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Prenzlberghain

Die Schlange ist lang. Sicher 30 Meter. Ich schiebe den Kinderwagen bis ganz nach vorn und sehe, wie Dirk eine Mutter abwimmelt. »Sorry, ist heute nicht euer Tag. Morgen vielleicht.« »Aber ich bin von der Baugruppe gegenüber«, insistiert sie, doch Dirk schüttelt den Kopf und wendet sich an das Paar mit dem Zwillingskinderwagen hinter ihr. »Rainer. Gästeliste plus eins«, sagt der Vater. Dirk schaut auf seine Liste und setzt Häkchen. Rainer mitsamt Frau und Kinderwagen dürfen rein. Dirk stempelt die Handgelenke der Eltern und die Händchen der beiden Kleinen im Wagen.

Die abgewiesene Mutter geht still davon. Die kleinen Räder des Kinderwagens ruckeln über das unebene Straßenpflaster. Ich kenne sie, die kommt nie irgendwo rein. Eigentlich sieht sie ja ganz ok aus. Aber ihr Gesicht ist zu gestresst, zu vogelhaft, und ihr Kind sieht ihr zu ähnlich. Wahrscheinlich würden sie nur die Stimmung kaputt machen. Auf dem Spielplatz will man Spaß haben. Man sollte es nicht zu sehr drauf anlegen, reingelassen zu werden. Man muss so eine gewisse Lässigkeit ausstrahlen. Die hat man, oder eben nicht. Dirk winkt mich durch. Wie immer. Wir kennen uns. Haben als Kinder zusammen gebuddelt. Ganz hinten in der Schlange steht meine Freundin Britta mit ihrem kleinen Caspar David. «Lässt du die auch gleich durch, Dirk?«, frage ich mit aufgesetzter Beiläufigkeit.. »Ok.« Ich winke Britta. Sie beeilt sich. Zu sehr. Caspar David an ihrer Hand stolpert und fällt hin. Zum Glück steht er einfach wieder auf und macht kein Theater. Sonst hätte es sich Dirk vielleicht noch anders überlegt. Quengelige Kinder dürfen nicht auf den Spielplatz. Da macht Dirk keine Ausnahmen. Auch für mich nicht. Wenn meine Georgina schlecht drauf ist, versuche ich es aber auch gar nicht erst. (Ganz im Gegenteil zu anderen Eltern.)

Manchmal schaffen sie es, das lärmende Kind mit einem Brötchen zu beruhigen und auf den Spielplatz zu schmuggeln. Aber nach ein paar Minuten fangen die ja doch wieder an zu stören, drängeln an den Schaukeln, streiten um ihr Spielzeug. Dann muss Dirk sie rauswerfen.

Viele sehen die Spielplatztürsteher ja kritisch. Es wäre unfair, es könne sich eben nicht jeder gut kleiden und nicht alle Kinder wären pflegeleicht, und die dürfe man dann nicht diskriminieren.

Für mich überwiegen aber die Vorteile. Die Spielplätze sind nicht mehr überfüllt. Die Kinder sind friedlich. Es gibt weniger Müll. Alle sind schön. Alle sind entspannt.

Wenn sie erst mal drin sind.

Ich parke Georginas Kinderwagen und schnalle sie ab. Britta und ich setzen Georgina und Caspar David zusammen mit Eimer und Schippchen in den Sand. Dann gehe ich an die Bar. Ich habe noch Getränkebons übrig und kann Britta auf einen Latte Macchiato einladen.

Die Kinder klettern gesittet auf die Spielgeräte. Länger als drei Minuten ist es nicht erlaubt, Klettergerüst oder Schaukeln zu okkupieren. So gibt es keine langen Wartezeiten, keinen Stress und keinen Streit. Die Kinder spielen, wir trinken. Die Sonne scheint. Es macht Spaß, Dirk und die Wartenden zu beobachten. Wir schließen Wetten ab, wer rein darf und wer nicht. Dirks Urteil ist unanfechtbar und unfehlbar, stellen wir fest.

Es ist schön, hier zu sein. Die Kinder spielen leise und selbstständig. Die Erwachsenen unterhalten sich. Es gibt keine Hysterie, kein Gequengel.

Sonnenuntergang.Einlassstopp. Dirk sperrt das Tor ab und gönnt sich jetzt selbst einen Latte.

Caspar David klettert von vorn auf die Rutsche. Einer der Zwillinge sitzt oben und wartet. Wütend trommelt er mit den Hacken auf das Blech. Rainer springt nervös auf. Aber Caspar David gibt die Rutsche nicht frei. Britta hockt sich neben ihren Sohn und versucht, ihn wegzuziehen. »Komm«, flüstert sie. »Sonst können die anderen Kinder nicht rutschen.« »Nein!« »Bitte, Caspar David!« Sie hat Tränen den Augen. Caspar schubst sie und wirft mit Sand. Auf die Rutsche und auf Britta. Nun hat Dirk es bemerkt. Ein strenger Blick und ein Schwenk mit dem Kinn in Richtung Ausgang genügen. Britta nickt und sammelt rasch Caspars Förmchen ein. Dirk hilft ihr, das sich aufbäumende und strampelnde Kind im Wagen festzuschnallen und geleitet sie zum Ausgang. Jetzt wird Georgina unruhig, ich gebe ihr schnell einen Keks. Ich will noch bleiben. Es ist so schön friedlich hier.

Aber ich werde auch bald nach Hause gehen. Spätestens, wenn die Sonne hinter der gegenüberliegenden Hauswand verschwunden ist. Ich bleibe ungern länger als bis halb sieben. Im Sonnenuntergang, in der letzten Stunde, wenn sich der Spielplatz leert, werfen einem die alleinstehenden Väter immer so scheele sehnsüchtige Blicke zu, als ob sie zum Abendbrotessen mitgenommen werden wollten. Aber darauf lasse ich mich nicht ein. Ich kenne das doch, die schlagen sich den Bauch voll und dann rufen sie nie wieder an.

 

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