Rotwein, vielleicht

Bald ist Dezember. Wer Adventskalender selber bastelt, zeigt, dass er das perfekte Opfer des modernen Kapitalismus geworden ist. Zum einen stellt man dem Kind jeden Tag freiwillig frische Konsumgüter bereit. Billiges Spielzeug, das sofort kaputt geht, oder teures Spielzeug, das etwas später kaputt geht. Noch schlimmer wird es dadurch, in dem man bereit ist, dem Konsumwahn auch noch eine persönliche Note durch eine Aura des Handgemachten zu verleihen, das ist so verlogen, dass einem übel werden kann, das ist, wie seine eigene Guillotine zu dekorieren, die Hand, die einen schlägt, zu küssen, sich sein eigenes Grab zu schaufeln und dabei Lieder zu singen.

Man muss bergeweise kleines Zeug kaufen, dass dann wieder überall herumliegt. Und keine Nüsse! Welches Kind freut sich denn bitte über Nüsse im Adventskalender?!? Nein, auch nicht, wenn sie golden angemalt sind. Nichts ist enttäuschender als Nüsse. Es müssen Autos sein, Kreisel, Plastikscheiß, Haarspangen, Figürchen, Schokolade, Gummibärchen, also Zucker, also Gift, also Nervengift. Und drumherum: Krepppapier, Sternchen, ausgeschnitten, Gold und Silber, Stoffbeutelchen, menschliche Kreativität. Das muss man alles nachts machen, wenn die Kinder schlafen. Darf dabei nicht rauchen, wegen der Kinder. Darf keine laute Musik dabei hören, weil die Kinder schlafen. Darf nicht kiffen, kein MDMA, kein Speed, kein Koks, kein Heroin nehmen. Rotwein vielleicht. Aber davon wird man so müde. Alle schlafen und man sitzt da, in absoluter Stille und bastelt, mit Verzweiflung im Herzen, weil man endlich mal in Ruhe nachdenkt und einem klar wird, was alles nicht gut läuft und dass man nicht genug Krams für die Beutelchen gekauft hat und morgen NOCH MAL los muss und außerdem, immer noch keine Weihnachtsgeschenke besorgt hat und dann noch die Weihnachtsfeier in der Kita vorbereiten muss und sich um den Bibliotheksausweis kümmern und man schon seit Wochen den Briekasten nicht aufgemacht hat, weil man die Steuererklärung immer noch nicht gemacht hat und diese Angst, dass das Finazamt geschrieben hat und warum einen eigentlich damals mit 31, dieser tolle Typ nicht gewollt hat und dass man immer noch traurig deswegen ist. Und am Morgen danach ist man total müde und schreit die Kinder an, weil man so müde ist und die so bummeln und zu spät zur Schule kommen. Der fast fertige Kalender, all die Beutelchen kommen ins Bücherregal, hinter die Bücher. Und er ist nicht besonders schön geworden und eine sehr wacklige Angelegenheit, die Beutelchen hängen zu locker an der Schnur, das Ganze sieht so kläglich aus, dabei war er so teuer und hat so viel Mühe gekostet. Und das andere Kind braucht ja auch einen, das ist doch schon fast drei. Und die dürfen das vorher nicht sehen, wegen dem Überraschungseffekt und es ist ihnen egal, wie die Beutelchen aussehen, wichtig ist was drin ist und dann sind sie nicht zufrieden. Iiihh, Schokolade und der Kreisel ist kaputt und die Haarspange hässlich. Und helfen kann einem niemand dabei. Oder würdet ihr von eurem Mann verlangen, er soll euch beim Weihnachtskalenderbasteln helfen? Ich glaube, ich könnte mit meinem Mann nicht mehr schlafen, wenn er mir beim Weihnachtskalenderbasteln geholfen hätte. Frauenkleider dürfte er tragen, oder Kuchen backen, oder Knöpfe annähen. Aber Beutelchen befüllen? Nein! Der Einzige, der mir mal einen Weihnachtskalender gebastelt hat, war mein Vater, aber er hat sich dann trotzdem nicht mehr gemeldet, als ich sechs war und er eine neue Freundin hatte und ich kaufe den Kindern Weihnachtskalender bei Lidl.

Written by:

Published on: November 15, 2016

Filed Under: Text

Tags: , , ,

28 Responses to Rotwein, vielleicht

  1. Der Beitrag gefällt mir. Es ist traurig, dass wir unsere verlogene Welt an Kinder weitergeben. (übrigens: Ich bin eine geborene Herzberg. In Pommern geboren. Schreibe selbst kleine Geschichten- meist kritisch. Malen tu ich auch etwas. Bin 74 Jahre alt) Herzliche Grüße

  2. “Nicht zu Lidl!“, das weiß ja jedes Känguru-sozialisierte Kind.
    Ansonsten finde ich mich in diesem Text voll wieder. Persönlich packe ich 96 Söckchen. Noch schlimmer als Kindergeburtstag. Wie blöd bin ich eigentlich.
    Viele Grüße von Sabine

    • frauruth sagt:

      Känguru- sozialisiert? Qu’est ce que ça veut dire? Lidl ist gar nicht mal so schlecht. Und 96 Söckchen? Respekt! Gruß!

      • Emma sagt:

        Der Schreiber bezieht sich hier auf das Buch „Das Känguru Manifest“ von Marc Uwe Kling, indem das Känguru den Autor dazu anstichelt bloß nicht bei Lidl zu kaufen. Das ist die Quelle dieses Satzes 🙂

  3. Katrin sagt:

    I love you, Frau Ruth!

  4. Was für ein großartiger Text! Als hochmotivierte Neu-Mutter habe ich dem 9 Monate alten Kind 24 Staubfänger in den Kalender gefriemelt, um mit dem Zweitkind auf Playmobil umzusteigen. Beim Kindergeburtstag schaffe ich es ja noch, diese beknackten „Mitgebsel“ einfach nicht zu verteilen (der Witz ist: kein Kind merkt was), aber um den Adventskalender komme ich wohl nicht drumrum. Gottlob besteht der Sohn, inzwischen 10, auf Lego, das ist einfach, während die romantische Tochter „mal wieder was Selbstgemachtes“ wünscht. Denke jetzt über 24 gold angemalte Nüsse nach, überlege nur noch, ob die Kennzeichnung der Allergen mit drauf muss.

  5. Nimue sagt:

    Auch wenn ein solcher Text massiv viel Zuwendung bekommen wird, weil es in ist die Moderne zu verteufeln, endlich offen zu sagen, wie falsch doch alles läuft, ist die Übelkeit auf der Ebene darunter noch viel schlimmer. Diese immergleiche, langweilige Kritk, der Konsum ist doch an allem Schuld, die menschliche Abhängigkeit von dem Materiellen und alle machen das Gleiche, unfähig, wie Zombies auf der Suche nach dem nächsten Hirn. Die Hoffnung auf die endgültige Abschwur allen Besitzes, nur noch Geist sein, endlich nur noch spirituell, dann, ja, dann wird alles endlich gut sein. Leider geht das nicht, leider habe sogar ich noch Dinge. Aber, ja, so wie früher! Da war ja noch alles einfacher, man hatte ja nichts. Und eigentlich war das ja viel besser, das weiß man ja jetzt, jetzt wenn wir alles haben. Smartphones sind keine Bücher, Konservation ist die neue Progression. Wann verstehen es endlich alle? Und Ach, da traut sich ja keiner zu widersprechen, alle vereint in dem Gedanken, dass alles Neue irgendwie in die falsche Richtung läuft. Schlimm, schlimm. Alles belastend, das werde ich ins Internet schreiben, dass ich es schade finde. Ach, Mist, das machen ja alle, wie Zombies, nur um in einer Generation später zu behaupten, dass es man seinem Kind keine Geschenke von vor 50 Jahren mehr machen kann.

    Ja, Nüsse, das war noch kein Konsum, denn das waren noch Nüsse.

  6. Dorollin sagt:

    Das liest sich ja ganz schön verbittert… So ist das wohl, wenn man jeden (Bastel-)Trend mitmachen muss, obwohl man gar keine Freude am basteln hat.
    Ich bastle sehr gerne, besonders mit guter Musik auf den Ohren (zur Not mit Kopfhörern, um die lieben Kleinen nicht zu wecken) und einem Glühwein/Bulmers dazu. Leider sagte meine Große, als es um das Thema Adventskalender ging, „aber nichts Selbstgemachtes!“

  7. Christiane Birkenheier sagt:

    Danke für diesen Text.
    Ich habe letzte Woche den Kindern einen einfachen Schokokalender gekauft. Somit habe ich jetzt keinen Stress mehr. Vielleicht kaufe ich mir und dem Liebsten auch noch einen. Das ist dann zwar auch Konsum, aber den Bastelstress erspare ich mir dieses Jahr.
    Liebe Grüße und eine wenig verkonsumierte, aber umso besinnlichere Adventszeit wünscht Christiane Birkenheier

  8. Elli sagt:

    Oh wie bdauerlich, dies so zu lesen.
    Ich habe es als Kind genossen, einen Adventskalendar zu bekommen der selbstbefüllt war, und … oftmals war „nur“ ein handgeschriebener Zettel drin, nicht einmal was Süßes. Unsere Eltern haben es verstanden, mit kleinen „Gutscheinen“ die Weihnachtszeit schön zu gestalten.
    Es gab Gutscheine für eine Extra-Vorlesezeit, eine extra zubereitete Lieblingsspeise, alos im Grunde ganz einfache Dinge, die für meine ELtern auch leicht zu erledigen waen in einem 6-Personen-Haushalt.
    Ich habe dies als ganz besondere Zeit in Erinnerung und bin meinen Eltern dafür heute noch dankbar.
    Ich habe dies bei meinem Patenkind auch gemacht, sie ist mittlerweile 19 Jahre alt und erzählt heute noch davon (als sie 14 wurde habe ich dies beendet).
    Ich neige nicht dazu, zu sagen, früher sei alles besser gewesen, aber in diesem Fall, …

    nachdenkliche Grüße Elli

  9. lisa sagt:

    SO extrem wie Nimue deinen Artikel mit ziemlich böser Zunge kommentiert hat, sehe ich es nicht. Ich finde aber auch nichts an KOnsum zu vertäufeln, denn auch ich hatte früher einen Adventskalender und habe mich über jedes (manchmal auch selbstgebasteltes) Türchen gefreut. Warum sollte ich das meinem Kind verwähren. Aber wenn man manchmal über die Instagramm Accounts und minimalistisch gestalteten Blogs schaut bei denen jedes Kinderzimmer lächerlich gleich aussehende Deko zu stehen hat, dann glaube ich sind es eben genau diese Bilder von perfekten Zimmern und perfekten Müttern, die in uns beim Kalenderbasteln solche Gedanken wecken. Manchmal sollten wir unsere eigenen Ansprüche an Perfektion einfach mal an die Erwartungshaltung unserer Kinder anpassen. (die meist nicht so groß ist wie wir glauben)
    Danke für diesen Gedankenanstoß.

  10. Ich habe irgendwann 24 Socken gestrickt. Die hole ich alljährlich vom Dachboden, hänge sie an eine Kordel entlang der Treppe, fülle sie mit je vier Stück Schokolade. Für jeden von uns je eines jeden Tag. Geschenke gibt es zu Weihnachten. Kein Kleinkram, kein Plastikspielzeug.
    Die Jungs sind dann nur übersättigt, reißen auf, schauen kurz drauf und legen es zur Seite. Warum etwas basteln, was keiner zu schätzen weiß?
    Super Beitrag!
    LG, Veronika

  11. digiom sagt:

    Nachdem das Thema so Wellen schlägt: Habe herzlich über diesen Text gelacht, und das, obwohl ich sogar einen handgestickten Adventskalender habe, an dem ich sogar noch 4 Stunden vor Geburt von K2 stickte;-) Dieses jahr bleibt der handgestickte btw im Kasten, da wir von der Omma zwei Smartieskalender bekamen. Best of both worlds!

  12. […] nicht-gegendertes Winter-Outfit bieten kann, aber die Abende im November gerne nutzt bei einem Glas Rotwein, vielleicht Klopapierrollen grün anzumalen, zu einem Christbaum zu drappieren und mit netten Zettelbotschaften […]

  13. […] Heroin – oder ist bestenfalls ironisch. Oder? Da sind Diskussionen, ob man den Text von frau ruth: rotwein, vielleicht ernst nehmen darf oder nicht, oder vielleicht an einzelnen Stellen aber an welchen? Ob dasnuf: […]

  14. […] oder nicht. Aber dann ist dieses komische Adventskalendergate, das seit gestern aufgrund dieses Blogtexts bei Twitter hohe Wellen schlug, etwas ausgeartet, und es fanden sich Stimmen, die allen Ernstes […]

  15. Maja sagt:

    Irgendwie kommt mir aus dem Text entgegen, dass es dir überhaupt keinen Spass macht diesen Kalender zu basteln. Warum machst du es dann? Und warum Plastikzeug in den Kalender? Was bastelst du denn dann überhaupt daran? Tut mir irgendwie Leid, aber es kommt echte Verbitterung und Gemecker rüber. Ich verstehe gar nicht, warum du das basteln nicht einfach sein laässt?

    • Annette sagt:

      Diese Diskussion wurde mir in meine Timeline gespült.
      Anfangs dachte ich, es würde sich um eine Satire handeln. Aber, hey ihr Mütter, die Sache ist wohl bitter ernst. Es geht tatsächlich um das Adventskalenderbasteleien! Hm…ja, habe ich auch gemacht. Also gebastelt. Mal schön, mal weniger schön. Mal habe ich einfach solch ein Ding gekauft. Meine Tochter hat keinen seelischen Schaden davongetragen. Ich auch nicht.
      Ich kann mich allerdings nicht erinnern, jemals über die Adventskalender-Problematik diskutiert zu haben. Warum nicht? Wir hatten damals vor fast 40 Jahren keine Bühne, auf der wir aus jedem Pups einen Donnerschlag machen konnten.
      Ich darf so etwas schreiben. Ich bin seit zweieinhalb Jahren Großmutter einer bezaubernden Enkeltochter. Ich habe Klopapierrollen gesammelt. Ob ich ihr einen Adventskalender bastele? Ey, das geht euch gar nix an!

  16. […] sind: Hihi. Letzte Woche habe ich leichtes Chaos angerichtet in BloggerInnenhausen. Ich habe einen kurzweilig schnodderigen Artikel über Adventskalenderbasteln von Frau Ruth geteilt. Kannte niemand, die Bloggerin. Fand dasnuf auch lustig und teilte es. Und dann gab es […]

  17. […] Mutter schrieb kürzlich einen ironisch gemeinten überspitzten Text, in dem sie vom Bastelstress schrieb, den Adventskalender befüllen zu müssen; nicht mal […]

  18. Klaus Kelterborn sagt:

    (Für Maibenachrichtigung)

  19. […] habe gestern in der Kaffeepause im Büro einen Text über das Basteln von Adventskalendern gelesen, den ich sehr lustig fand. Ich fand ihn rotzig, […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen