Rauschmelder

Ich kann nicht einschlafen. Bei mir ratterts im Kopf. Habe einen Brief von der Hausverwaltung bekommen. Sie wollen bei mir Rauchmelder einbauen. Ich will das nicht. Wenn es bei mir Rauchmelder gibt, kann ich keine geheimen Dokumente mehr im Waschbecken verbrennen, im Wohnzimmer nicht mehr grillen, keine Drachen mehr zu Besuch haben, mich nicht mehr an einem Feuerchen wärmen, wenn es mir allein im Bett zu kalt wird. Ich kann nicht einschlafen, bin zu nüchtern, ich muss raus, muss allein irgendwohin gehen, wo mich niemand kennt. Bier kaufen und einfach so dastehen. Es dauert nicht lange, dann kennt mich doch jemand. Also wir steigen ins Taxi und ich ende in einer Dachgeschosswohnung voller Ikeamöbel in Oberschöneweide. Er kippt drei Gramm bolivianisches Espenlaub auf den Küchentisch und muss niesen. Alles fliegt rum. Kein Problem, er kippt noch mal drei Gramm aus. Er will an meinen Zehen lecken. Ich bin vergeben, sage ich. Kein Problem, wir reden stattdessen über seinen Beruf. Er ist Hausverwalter. Was für ein Zufall! Ich frage ihn sofort, ob ich was dagegen tun kann, dass meine Hausverwaltung bei mir Rauchmelder einbauen will. Er sagt, ich müsste das dulden, so wäre nun mal das Gesetz, Rauchmelder deutschlandweit und ich sagte, ich will aber keinen und ob ich die dann heimlich wieder abmachen kann und er sagt, das darfst du nicht und wenn du dich weigerst, sie einbauen zu lassen, verklagen sie dich auf Duldung und wenn du dich dann noch weigerst, dann kündigen sie dir fristlos und er hätte auch gerade eine Mieterin wegen Duldung von Rauchmeldereinbau verklagt, aber die deutschen Gerichte seien zu mieterfreundlich und er hätte noch litauischen Vitaminstaub, den hätte ein Kumpel von ihm im Hintern aus Vilnius mitgebracht, ob ich das mal ausprobieren wolle. Ja klar. Er legt mir eine Bahn hin. Was ich denn eigentlich so beruflich mache, fragt er dann und ich sage, ich programmiere Webseiten für Schnürsenkel. Wenig später krabbele ich auf allen vieren durch seine Wohnung und sehe mir die cremeweiße Auslegware von nahem an. Da sind Krümel drauf. Ich bin glücklich, wie schon lange nicht mehr. Der Typ ist gar kein Hausverwalter, kann keiner sein, weil da Krümel auf der Auslegware sind. Ich brauch mir wegen dem keinen Rauchmelder einbauen lassen. Er hat gelogen, er hat keine Ahnung. Ich muss keine Handwerker in meine Wohnung lassen, ich muss nicht aufräumen. Mein Leben gehört wieder mir. Ich krabbel weiter, in eine andere Zone. Weiße Fliesen ohne Schlieren. Total sauber. Dann muss ich weinen. Immer muss ich irgendwo auf allen vieren rumkrabbeln. Hier ist es so sauber, der ist doch Hausverwalter. Und ich bin immer noch nicht müde. Ich krabbel aus der Wohnung, die Treppe runter und fahr mit der Kreditkarte in den Club zurück. Da findet inzwischen eine andere Party statt. -Bist du eingeladen? fragt die Frau an der Tür. Bevor ich antworten kann, sagt sie: -Ja, du bist eingeladen. So in bin ich mittlerweile. Drinnen ist es noch voller als vorhin. Der Barkeeper besorgt mir einen Sitzplatz und bringt mir meinen Lieblingsdrink. Der Clubchef kommt und fragt, wie es mir geht. Ich sage einer Frau meinen Namen. Sie fragt, ob ich DIE FrauRuth aus dem Internet bin. Ihre große Liebe hat ihr zum Schlussmachen einen Text von mir geschickt, seitdem liest sie alles von mir. Langsam fühle ich mich wieder normal. Mein Leben läuft gut. Läuft glatt. Bisher alles richtig gemacht. Beinahe 157 Facebookfreunde. Eine eigene Armbanduhr. Eine eigene Bluetoothbox. Eine eigene Kreditkarte. Mein Leben läuft super, ich darf einfach nur nie wieder nüchtern werden. Ich darf einfach nur nie wieder nach Hause gehen. Ich sehe auf mein Handy: Mein Freund hat mir schon über 5 telepathische Nachrichten geschrieben. Wo ich sei. Er würde sich Sorgen machen. Sorgen? Er hat gut reden. Niemand will bei ihm Rauchmelder einbauen. Aber mir gehts gut. Wenn ich nicht nüchtern bin, gehts mir immer gut. Ich fahre zu ihm, wir legen uns hin. Auf seinem Bett ist kaum Platz. Alles ist voll mit leeren Gummibärchenpackungen. Wir machen Liebe und all das, es ist wunderschön, die leeren Gummibärchenpackungen knistern unter meinem Hintern, aber dann muss er nach Montevideo fliegen und ich muss nach Hause gehen. Aber zu Hause kann ich immer noch nicht einschlafen und ich werde immer nüchterner, mir wird ganz schlimm und ich habe auch nichts mehr, was gegen Nüchternheit helfen würde. Wenigstens habe ich noch Zigaretten, ich rauche seit Neustem immer Marlboro Gold und ich weiß jetzt auch warum. Auf den Marlboro Gold Packungen gibt es nie Ekelbilder. Immer nur die mit der Frau und dem Baby, oder das traurige Paar, oder der impotente Mann, oder das Mädchen mit dem Perlenohrring. Ich bin mir sicher, Philip Morris zahlt Geld an die EU, damit sie die schönen Bilder bekommen. Der MarboroGoldRauch steigt an die Decke und es piepst. Die Rauchmelder! Sie haben sie in meiner Abwesenheit eingebaut! Ich stopfe mir Kopfhörer rein, höre Sepultura und spiel Warcraft bis die Feuerwehr kommt. Die Feuerwehr reißt die piependen Rauchmelder raus und nun ist Ruhe. Ich bin endlich müde genug, so dass ich die Nüchternheit nicht merke. Es ist sieben Uhr morgens. Heute gehe ich mal früh ins Bett.

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Published on: Februar 13, 2018

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