Schöner wohnen

Letzte Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass die Innenstadtbewohner um diese Jahreszeit nur noch nachts aus dem Haus gehen würden, denn an den Tresen und Theken dieser Stadt sei es hell und warm. Man wird euphorisch, betrinkt sich und ersinnt im Rausch Projekte, aus denen nie was wird, habe ich behauptet. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt. Ich habe mir das einfach so zurechtgesponnen. Ich weiß in Wirklichkeit überhaupt nicht mehr, was draußen los ist. Es ist wahrscheinlich wie immer, oder? Regen, Raubüberfälle, rote Ampeln, rasende Radfahrer.

Berliner Zeitung vom 05.12.2019 Seite 9 / Berlin

Letzte Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass die Innenstadtbewohner um diese Jahreszeit nur noch nachts aus dem Haus gehen würden, denn an den Tresen und Theken dieser Stadt sei es hell und warm. Man wird euphorisch, betrinkt sich und ersinnt im Rausch Projekte, aus denen nie was wird, habe ich behauptet. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt. Ich habe mir das einfach so zurechtgesponnen. Ich weiß in Wirklichkeit überhaupt nicht mehr, was draußen los ist. Es ist wahrscheinlich wie immer, oder? Regen, Raubüberfälle, rote Ampeln, rasende Radfahrer. Mir macht es nichts aus. Ob Tag oder Nacht, ich bleib daheim. Bars sind teuer, Qualm stinkt, laute Musik vertrage ich nicht, und ich will auch nicht mehr kennengelernt werden. Ich bin schließlich keine 38 mehr. Ich habe mich festgewohnt. Das hat sich einfach so ergeben. Es ging wahrscheinlich irgendwann in den letzten Wochen los. Ich schleppte im Dunkeln Einkaufstüten durch den Nieselregen. Das ist meine letzte Erinnerung an draußen. Seitdem bin ich drinnen und wohne. Das geht so: Ich sitze am Schreibtisch oder räume die Spülmaschine ein oder liege im Bett und suche im Internet nach schöner Musik. Warm und gemütlich ist es zu Hause! Überall locken Kissen und Decken. Heizkörper flüstern mir Kosenamen zu, Türklinken winken, Schränke öffnen sich, Schubladen strecken sich nach mir aus. Ich könnte sie eigentlich endlich mal alle durchsortieren. Stifte zu Stiften, Notizbücher zu Notizbüchern, Kabel zu Kabeln. Klebeband, Batterien, Sonnencreme, Visitenkarten, Haargummis, Parfümproben, DVDs, Bücher, Nagellack, Ohrringe, Briefpapier, Brillen, Nähzeug, Kerzenständer, fremdländische Münzen. Mein alter Laptop. Wo ist eigentlich das Ladekabel? Oh toll, eine Taschenlampe! Mit der kann ich weitersuchen, ich habe doch bestimmt irgendwo Knopfzellen für die elektronische Waage, die ich unterm Badezimmerschrank wiederentdeckte – denn bei mir zu Hause gibt’s alles! Thermoskannen und Essstäbchen und Buchstabenstempel und Aquarellpapier und eine Glühbirne. Die schraube ich in die hübsche kleine Lampe, die in dem Karton auf dem Küchenschrank war. Die Lampe stelle ich aufs Regal. Es ist so unendlich kuschelig bei mir, ich will nie wieder raus, ich will einfach nur noch wohnen. Nun durchblättere ich Bildbände, stimme die Gitarre, übe die Bluestonleiter, spiele den Anfang von „Für Elise“ auf dem Klavier, lese wieder meinen Lieblingskrimi. Dann kommt mein Freund, wir legen uns hin, streamen die Dragqueen-Show, danach die Sendung über die Hintergründe der Dragqueen-Show, dann eine Doku über Kornkreise, eine über Pyramiden und eine über Schwarze Löcher. Am Morgen teile ich meine letzten Vorräte mit ihm. Einen Kanten harten Brot und einen halben Apfel. Dann muss er hinaus in die Kälte, auf unbestimmte Zeit verreisen.

Ich bleib daheim. Vielleicht bringt mir später jemand mal was zu Essen rum. wenn nicht, auch nicht schlimm. Ein Glas Rotkohl und eine Instantsuppe habe ich schon gefunden. Irgendwo müssten auch noch ein paar Reiskörner versteckt sein. Damit sollte ich noch eine Weile weiterwohnen können.

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Ich wohne auch! Und eines Tages im November sortierte ich alle Nägel und Schrauben, worauf ich mich 20 Jahre eingestimmt habe. Die Tat zögerte sich immer weiter hinaus, weil es keine geeigneten Schachteln gab. Da entdeckte ich plötzlich welche, durchsichtige, und bestellte sie online.

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