Ornament und Verbrechen

Zum Glück bin ich kein Architekt geworden. Ich wäre schon an dem ewigen Millimeterpapier gescheitert und den zu harten Bleistiften. Ich kann keine geraden Linien zeichnen, dafür bin ich zu ungeduldig und all die kleinen Zahlen und Maße, ich wäre durchgedreht. Architekten sind auch nicht geil. Die drei Architekten die ich kenne, sind penible Alleswisser und korinthenkackende Rechthaber.  Alle atmen auf, wenn sie nach Hause gegangen sind, um weiter ihre Bücher nach Farben zu sortieren, oder ihre Plattensammlungen zu entstauben. Alle drei Architekten die ich kenne, halten ungefragt Vorträge bis einem die Ohren bluten, reden einen dampfwalzenartig nieder mit Banalitäten, schwimmen in Geld, sind aber unendlich geizig und unterdrücken ihre Frauen. Alle drei Architekten die ich kenne, haben schnarrende Stimmen, wie Albert Speer und tragen natürlich immer irgendwas mit schwarz und sind über 40. Wenn ich also irgendwo Architekten sehe, mache ich einen großen Bogen um sie und das rate ich euch auch. Zum Glück ist mir als Nichtarchitektin dieses Schicksal erspart geblieben, dass Leute einen Bogen um mich machen. Ich bin beliebt und habe keinen Zentimeter Millimeterpapier bei mir zu Hause und auch keinen Plattenspieler und nicht alle Bücher aus der bunten Reihe von Suhrkamp. Wenn ich Architektin wäre, würde ich ganze Stadtviertel, nein ganze Städte abreißen lassen, besonders die widerlichen Fachwerkaltbauinnenstädte mit ihren “romantischen” verwinkelten Gäßchen und ich würde da breite Boulevards hineinfräsen, und an deren Seiten monumentale Sandsteinblöcke hinstellen, eine Erniedrigungsarchitektur mit immergleichen Fensterreihen, einen komplett erdrückend, die Menschen in einen Taumel der Nichtigkeit versetzen und so auf ein normales menschliches Maß zurechtstutzen. Alle hätten sofort einen viel besseren Charakter, wenn sie in meinen Städten leben müssten.

Auch das Klima würde ich dahingehend ändern, dass es beeindruckender wäre. Nicht so ein mickriges gesichtsloses halbwarmes, halbkaltes Nieselregenwetter, sondern im Winter immer Schnee und mindestens minus 20 Grad und Polarnacht. Dazu eine schöne Smogwolke und die Menschen sollten gebückt und in Eisbärfelle gehüllt durch den schneidenden Wind hasten, auf den überbreiten Boulevards wo es kein einziges süßes Straßencafé gibt und keinen Coffee to go, es gibt sowieso überhaupt keinen Kaffee außer Haus, nur morgens früh um halb fünf dünnen Filterkaffee zu Hause, hinter einem der unzähligen gleichen Fenster in einer der unzähligen Wohnungen im gleichen perfekten Grundriss. (Riesiges Wohnzimmer mit Küche und vier kleine Schlafkabuffs.)

Im Sommer ist es einfach nur heiß, heiß, heiß. Kein Wind. 35 Grad jeden Tag. Alle acht Tage krasses Gewitter. Dann wieder heiß, heiß, heiß.

Der Herd in der Küche wird mit Braunkohle betrieben. Überhaupt ist die gesamte Energiegewinnung wieder auf Braunkohle umgestellt. (Daher auch der Smog) Windräder und Solarenergie sind in meiner Welt verboten wegen Hässlichkeit. Wieviel tausendmal schöner ist dagegen ein Braunkohlekraftwerk mit seinen hohen schwarzen Schloten. Ich eröffne Kraftwerke und Bergwerke wieder und löse damit auch das Problem der Beschäftigungslosigkeit.

Menschen gehen wieder in die Keller, jeden Morgen und schleppen Kohleeimer. Das Quietschen der Eimer. Der Grusel im Keller. Das Schippen, der Dreck, der Geruch. Alles ist wieder da und macht, das wir uns wieder jung und lebendig fühlen.^

Reihenhäuser und Einfamilienhäuser und all die kleinen Träume vom Haus mit Garten werden abgerissen, Vorstädte werden verboten, der Boden wird entsiegelt und Dschungel oder Landwirtschaft. Individuelle Lebensentwürfe werden nur noch im Rahmen meiner kilometerlangen Sandsteinbehausungen möglich sein.

Alle Städte werden umbenannt. Schluss mit Oeynhausen, Pufendorf, Königswinter und Salzgitter. Die Orte werden durchnummeriert in römischen Buchstaben. Heißen jetzt Herzberg I, II, III, VI, V etc.

Natürlich wird es für die Massen auch Freibäder, Sportpaläste, Kinosäle und Theater in gigantischen Ausmaßen geben. Ich bin ja kein Unmensch. In den größeren Herzbergs werden große Amphitheater errichtet werden.

Wenn ich Architektin wäre, würde ich nur Gutes und Schönes schaffen, aber ich bin keine, weil ich das nicht studiert habe und ich habe das nicht studiert wegen des Millimeterpapiers und der vielen Zahlen und darum müssen wir alle unser trauriges Leben weiterleben wie gehabt.

3 Kommentare

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Die Nummerierung der vielen Herzbergs mit römischen Ziffern halte ich für unpraktisch, da es in Deutschland ca. über 12.000 Städte/Ort/sonstwas gibt. Das passt dann doch auf kein Ortseingangsschild.
Beispiel: 12458 lautet als römische Zahl MMMMMMMMMMMMCDLVIII
==> Herzberg MMMMMMMMMMMMCDLVIII
Das ist einfach zu breit.
Ansonsten stimme ich allen anderen Vorschlägen zu, Frau Architektin.

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