einigen wir uns auf Aufkleber und Matchboxautos. Autos finde ich gut. Die eingeladenen Mädchen aber weigern sich, die Autos als Preise anzunehmen. Mein Mann und ich sind fassungslos.
„Ich bin ein Mädchen, kein Junge“, sagt Carola. „Ja, aber das ist ein super Auto, du willst kein Auto geschenkt haben?“ „Nein, iiiih!“ Dabei brauchen doch gerade Frauen Autos. Frauen sind schwach und können nicht so schwer heben und lange tragen. Frauen brauchen die Freiheit jederzeit abhauen zu können.
Die Party läuft super. Wie am Schnürchen. Wir holen die Kinder mit der Kutsche und angespannten Einhörnern aus der Kita ab. Danach gibts Fanta-Kuchen mit Smarties drauf. So einen wollte ich schon immer mal backen. Da ich so selten Kuchen backe habe ich mich gleich mal im Shop von moderne-hausfrau.de umgesehen und musste feststellen, dass es dort einige ernsthaft erwägenswerte Sachen für die Küche gibt, beispielsweise eine Kuchen Transport Box! Diese ist bestens geeignet für den Fanta-Kuchen, denn der Weg zum Hof führt durch 3 Stockwerke und da die dankbaren Kinder wenig beim tragen helfen habe ich mir angewöhnt immer möglichst viel mit einem mal zu schleppen. So halte ich also die Kuchen Transportbox in der einen, die Teller in der anderen Hand und dazwischen klemme ich irgendwie noch die Bretter und eine Flasche Wasser mit Sprudel. Doch es lohnt sich – der Kuchen sieht fantastisch aus. Als ob ich das ganze Jahr nur Kuchen backen würde.
Es gibt Eis und Pizza und Champagner für die Eltern. Die Kinder planschen im Planschbecken.
Ein Kind will nicht baden gehen, weil es keinen Badeanzug dabei hat.
Ein Kind weint, weil ein anderes es nassgespritzt hat. Eines will noch einen Luftballon, aber ich finde die Luftballons nicht mehr.
Andauernd rufen Eltern an, um zu sagen, dass sie später kommen, früher kommen, nicht reinkommen.
Ein Vater erzählt mir, dass jemand seine Frau fett genannt hat und sie der Person dann geantwortet hat, dass sie selber fett sei.
Eine Mutter schickt mir eine Woche später eine SMS, dass sie bei ihrer Tochter Läuse gefunden hätte und ich bitte alle informieren solle.
Ich überlege, ihr zu schreiben, dass meine Tochter noch nie Läuse hatte, ihre Tochter aber immer Läuse hätte oder einfach nur „Bitch“ und beschließe dann lieber gar nicht zu antworten.
Meine Tochter ist lieb, glücklich und zufrieden, sie findet es nur schade, dass wir kein Mikado gespielt haben.
Vergessen wurden: ein Handtuch, ein roter Schlüppi, eine Preistüte und ein paar Elsa- Flip- Flops. Bitte abholen.
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Published on: Juni 30, 2016

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