Pappe und Teil

Meine Tochter ist in der ersten Klasse und geht gern zur Schule. Was sie dort macht, weiß ich  nicht. Jedenfalls kann sie nach den ersten vier Monaten halbwegs lesen und sie hat fast immer gute Laune.
Wir sind sehr stolz, dass wir es fast immer schaffen, sie pünktlich hinzubringen und jedes Wochenende schmieren wir ihr und uns teures Anti- Läusezeug ins Haar und deswegen überleben nur die stärksten und besten Läuse.
Also es läuft gut in der Schule und dann schaue ich nach Monaten das erste Mal in ihre Mappe. Alles ist weg. Zwei Filzis ohne Kappe sind bei ihr geblieben und ein gelber Buntstift mit abgebrochener Mine.
Was ist das eigentlich für ein seltsamer blauer Hefter? Neugierig schaue ich hinein. Der Wochenplan! Für jede Woche sind dort Aufgaben notiert, die mein Kind lösen soll. Alles ist rot, auf den eingehefteten Blättern. Seit Mitte November. Bitte nachholen, Üben, Bitte nachholen, steht hinter den Aufgaben. Lollipopheft, S. 18,19,20,21 bis Seite 100.
Ich schaue ins Lollipopheft. Sie ist auf Seite 11, die anderen Kinder sind auf Seite 46. Na gut. Müssen wir das eben nachholen. Ich kaufe ihr einen Schreibtisch und einen Schreibtischstuhl und neue Stifte und ab jetzt werden wir jeden Nachmittag und jedes Wochenende die Aufgaben lösen. Ja, das werden wir. Bis wir es geschafft haben. Wir werden das alles alles nachholen. Erste Aufgabe. Reimwörter aufschreiben. In einem Kästchen stehen die Wörter und darunter als Bild die Wörter, die sich darauf reimen. Also was steht da? Pappe. Darunter ist das Bild von einer Schulmappe. Also Mappe. Sie muss jetzt also Mappe hinter Pappe schreiben. Sie zögert. -Aber es heißt doch RANZEN!
Also sie brüllt es eher. Vielleicht weil sie schon ein bißchen mit den Nerven runter ist. Ich habe nämlich übersprungen, dass wir uns vorher schon durch eine Seite gequält haben. Das hat lange gedauert, mit Unterbrechungen wie: Toast essen, runtergefallene Federtasche aufheben, weinen, trösten, Pferde malen.
-Ranzen reimt sich nicht auf Pappe, schreib einfach Mappe hin, denk nicht weiter drüber nach, sage ich.
-Aber ist doch egal, Mappe heißt doch auch Ranzen, sagt sie.
-Ok, dann schreib eben Ranzen hin. Ranzen schreiben muss man schließlich auch üben.
(Mach einfach weiter, mach das Blatt voll, damit wir das nächste Blatt machen können und dann das übernächste und das überübernächste und das überüberübernächste und das überüberüberübernächste, Tag und Nacht, bis wir das alles geschafft haben und der Wochenplan erfüllt ist.)
Sie schreibt einfach nur Ra.. .und hört dann auf und liest das nächste Reimwort.
-Tei L. Tei … L. Tei … L. Was soll denn das heißen?
-Na TEIL!
-Teil??? Aber es heißt doch TEIEL!
(Pappe, Teil…Ich glaube die Leute die das Lernbuch geschrieben haben, sind ganz gerne mal auf Droge unterwegs…)
-Nein Liebling, es heißt nicht Teiel, sondern Teil, glaubs mir. Denkst du, die haben das falsch gedruckt, in allen diesen Büchern für die Kinder?
– Ja. Das heisst TEIEL!
-Gut, die haben das falsch geschrieben, das kann passieren, aber schreib doch jetzt einfach ganz schnell hin, was sich auf Teiel reimt.
(Damit wir weiterkommen, schreib irgendwas, von mir aus auch Schnur oder Bindfaden, die Seite muss fertig werden)
-Was soll ich denn schreiben?
Ich zeige auf das passende Bild.
-Was ist das?
-Ein Seil!
-Genau. Schreib Seil hinter Teil.
-Ja, aber das reimt sich nicht auf Teiel!
Sie schreibts dann trotzdem hin. Seil hinter Teiel. Eigentlich müsste sie jetzt noch Linien ziehen von den Reimworten zu den Reimbildern, aber ich tu jetzt mal so, also hätte ich den Teiel der Aufgabe nicht gesehen. Wir sind fertig. Den Rest mache ich heute Nacht. In Ruhe und alleine.

 

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Published on: Februar 11, 2017

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