Pumpe kaputt

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung vom 7.2.2020

Meine Waschmaschine ist kaputt. Durch das Bullauge sehe ich seit Tagen mein rotes Bettwäscheset in grauer Lauge ertrinken, aber ich kann es nicht retten. Auf dem Waschmaschinendisplay erscheint die Fehlermeldung E7. Ich suche nach der Fehlermeldung im Internet. Pumpe pumpt nicht ab, weil Flusensieb verstopft. Mögliche Lösung: Flusensieb abschrauben und reinigen, sagt das Internet. Aber ich bekomme das Flusensieb nicht abgeschraubt. Es klemmt.

Ich versuche es mit einer Zange, aber mit der zersplittere ich nur den Flusensiebgriff. 

Ich greife zur Visitenkarte von Herrn W´s Haushaltsgeräte- Service: Verkauf, Wartung, Reparatur.

In meiner Wohnung geht alles verloren, wird alles verlegt: die neue Geheimzahl meiner Bankkarte, die Bankkarte, Betriebskostenabrechnungen, Bibliotheksbücher, Perlenohrringe, aber die Visitenkarte von Herrn W, hat seit unserem Kennenlernen vor 5 Jahren, anlässlich des Austausches eines verkalkten Waschmaschinenheizstabes, ihren festen Platz bei mir. Sie klebt seither mit einem sehr starken Magneten befestigt, auf der Tür des Sicherungskastens im Flur.

Herr W. ist nämlich der netteste, ehrlichste, zuverlässigste Reparateur von gebrauchten Haushaltsgeräten von ganz Berlin. Anders als bei unhöflichen Liebhabern, rufe ich unhöfliche Handwerker nämlich nie wieder an und deswegen ist Herrn W’s Visitenkarte so wichtig für mich.

Auch Herr W. bekommt das Flusensieb nicht auf und muss die Vorderwand der Waschmaschine abschrauben. “Pumpe kaputt.” sagt Herr W. In seiner hohlen Hand zeigt er mir ein blaues Stück Plastik, einen verrosteten Euro und eine Clubmarke, die wohl aus der Hosentasche eines unhöflichen Liebhabers gefallen sein muss und die sich in der Pumpe festgefressen hat.  Wie oft ich das Flusensieb geleert hätte, fragt Herr W. “Ach Gott, am Anfang habe ich das vielleicht ein, zweimal gemacht.” 

Mein Leben ist zu intensiv, um regelmäßig Flusensiebe zu reinigen. Herr W muss am nächsten Tag nochmal kommen, er hat heute keine neue Pumpe dabei. Er sorgt sich, dass meine Kinder sich inzwischen an der abgeschraubten Waschmaschinenvorderseite verletzen könnten. “Keine Sorge” sage ich. Das schwere Ding wird niemandem auf Kopf oder Füße fallen, weil meine Kinder sich einfach nicht verletzen dürfen. Mein Leben ist zu intensiv für kaputte Kinder. Am nächsten Tag baut Herr W die neue Pumpe ein, ermahnt mich, in Zukunft regelmäßig das Flusensieb zu leeren und Kleidung nur mit entleerten Hosentaschen in die Maschine zu tun. “Verstehe,” sage ich. “die Wäsche muss sauber sein, bevor sie in die Maschine kommt.” Wir lachen herzlich. Bis bald, Herr W.

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