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Schmerz und Schönheit sieht man nicht

Also erstmal erzählen wir uns der Reihe nach unser erstes Trauma. Der Gastgeber, der Linksradikale, die Dame und ich. Aber ein Trauma kommt selten allein. Ein Trauma ergibt erst Sinn, in der Kombi mit dem zweiten Trauma. Also erzählen wir einander noch unser zweites Trauma. Danach haben wir uns durchschaut und Vertrauen aufgebaut. Die Stimmung ist jetzt wegen den Traumastories erstmal nicht mehr so gut, deswegen müssen wir uns ordentlich Weißweinschorle nachgießen. Zack, gehts uns wieder besser. Ich habe auch keine Angst vor dem Staffordshiredobermann des Gastgebers mehr, der hier im Zimmer rumliegt, immer genau da wo die Sonne ist. Er wandert mit der Sonne mit, wie eine Katze und sein Fell ist kurz und glatt und dunkelgrau. Ich hab fast Lust ihn zu streicheln, aber seine Zähne sind scharf und spitz. Ihre Zähne. Das Monster ist ein Mädchen und heißt Anaïs.  Ich sehe schon die Schlagzeile: “Monster zerfleischt Ruth Herzberg während Afterhour am Donnerstagvormittag.”

Aber noch lebe ich und mir gehts super.

“Keine Termine und leicht einen sitzen.” Dieses Gefühl muss Harald Juhnke gemeint haben. Ich hab zwar Termine, denn ich muss nachmittags die Kinder aus der Kita holen und mit zwei Papas Pizza essen gehen und abends will ich mit einem Kumpel ins Theater, aber das ist ja noch voll lange hin. Ist ja erst halb elf. Wir hören Celine Dion und Mariah Carey. Das ist die einzige Bedingung, die der Gastgeber an uns stellt: Dass wir uns seine Playlist anhören. Aah diese Stimmen, diese Oktaven…Muss man mögen. Müssen wir jetzt mögen. Hier höre ich auch das erste Mal in meinem Leben einen Song von Justin Bieber. Ich kann ja jetzt noch auf keinen Fall nach Hause gehen. Die Weißweinschorle trinkt sich schließlich nicht von alleine weg. Wir reden über Politik. All die Flüchtlinge brauchen wir doch, weil Deutschland braucht Altenpfleger und die Flüchtlinge sollen nicht im Meer ersaufen, sagt der Linksradikale. Aber dann seid doch wenigstens ehrlich, sage ich. Sagt doch wenigstens, dass wir Sklaven für unsere Rentner brauchen. Tut doch dann nicht so, von wegen integrieren. Der Gastgeber gibt mir recht: “Ist doch ganz einfach: Drei von euch in meiner Wohnung sind ok. Sechs von euch fänd ich zu viel.”

“Naja, aber wenn wir dich dann alle pflegen würden, wenn du alt bist und bis dahin schlafen wir in der Besenkammer auf dem Boden?” schlage ich vor.  Dann wärs ok, sagt der Gastgeber. Die Dame schweigt dazu und dem Linksradikalen fällt auch nix mehr ein, außer: “Also ich bin ja linksradikal.” Der Gastgeber sagt: “Ich mag dich, du bist voll ok, aber warum deklarierst du dich? Ich würde mich nie deklarieren. Wer sich deklariert, der fließt nicht.” Der Linksradikale sagt, es sei wichtig, sich zu deklarieren, in Zeiten wie diesen. Wir anderen finden das nicht. Wir wollen fließen. Apropos Fließen. Ich habe Schmerzen. Seit Tagen zieht es im Rücken unter der rechten Schulter. Ich mache Yogabewegungen, strecke meine Arme aus, versuche, die Verspannung zu erreichen, sie zerfließen zu lassen, ihr nicht zu erlauben, sich zu deklarieren. Ich bin nicht rechtsradikal und meine Schulter darf es auch  nicht sein. Ich sage das den anderen, in der Hoffnung, dass jemand  Bock hat, mich zu massieren, weichgespült wie sie sind. Aber auf die Idee kommt leider keiner. Die Dame sagt: “Den Schmerz sieht man nicht.”

“Schmerz und Schönheit sieht man nicht”, sagt der Gastgeber. Das ist so deep, ich muss es aufschreiben. Ist aber eigentlich eine Frechheit, denn meine Schönheit sieht man manchmal schon. Ist die Musik eigentlich zu laut? fragen wir uns plötzlich. Sind die Nachbarn ok hier? “Als ich in meine Wohnung gezogen bin”, sagt der Linksradikale, “hats am ersten Abend um elf geklingelt. Draußen steht ein Paar in Pantoffeln und Bademantel. Können sie bitte aufhören, in der Wohnung herumzulaufen? haben sie gesagt. Wir haben Krebs. Beide.”

Wir brauchen noch mehr Weißwein und Mineralwasser und Zigaretten und so weiter. Wie immer in solchen Situationen verlieren wir uns in Träumereien von einer Art Foodora für Alk und Zigaretten. Es fallen Worte wie „App“ und „Amazon Prime“ und wo sind eigentlich die Flüchtlinge, wenn man sie mal braucht? Dann lösen wir das Problem wie Erwachsene und ziehen Stöckchen. Es trifft den Gastgeber. Er nimmt es gelassen. Muss ja sowieso mal kurz raus, wegen Anaïs. „Aber wehe, ihr ändert die Musik wenn ich weg bin!“ sagt er. Natürlich nicht. Ist ja auch ganz schön, mal wieder George Michael zu hören. Kaum sind sie weg, schließe ich mein Smartphone an die Anlage und spiele ultraharten Techno. Es ist nur, weil mir die Schulter so weh tut. Nach zwei Minuten ist der Gastgeber wieder da. Der Späti war gleich gegenüber und  Anaïs hat vors Haus gekackt. Techno muss aus und Whitney Houston haben wir ja auch schon echt lange nicht mehr gehört. Tolle Stimme. Ja wirklich. Dafür gibts jetzt wieder Weißweinschorle, Zigaretten und so weiter. Oh Gott. Schon 14 Uhr. Der Gastgeber nimmt eine Ibu. „Bist du verrückt? Das ist nicht gut für die Leber!“ warnen wir ihn. „Ihr seid so krank.Ballert euch zu dritt 2 Gramm Koks rein, aber ich darf keine Ibu nehmen.“ trotzt er uns. Es ist 15.30. Ich muss los. Kann ich so raus? frage ich die anderen. Du siehst total normal aus, loben sie mich. Noch nie habe ich ein herrlicheres Kompliment bekommen. Schönheit sieht man, Normalität aber nicht und das ist jetzt die Hauptsache. Ich gehe noch mal kurz nach Hause, duschen und so. Ich putze mir die Zähne mit links, um die rechte Hirnhälfte zu trainieren. Klappt voll gut. Ich hole die Kinder, gehe Pizza essen, und abends noch ins Theater und bin die ganze Zeit mega entspannt. Ja, ich muss sagen: Seitdem ich mich selbst aufgegeben habe, gehts mir viel besser.

 

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