Reise, Reise

Ich weiß nicht was ihn geritten hat, ein Ferienhaus an der Ostsee zu mieten. Als Überraschung. Für uns alle. Als wir ankommen, dürfen wir natürlich noch nicht ins Haus, die „Endreinigung“ steht an. Es war sowieso alles eine Lüge, dass mit dem freistehend und nur zwei Minuten zum Strand. Das stimmt vielleicht sogar, aber das ist nicht der richtige Strand, nur so ein Stück versiffter Bodden, Kiesel und Algen und Gerüche nach totem Fisch, sowie der von verbrannten Autoreifen. Wir laufen rum und überall gibt es diese Restaurants mit dem Original Ost Angebot, Soljanka und Eisbecher mit Dosenfrüchten. Von frischem Fisch keine Spur. Schweineschnitzel gibt es und Champignonsuppe und Spargelsuppe und Kartoffelsuppe. Vielleicht ist die Ostsee überfischt oder was wahrscheinlicher ist, sie haben einfach keine Lust mehr auf die langweilige Angelei. Lieber ein paar Dosen aufmachen und das mit Hartz4 und Parkgebühren aufstocken. Mein Mann setzt sich mit mir und den Kindern ins Auto und wir fahren ins nahegelegene Rostock, oder ist das Stralsund, oder Kühlungsborn, oder Bremen? Der Name der Stadt steht nirgendwo geschrieben und wir haben am Ortseingang vergessen, auf die Schilder zu achten. Irgendwas mit rotem Backstein und kleinen Cafés und Buchhandlungen. Cafés und Buchläden stehen natürlich leer, obwohl es hier New York Cheesecake gibt und in den Buchläden sich die Störtebeker Autobiografien stapeln. Piraterie lohnt sich wohl nicht mehr. Als mein Mann nach mehreren Stunden immer noch im Buchladen ist, weil er sich nicht zwischen zwei Sanddorn- Kochbüchern entscheiden kann, beschließe ich mit den Kindern allein an den „Strand“ zurückzulaufen. Wir müssen einfach nur den Berg hoch, denke ich, habe beim Fahren nicht auf den Weg geachtet. Der Berg entpuppt sich als Autobahnbrücke. Oben stehen Jugendliche und werfen Lumpen und brennende Stühle auf die Autobahn. Andere rauchen Crack und einer wirft mit Knallern nach uns. Ich fummel meiner Tochter den Böller kurz vor der Explosion aus dem verfilzten Haar und wir retten uns in einen U- Bahnhof. Soll ich die Polizei rufen? Aber es dauert bestimmt eine halbe Stunde bis sie da sind und dann ist der Böllerwerfer sowieso schon über alle Berge, wenn er sich nicht selbst schon von der Brücke gestürzt hat, mit einer Betonplatte um den Hals. Da ruft meine Oma an, sie fragt, wo wir abgeblieben sind. Endlich hat meine Familie unser Verschwinden bemerkt. Ich versuche den Namen der Station herauszufinden, aber da ist wieder kein Schild. Die Leute mit den bösen Gesichtern anzusprechen, traue ich mich nicht, ich kann kein Plattdeutsch. Mein Mann ist jetzt am Apparat, wie immer wenn ich mit ihm telefoniere, rauscht es, gibt es plötzlich Funklöcher und atmosphärische Störungen. Wenn ich keine Namen sagen kann, soll ich wenigstens die Umgebung beschreiben. Ich schaue mich um, sehe orangefarbene Kacheln, Rolltreppen, die Filialen von Kamps und Thoben Kuchen, Rentner und Frauen in schwarzen Parkas, eine Reihe von wackligen Plattenbauhäuschen ohne Heizung und mit roten salatartigen „Blumen“ in den Vorgärten und bemerke, dass wir direkt vor unserem Ferienhaus stehen! Der Jubel ist groß. Gerührt falle ich meinem Mann und dem Rest der Familie in die Arme und zum Abendessen gibt es Wiener Würstchen und Dosenanananas. Der Urlaub kann beginnen!

Written by:

Published on: Januar 20, 2017

Filed Under: Text

Tags: , , ,

One Response to Reise, Reise

  1. Nora sagt:

    Gerade die Kommode am Südstern gelesen und für gut befunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen