Schreibkreis Nordost: Eine zerbrechende Beziehung, eine beste Freundin und Rachephantasien

Sie sind heute zufrieden mit ihrem Hinterzimmer in der Bar. Sie sind allein. Man hört hier hinten auch keine Musik und der Barkeeper kommt und schaltet ihnen extra noch eine zusätzliche kleine Lampe ein, weil er gesehen hat, dass sie Notizblöcke dabei haben. Noch besser wärs, er würde unaufgefordert Weißweinschorlen nachliefern.

Elgata: Entwurf der Geschichte einer Ablösung

Der Anfang von Elgatas Text ist gut, dann aber wird er eine Aufzählung von Geschehnissen und keine Geschichte. Elgata meint, es ginge ihr darum, eine Ablösung, eine Emanzipation einer Frau in einer Paarbeziehung zu erzählen, aber das Paar befindet sich am Anfang der Geschichte in der gleichen Situation wie am Ende. Der Beziehung fehlt der Body. Ihr wird geraten, das Paar körperlicher werden zu lassen, durch eine Sexszene, oder Berührungen. Sie solle  einen Moment zu finden, der die Beziehung der beiden deutlich macht. Momentan sei das Verhalten der beiden, besonders der Protagonistin nicht nachvollziehbar. Es war aber klar, dass es sich bei Elgatas Text um einen ersten Entwurf handelt, in dem Potential steckt, sie muss es nur herausholen und sich entscheiden, was sie erzählen will.

Als Beispiele für Schilderungen von auf sich gestellten Paaren wurden die Filme >Le Mèpris<von Godard und >Alle Anderen< von Maren Ade herangezogen. Elgata hatte beide noch nicht gesehen. Besonders “Le Mèpris” wurde ihr ans Herz gelegt, als Beispiel für die subtile Erzählung eines Beziehungsendes. Eines Verrats, der eine Enttäuschung hervorruft, die in Verachtung umschlägt.

 

Realität erschaffen, aber wie?

Weiter ging es darum, wie konkret man in Texten werden müsse, das heißt, wieviel Informationen man geben muss und welche. Manche Informationen kann man auch weglassen, andere wiederum nicht. So dass man den Leser an die Hand nimmt, ihn aber auch im richtigen Moment wieder loslässt.

Elgata meinte, sie hätte in einem Buch gelesen, dass viele Schriftsteller erst viel später über ihre Erlebnisse schreiben, wenn sie damit abgeschlossen hätten und verstehen könnten, was geschehen ist. Ja, sagte Weledina, aber es wäre auch sinnvoll, sich Notizen im Alltag zu machen, damit man sich später überhaupt an die abgeschlossenen Erfahrung erinnern könne. Wenn man zu lange warte, hätte man sonst die wichtigen Details vergessen, aus denen sich eine Erzählung überhaupt zusammensetzt. Außerdem brauche ein Text auch Unmittelbarkeit und nicht nur eine objektive Draufsicht aus der Ferne.

Aber wie zieht man aus dem ruhigen Fluss der Ereignisse, das Entscheidende heraus, fragte Elgata?

Leben vs. Erzählung

Man muss eben sammeln, und schauen, an welchen Situationen man hängen bleibt. Für eine Geschichte müsse man die Ereignisse zuspitzen, sie in eine Reihenfolge bringen. Es müssten ja nicht immer gleich Leute sterben. Darum ginge es nicht, sondern darum, die Punkte an denen sich etwas ändert, zu benennen.

In der Realität geht man oft über seine Enttäuschungen hinweg und zieht keine Konsequenzen daraus, in einer Geschichte treibt man die Dinge aber auf die Spitze, um den Lauf des Lebens zu verdeutlichen und der Spannung wegen und um verstanden zu werden und weil das der Spaß am Schreiben ist, der Moment, wenn die Phantasie hinzukommt und man eine neue Realität erschafft.

In der Realität geht man über die Dinge hinweg, “lebt weiter”, das geht dann so: “Ich werde dir niemals verzeihen, dass du mich in diesem Moment, indem ich dich total gebraucht hätte, alleine gelassen hast. Was willst du zum Abendbrot essen?”

 

Erinnerungen an eine Freundschaft

Weledinas Text würde funktionieren, als Teil eines Romans, aber auch für sich allein.

Man könne die Ereignisse gut nachvollziehen und man fühle sich auch an seine eigene Jugend erinnert und an die Intensität der Beziehung zur besten Freundin. So enge Freundschaften hätte man später nie wieder im Leben. Weledina wurde klar, dass sie daraus eine Serie von Texten machen könne, über ihre besten Freundinnen aus der Jugendzeit. Sie stellte auch fest, dass sie es mochte, anhand der Erinnerung an einen Menschen in ihre Vergangenheit einzusteigen. Sie lese gerade >Portnoys Beschwerden> von Phillip Roth und dieser Erzählfluss würde ihr sehr gefallen, daran wolle sie sich bei ihrem Roman orientieren, oder auch bei Henry Miller.

 

Rache muss Sinn mache

Reseda hatte über verschiedene Formen der Rache geschrieben. Elgata erwähnte, dass sie gelesen hatte, das Psychologen betrogenen Partnern raten würden, auch zu betrügen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Es gehe ja bei einer Strafe darum, etwas für die Opfer zu tun und nicht für den Täter. Weledina hatte ein Problem mit der von Reseda vorgeschlagenen Ehrenstrafe, (die sie für böse Topmanager anwenden wolle.)

Dies erinnere sie an den Umgang mit Kollaborateurinnen, nach dem zweiten Weltkrieg. Frauen denen man das Haar abrasiert und mit Schildern um den Hals durchs Dorf geführt hätte. Dann ging es darum, ob man im Fall, dass man sich rächen wolle, lieber auf Schlägertrupps zurückgreifen würde, oder lieber selber zuschlagen. Man entschied sich für Schlägertrupps, weil man die körperliche Berührung mit dem Feind vermeiden wolle. Man überlegte, ob ein Pranger und Peitschenhiebe auf dem Marktplatz Martin Winterkorn zur Einsicht bringen könnten.

 

Ein Plädoyer für Selbstjustiz

Die großen Gangster kämen immer davon und würden dann woanders genau so hochdotiert weiterarbeiten. Weledina sagte, sie verstehe auch nicht, warum niemand der gebeutelten Mieter, dem Besitzer des “Horrorhauses von Schöneberg” mal Hundekacke in den Briefkasten stopfen würde. In vielen Fällen von Gangstertum würden Gerichte doch gar nichts bringen, das Einzige was helfen würde, sei Selbstjustiz. Die Wut auf Topmanager konnte Weledina allerdings nicht so nachvollziehen, die seien ihr eigentlich egal.

Ja, aber die Steuergelder, meinte Reseda. Steuern müsse sie sowieso zahlen, egal wie sie verwendet werden, meinte Weledina. Ihr war natürlich klar, dass es auch für ihr Leben besser wäre, wenn Steuergelder nicht verschwendet würden, aber sie wollte sich einfach nicht über Topmanager aufregen. Sie schlug vor, Thilo Sarrazin mal eine Woche in einer Turnhalle schlafen zu lassen, damit er etwas empathischer würde. Warum hält dieser Mann nicht die Klappe, der da irgendwo in einem netten Einfamilienhäuschen in irgendeinem Berliner Vorort sitzt und Monat für Monat für Monat haufenweise Beamtenpension kassiert? Wieso hackt ein Mensch dem es gut geht, auf Flüchtlingen und armen Leuten herum?

Elgata meinte, sie hätten mal einem besonders drögen Mitbewohner die Cornflakes versalzen, aber der habe einfach nur gesagt, die Cornflakes seien schlecht und nicht verstanden, dass er gezielt angegriffen wurde. Rache mache also nur dann Sinn, wenn der Adressat bemerke, dass er gemeint sei.

Schreibkreis ohne Raum

Es ist spät. Sie sind leider nicht mehr allein im Hinterzimmer. Der Barkeeper hat Heavy Metal aufgelegt. Früher war diese Bar mal cool, da kam nur Easy Listening und Elektro. Man stellt sich die Frage, warum die Besitzer der Bar nicht besser auf ihr Personal achtgeben. Die Musik macht aus diesem Ort, der eigentlich cool und hip sein könnte, eine ranzige Berliner Eckkneipe. Das nächste Mal wollen sie woandershin gehen, vielleicht sogar Barhopping machen. Weledina hat insgeheim Bedenken. Sie will nicht, dass das dann eine Sauftour wird und wie soll man denn dabei Texte besprechen. Andererseits, warum sollte der Schreibkreis nicht auch mal auf Sauftour gehen. Aber dann ist es kein Schreibkreis mehr, sondern ein Saufkreis und da muss man sich überlegen, ob man das wirklich will.

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One Response to Schreibkreis Nordost: Eine zerbrechende Beziehung, eine beste Freundin und Rachephantasien

  1. […] wir einmal auf Klassenfahrt in Tschechien waren, setzten Ulla und ich uns wie so oft von den anderen ab, kauften eine Flasche Eierlikör und kletterten in Nebel […]

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